Mein Meister und ich

Menschen, die nach inneren Werten forschen, suchen im allgemeinen einen spirituellen Meister. In meinem Fall war es anders. Mein Meister hat mich gefunden. Von einem Tag auf den anderen hatte ich einen Meister. Ich erhielt ihn wie eine sichere, unvermeidliche Fügung. Es war allerdings für mich nicht einfach, mich mit dieser Tatsache zu identifizieren. Dazu brauchte ich Zeit. Ich brauchte einige Zeit, um auch nur teilweise zu verstehen, was sich in unserer Beziehung abspielte.

Bei den Menschen des Abendlandes taucht immer wieder die Frage auf, warum man überhaupt auf die Hilfe eines Meisters angewiesen sei. Warum kann ich nicht alleine erreichen, was du erreicht hast oder erreichst, werde ich oft gefragt. Wenn ich bete oder meditiere, dann werde ich mit wie auch ohne Meister von einer gewissen Energie durchflutet, die von meiner Strebsamkeit herrührt. Je konzentrierter mein Gebet oder meine Meditation ist, desto stärker ist auch die Kraft, die mich durchfließt. Durch meine Ausdauer und die Regelmäßigkeit meiner Bemühung erhöht sich diese Energie zunehmend. Es ist mir aber leider nicht möglich, zu bestimmen oder auch nur zu beeinflussen, in welchem Maße und mit welcher Effektivität diese Kraft ihr Ziel, nämlich das göttliche Bewusstsein, erreicht. Wenn mir jemand zur Seite steht, der diese Kraft lenken kann, dann ist die Effektivität meiner Bestrebung höher, denn je mehr diese Kraft zum Höchsten aufsteigt, um so mehr Gnade kommt von oben herab. Diese Person ist sozusagen für die Verwertung meiner Anstrengung zuständig. Heute würde man so jemanden Marketing-Manager nennen. Wie man hier auf der Erde einen Manager braucht, um ein Star zu werden, so braucht man auch Hilfe in der inneren Welt, damit das Streben im Herzen möglichst effektiv verwertet wird. Ich will nun in der inneren Welt ein Star werden. Deshalb ist für mich mein Meister unentbehrlich. Er ist für mich nicht ein gewöhnlicher Lehrer. Ich hatte selten guten Kontakt zu meinen Lehrern. Ein Lehrer will mich unterrichten, will mir etwas geben, er will mir sein Wissen aufzwingen, weshalb er mich auch prüft, also auch Rechenschaft verlangt. Der spirituelle Meister dagegen lenkt mein Lernen, meine Selbstbildung, meinen Selbsterkennungsprozess. Er prüft mich nicht, sondern steht mir bei, damit ich die Prüfungen des Lebens erfolgreich bestehe. Der spirituelle Meister ist kein Gott, er ist ein Mensch, er ist mein älterer Bruder, der über ein höheres, göttlicheres Bewusstsein als ich verfügt. „Der Meister ist ein Diener. Der Diener öffnet die Tür und sagt dem richtigen Chef, dem Supreme, dass Ihn jemand sucht.” (Sri Chinmoy)

Ein Märchen: Es gab eine Schafherde mit Hirten, Hunden und allem, was dazu gehört. Dann, eines nachts, kam ein hungriger Tiger und sprang in die Schafherde, um ein Schaf zu reißen. Aber durch die bellenden Hunde wurden die Hirten geweckt, die den hungrigen Tiger töteten. Am darauffolgenden Tag tauchte das Tigerbaby auf, welches von einer Schafmama adoptiert und erzogen wurde. Der Tiger wurde groß, lernte zu blöken und zu weiden und ließ sich von den Hunden treiben. Er wurde ein richtiges Schaf. Eines Tages traf wieder ein hungriger Tiger auf die Schafherde und war auf der Suche nach einem Abendessen. Er jagte den Schafen nach, die natürlich erschracken und blökten, und genauso reagierte auch das Tiger-Schaf. Als der hungrige Tiger das Tiger-Schaf erblickte, zweifelte er, schämte sich, ja es verging ihm sogar völlig der Appetit. Der hungrige Tiger sprang zu dem blökenden, zitternden Tiger, der ihn anflehte, ihn nicht aufzufressen, und nahm ihn mit sich. Als sie dann allein waren, versuchte er den Kollegen zur Vernunft zu bringen. „Du Verrückter, weißt du nicht, dass du kein Schaf, sondern ein Tiger bist?” Aber der andere hatte immer noch Angst und jammerte, „bitte friss mich nicht auf, bitte friss mich nicht auf”. Daraufhin führte der Tiger das vermeintliche Schaf zum Ufer eines Sees und hielt den Kopf des anderen Tigers über den Wasserspiegel. Das Wasser spiegelte die beiden Tigerköpfe. „Siehst du nun, dass wir beide gleich sind?” So erblickte der Tiger im Wasser sein wahres Ich, das mit dem anderen Tiger identisch war.
    Genau das geschah mit mir, als ich das Foto meines Meisters auf dem Buch erblickte. Ich erblickte meinen Tiger. Ich kam dann eigentlich zu ihm, um ein Tiger zu werden. Die Lehre des Märchens und meine eigenen Erfahrungen in der Beziehung zwischen Meister und Schüler führten mich zu folgender Erkenntnis: Der Meister erkennt den Schüler sofort und reißt ihn aus seinem Käfig heraus. Aber der Schüler identifiziert sich mit dem Schaf solchermaßen, dass er nicht glauben und sich nicht vorstellen kann, dass er als Kind der Unendlichkeit über uneingeschränkte Kraft verfügt. Ja, selbst wenn der Meister es ihm zeigt, kann er es sich noch immer nicht vorstellen. Der Erkenntnisprozess und der Identifizierungsprozess dauert sehr lange, so wie im Fall des Tigers, so etwas geht nicht von einer Minute auf die andere. Eines der Hauptprobleme ist der Zweifel. Wenn das alles wahr wäre, dann würden die niedrigen Kräfte mich nicht nach Belieben quälen und hin und herreißen. Der Meister sagt, dass die Kräfte sofort aufhören damit, sobald ich weiß, wer ich bin. Aber wie kann ich das tun, wie kann ich das tun, ringe ich mit meinen Zweifels-Qualen.

Die Botschaft des Meisters lautet: „Lerne von mir, schau mich an, identifiziere dich mit mir! Mach´ das, was ich mache! Sieh´ nicht, dass dein Meister dort geht, spüre, dass du selbst dort gehst. Schau nicht, dass dein Meister lächelt, fühle, dass du lächelst. Höre nicht, dass dein Meister spricht, fühle, dass du sprichst. Spüre nicht, dass du meditierst, sondern fühle, dass dein Meister meditiert. Lebe in seinem Herzen und seinem Bewusstsein, das gehört dir. Ich lasse dich herein und es liegt natürlich an deinem freien Willen, das entweder zu nutzen oder nicht. Nutze es! Sauge mich in dich hinein, wie ein Schwamm das Wasser in sich saugt! Dann besitzt du mein Bewusstsein, dann bist du mein Partner. Dann wollen wir das gleiche, wir werden eins, wir sind eins. Endlich sind wir beide Tiger, du weißt es nur noch nicht. Du glaubst das nicht, weil du zum Schaf erzogen wurdest und deine Schafnatur nicht nur akzeptierst sondern auch stolz pflegst.”
    Ein paar Monate, nachdem ich Schüler geworden war, kam Guru wieder nach Europa. Wann immer er kam, fuhr ich zu ihm. Es geschah in München. Damals bevorzugte Guru in seinen sportlichen Aktivitäten das Gewichtheben und hob Menschen mit einer eigens angefertigten Hebemaschine. Er sagte, er will Menschen, die etwas Gutes für die Welt getan haben, damit auszeichnen, dass er sie auch physisch hebt. Am letzten Tag hob er sehr viele Menschen, unter ihnen auch ein paar Bodybuilder mit einem Gewicht über 100 kg. Es blieben noch einige ältere Schüler übrig, denen er versprochen hatte, sie zu heben. Inzwischen war es spät geworden und er war schon müde, weshalb er eine Liste jener Personen vorlas, die er gerne heben wollte, wenn sie Anfang Dezember nach New York kommen würden. Zu meiner großen Überraschung war auch mein Name auf der Liste. Bis dahin war ich noch nie in New York, ich war ein Anfänger. Am 8. Dezember 1988 hob mich Guru tatsächlich bei meinem ersten Besuch in New York auch körperlich.
Ich hatte ein interessantes Erlebnis, als. ich in New York im Haus der deutschen Schüler wohnte. Am Abend nach dem Schlafengehen wurde es, nachdem das Licht ausgeschaltet worden war, wieder hell. Obwohl es ganz hell war, sah ich nicht den winzigen Käfig, in dem ich lag. Da ich sehr müde war, störte mich das Licht und ich wollte entweder jemanden bitten, das Licht auszuschalten oder es selbst tun. So richtete ich mich im Bett auf und spürte, dass meine Augen zu waren. Das konnte ich zuerst nicht glauben. Dann legte ich mich wieder hin und betastete lange meine Augenlider. Sie waren wirklich zu. Das war das erste Mal, dass die innere Sonne aufging.
Sri Chinmoy veranstaltet jährlich zweimal, und zwar im April und im August, Feiern mit seinen Schülern. Im August feiern wir seinen Geburtstag und im April den Jahrestag seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten. Meiner Meinung nach sind diese Feste nur äußerlich gesehen Feste. Die Schüler erfahren in einem sehr intensiven, manchmal bewussten, inneren Prozess der Umwandlung, was für den Meister keine Feier, sondern in Wirklichkeit eine sehr intensive bewusste innere Arbeit an der Umgestaltung bedeutet. Der Meister arbeitet also bewusst an seinen Schülern, die sich meistens unbewusst umwandeln und entwickeln. Ich habe die Ergebnisse, von einigen Ausnahmen abgesehen, erst nachträglich gespürt. Eine solche Ausnahme war einmal, als wir auf dem Tennisplatz saßen und die göttliche Wonne in mich eindrang. Das dauerte lange, sie blieb einige Stunden in mir. So hatte ich genügend Zeit, sie zu beobachten. Mein Erlebnis begann ganz unerwartet auf dem Tennisplatz in der Anwesenheit von Guru. Eine unbeschränkte, unkontrollierbare, in ihrer Ausdehnung für mich bisher unbekannte, die Grenzen der für den Menschen ertragbaren Freude überschreitende Freude überkam mich. Ich glaube, dass es die Göttliche Wonne war. Gewöhnlich, wenn man eine riesengroße Freude spürt, schaudert es einen, oder es läuft einem kalt den Rücken hinunter. Aber in diesem Fall überflutete sie die ganze Oberfläche meines Körpers, riss jede Zelle mit sich und ließ sie nicht los. Mein Körper war, als würde er nicht aus Materie bestehen. Alles war hauchleicht, aber gleichzeitig voller Energie. Es hätte mich gar nicht gewundert, wenn ich geflogen wäre. Ich brachte weder Essen noch Getränk hinunter. Auf dem Heimweg gab ich mein Essen einem herrenlosen Hund und ich musste mich zurückhalten, um ihn nicht abzuküssen. Dieser Grad der Freude und die sie begleitende bedingungslose Liebe macht den normalen menschlichen Verstand total verrückt. Inzwischen weiß ich schon, dass die Besonnenheit der Seele unerlässlich ist, um die göttliche Wonne auszuhalten. Der schmutzige, herrenlose Hund war da für mich Gott, ich sah Ihn, ich erkannte Ihn in dem Hund. Aber nicht nur in dem Hund, sondern in allem, was sich bewegte und in allem, was sich nicht bewegte. Das war unbeschreiblich wunderbar und dieser Zustand dauerte und dauerte an. Egal was ich mir anschaute, was ich berührte, alles löste eine mit Worten nicht beschreibbare Freude, Wonne in mir aus. Ich war dafür sehr dankbar, vor Dankbarkeit hätte ich jede Minute weinen können. Tatsächlich schluckte ich meine Dankbarkeitstränen. Dann dachte ich daran, warum ich so viel Gutes erleben darf, das verdiente ich ja vielleicht gar nicht. Als ich das Gefühl hatte, dass ich es nicht verdiente, da war die Wonne weg. Wahrscheinlich sind wir so viel wert, wie wir von uns selbst halten und das ist leider meistens nicht sehr viel.

Im April 1989 war ich zum ersten Mal zu den Feierlichkeiten (Celebrations) in New York. An dem Tag, der den Spielen gewidmet war, fand ein Sprungwettbewerb statt. Man musste auf einem Bein springen. Damals war ich noch scheu, weshalb ich an diesen Programmen nicht teilnahm, aber dort waren so viele Schüler, dass ich mich doch hinstellte. Die Zeit verging und immer weniger Leute standen vor mir. Als wir bereits nur zu fünft dort standen, dachte ich, dass ich mich aus der Reihe herausstehlen sollte, sonst würde ich auffallen. Zudem hatte ich auch noch starke Beinschmerzen. Den Nächsten werde ich noch abwarten, dachte ich, aber dann gehe ich auch weg. Diese Gedanken wiederholte ich so lange, bis wir schließlich zu zweit im Ring übrig geblieben waren. Mein springender Partner war ein ganz junger Mann, der beste Athlet unter den Schülern. Wir sprangen sehr lange herum, als der Junge Guru bat, die Zeit messen zu lassen. So hatte ich keine Chance mehr. Ich war langsamer und daher verlor ich natürlich gegen den Jungen. Am Abend, als wir bei dem festlichen Abendessen saßen, berührte jemand meine Schulter. Es war der Meister. Ich wollte aufstehen, aber er ließ es nicht zu. Er ermutigte mich, weiter zu essen und fragte mich, wie ich mit dem jungen Mann wettstreiten konnte. Da ich ein Zahnarzt bin, können meine Hände kräftig sein, aber meine Beine auf keinen Fall. „Mit Strebsamkeit, Guru” – antwortete ich kurz. Mehr konnte ich damals auf Englisch kaum sagen.

Von diesem Tag an bevorzugte mich Guru immer, er rief mich oft zu sich oder sprach mich aus irgendeinem Grund an. Das brauchte ich wahrscheinlich, um immer mehr und mehr zu streben. Natürlich überkam mich immer wieder der Stolz. Nun, seht wer ich bin! Auch der Meister sieht, dass ich nicht irgendwer bin, dachte ich oft. Mit wunderbarer Weisheit verteilte Guru seine Auszeichnungen. Wenn ich sehr stolz war, zog sich Guru zurück, er würdigte mich nicht einmal eines einzigen Blickes, er ignorierte mich nicht einmal. Ich existierte dann einfach nicht für ihn, das diskriminierte mich. Auf diese Weise erkannte ich, dass in mir nichts Besonderes steckt. Guru war eigentlich wie ein Gärtner. Er schnitt den Baum bzw. schnitt die in die falsche Richtung wachsenden Äste ab. Der Baum war mein Ego.
    In Zusammenhang mit dieser Sache erinnere ich mich an ein sehr interessantes Erlebnis. Wir waren irgendwo in Deutschland. Es fand eine Geh-Meditation („walking-meditation”) statt. Eine solche Meditation spielt sich folgendermaßen ab: Der Meister sitzt in seinem Sessel und die Disciples (Schüler) gehen bei ihm vorbei. Alle meditieren. An diesem Abend war ich besonders stolz, weil Guru mich an dem Tag öfters anlächelte. Mit vollen Munde erzählte ich vieles, um interessant zu sein, ich war sehr locker, weil ich mich selbst für den hervorragendsten hielt und befand mich in sehr guter Stimmung. Ich stellte mich am Ende der Reihe an, um die Meditation so nebenbei hinter mich zu bringen. Wir gingen in einer Reihe, die einen Bogen bildete, bei Guru vorbei. Als ich den Anfang des Bogens erreichte, bemerkte ich, dass ich kleiner geworden war. Ich reichte dem vor mir stehenden Disciple nur noch bis zu den Schultern. Da wurde ich kleinlaut. Wie wir uns vorbewegten, wurde ich immer kleiner und kleiner. Das jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. „Bin ich zu einem Zwerg geworden oder was?” dachte ich. Als ich vor Guru stand, war ich so groß wie ein sieben- oder achtjähriges Kind. Das war verblüffend, und ich sah mir still, wirklich nur verblüfft den im großen Sessel sitzenden riesen Menschen an. Mein Stolz war wie verblasst. Als ich Guru meinen Rücken kehrte und wegging, gewann ich langsam meine richtige Größe zurück. An diesem Abend blieb ich sehr still. Ich habe eine große Lektion über die richtige Größe erhalten. Jahrelang bemühte ich mich, innerlich dieses Kleinwerden zu üben. Besonders dann, wenn Leute die durch mich erbrachten Leistungen sehr lobten, z.B. einen  guten Vortrag, einen guten Lauf usw. Wenn ich heute ein Lob einsteckte, litt ich am nächsten Tag. Aber wenn ich mich rechtzeitig vor dem Lob ganz klein machen konnte, war ich frei, und nichts beeinträchtigte meine innere Größe, im Gegenteil. Irgendwo las ich in Gurus Schriften, dass die wirkliche Größe des Supreme nicht im Besitztum des unvorstellbaren unendlichen Universums besteht, sondern darin, dass Er in der kleinsten Ameise ist und sogar zulässt, dass wir darauftreten.
    Nachdem ich ca. zwei Jahre Schüler war, las meine Frau ein Buch von Sri Ramakrishna, und als sie begann, zu ihm einen inneren Kontakt zu spüren, fing sie mit Meditationsübungen an. Dann, nach einem interessanten Erlebnis, bei dem das Gesicht von Sri Ramakrishna mit dem Gesicht von Sri Chinmoy immer wieder wechselte, wollte sie Schülerin von Sri Chinmoy werden und schickte dem Meister ein Foto, auf dem sie mit beiden Kindern abgebildet war. Sie sagte, dass sie in erster Linie Mutter ist und ohne ihre Kinder nirgendwohin ginge. Wenn die Spiritualität für sie gut ist, dann wird sie auch für die Kinder gut sein. So sind bei uns alle Familienmitglieder „disciple” geworden. Bei den nächsten Feiern in New York fragte Guru mich, warum ich die Kinder nicht mitgenommen hätte, ob sie vielleicht keine Ferien hätten. Ich erwiederte, dass sie wohl Ferien hätten, aber ich noch ein neuer Disciple sei, weshalb die Kinder nicht kommen dürften. Anfänger dürfen nämlich Kinder nur mit spezieller Erlaubnis zu den Feiern in New York mitnehmen. Als Guru das hörte, fragte er mich, ob ich wirklich ein neuer Disciple sei. Ich nickte und er fing an zu lachen, er lachte laut und wiederholte oft, neuer Disciple, neuer Disciple und amüsierte sich köstlich. Das war und ist noch immer für mich sehr rätselhaft. Dann sagte er, dass er sehr dankbar wäre, wenn ich beim nächsten Mal auch die Kinder mitbringen würde. Er wäre dankbar. Wenn er so ehrlich und bescheiden so etwas sagt, dann weiß ich nie, was ich mit mir anfangen soll. Soll ich lachen oder soll ich weinen? Die Kin-der freuten sich sehr, weil sie beide eine amerikanische Schule besuchten. Deshalb war für sie die erste Reise auch wie eine Heimkehr.
    Die Kinder hatten ein Problem. Wenn wir alle einen spirituellen Meister haben, wie kann der arme Spoty ausgelassen werden. Er als unser treuer (so weit ein Sturköpfiger treu sein kann) Dalmatiner, der unser Haus bewacht, gehört letztendlich zur Familie. Auch er braucht die seelische Entwicklung. Ich musste etwas tun. Also, schoss ich ein Foto mit den zwei Kindern und mit Spoty. Ich heftete es auf ein Blatt und schrieb die Personalien auf: Seinen Namen, Beruf: Hund eines Wiener Zahnarztes, Familienstand: ledig, Geburtsjahr und alles, wie es üblich ist, wenn man Schüler werden will. Dann gab ich das Bild einem Schweizer Jungen, der die Fotos der Kandidaten weiterleitet. Zuerst war er besorgt, ob wir das wirklich tun dürften, doch ich sagte ihm, dass es unbedingt geschehen müsse. Schließlich gab er das Foto tatsächlich Guru, der es sah, lächelte und nickte. So löste sich auch das letzte Problem im Interesse der Vervollkommnung des seelischen Lebens der Familie.

Guru sagt, wer keinen Humor hat, der kann sich Gott nicht nähern. Darum denke ich, dass ein Fanatiker, der keine Witze versteht, Gott nicht sehr nahe sein kann. Die Hauptrolle meiner Söhne in New York lag im Lachen und darin, andere zum Lachen zu bringen. Es gab Feiern, wo sie jeden Tag nur Witze vortrugen. Sie haben die Witze nicht nur erzählt, sondern auch gespielt. Das genossen sie sehr, sie bereiteten sich den ganzen Tag darauf vor und wir lachten unheimlich viel. Manchmal bin ich auch aufgetreten, ich sollte helfen. So war ich das eine Mal z. B. eine Kuh, ein anderes Mal auch Guru, den die Kinder neckten. Die Ferien in New York waren für die Kinder immer ein schönes Erlebnis. Wenn sie sich während der Meditation oder des Konzertes langweilten, gingen sie immer hinaus und spielten entweder im Tor oder im Treppenhaus. Einmal kam unser jüngerer Sohn während des Konzertes vom Spielen zurück. Meine Frau dachte, dass sich die zwei Jungen zerstritten hätten. Deshalb fragte sie Khokan, ob etwas vielleicht nicht in Ordnung sei. Alles sei in Ordnung, sagte er, nur so viele Leute seien inzwischen weggegangen, dass Guru ihm leid tat und er kam herein, damit wir mehr sind. Da wir zweimal jährlich nach New York flogen, sind die Jungen zu den neuen Computerspielen früher gekommen als ihre Klassenkameraden in Europa. Deshalb fühlten sie sich sehr cool. Kaum kamen wir zu Haus an, begann schon die Verhandlung für den nächsten Einkauf in New York. Beide haben New York lieb gewonnen. Muktambar studierte dort und Khokan tut das gleiche jetzt.

In den ersten Jahren war es für mich ein sehr interessantes Erlebnis, wenn Guru ganz nahe, unmittelbar an mir vorbeiging. Da spürte ich ein inneres Zittern. Dieser Ausdruck passt nicht ganz, es glich eher einem Erdbeben. Einmal in meinem Leben erlebte ich ein richtiges Erdbeben in Rumänien. Da zittert, bebt das Innere des Menschen. Man übernimmt das Beben der Erde. Das ist ein sehr interessantes Gefühl, es ist natürlich nicht angenehm, aber nur, weil es von Angst begleitet ist. Ein ähnliches Gefühl hatte ich neben Guru, nur ohne eine äußere Ursache, ohne das Beben des physischen Körpers. Ich wusste und weiß bis heute auch nicht, was das ist. Es war für mich nur ein Beweis, dass es eine außerordentliche Kraft gibt und in mir dank seiner Anwesenheit etwas geschieht. Das war sehr interessant. Als ob sich der ganze Körper bewegen würde. Man kann spüren, dass er sich bewegt, aber gleichzeitig rührt sich nichts, er ist stabil. Das ist ein Gefühl, als wenn dein innerer Körper aus einem äußeren Käfig herausbrechen wollte. Ein sehr ungewöhnliches Gefühl, nicht schlecht, aber wenn man es zum ersten Mal spürt, weiß man nicht, was das ist. Ich freute mich immer darauf und trachtete immer danach, Guru nahe zu kommen.
    Guru besitzt einen Tennisplatz. Er kaufte vor vielen Jahren im Stadtteil von Queens ein schmales Grundstück zwischen den Holzhäusern, das als Müllabladeplatz dahinvegetierte. Jetzt gibt es dort einen schönen Tennisplatz mit vielen Sitzplätzen und einem großen begrünten Garten. Haupttreffpunkt der Schüler ist in erster Linie der Tennisplatz. Einmal saß ich mit meiner Frau in der obersten Sitzreihe, als Guru einige seiner Gebrauchsgegenstände zum Verkauf ausstellte. Unter den Gegenständen war ein mit schönem, blauen Samt überzogener Stuhl und ein großer, bequemer Sessel mit einstellbarer Lehne. Die Preise waren festgelegt und man konnte sich aufschreiben lassen, wenn man etwas kaufen wollte. Nachdem wir uns alles angesehen hatten, gingen wir zu unseren Plätzen zurück. Marami gefiel der Stuhl sehr, sie verliebte sich in ihn. Ich wollte nichts haben. Ich sagte ihr, das sie hinunter gehen und ihren Namen aufschreiben lassen soll für den Stuhl. Man kann nie wissen, vielleicht hat sie Glück, wenn es so etwas hier auf dem Tennisplatz gibt. Sie flehte mich an, dass ich mitgehe und auch den Sessel für mich mit ihr kaufe. Um Gottes willen, dachte ich, ich hätte nur viele Probleme damit, der Stuhl ist kleiner, man kann ihn nach Hause mitnehmen, aber den Sessel kann ich wirklich nicht gebrauchen. Aber inzwischen begleitete ich sie, und während sie sich aufschreiben ließ, bemerkte ich, wie ich meinen Namen auf die Liste der Sesselanwärter schrieb. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das tat. Als wir da herumstanden, überlegte ich mir, wie ich so einen Unsinn tun konnte. Was sollte ich mit einem so großen Sessel in New York anfangen? Er sollte besser einem hiesigen Menschen gehören. Ich ging los, um meinen Nahmen von der Liste zu streichen, aber als ich mich Guru näherte, winkte Guru und nahm die Liste vor meiner Nase an sich. Ich war sehr traurig und fühlte mich sehr schlecht, wie immer, wenn ich etwas Dummes tat. Ja ich fühlte mich so schlecht wie bei meinen Autokäufen. Ich unterschrieb und dann bin ich draufgekommen, dass ich das Zeug gar nicht brauche, da ich noch ein sehr gutes Auto besitze. Diese Leidenschaft brachte mir so viel Leiden wie sie viel Geld kostete. Wir setzten uns an unsere Plätze zurück.

Unten fertigte man die Zettelchen für die Auslosung an. Ich fühlte mich wie vor Gericht. Wenn man etwas Dummes macht, dann bleibt einem nur eines übrig. Ich fing an zu beten und zu flehen, um den Sessel nicht zu bekommen. Meine Frau machte dasselbe, nur umgekehrt, um eine positive Entscheidung herbeizuführen. Die Mehrheit der Gegenstände hatte bereits ihre Besitzer gefunden, als der blaue Stuhl an die Reihe kam. Die Zettelchen der Kandidaten steckte man in eine riesengroße Tüte, und Guru loste sie mit seiner eigenen Hand aus. Guru suchte sehr lange in der Tüte und zog den Namen Marami heraus, die unglaublich glücklich war. Ich war beängstigt und betete. Guru, beweise mir, dass du mich liebst und rette mich vor meinem eigenen wiederholten Blödsinn. So betete ich, um meine Haut zu retten. Der Sessel war der letzte Gegenstand, es war der Höhepunkt. Guru sagte, dass er in den vergangenen zehn Jahren seine innere Arbeit in diesem Sessel sitzend verrichtet und in ihm die höchsten Samadhis erlebt hatte. Dann wurde es still, gespannte Stille. Im Mikrophon hörte man nur das Knistern der Tüte, als Guru mit geschlossenen Augen lange den geeigneten Zettel suchte. Endlich nahm er einen heraus und las den Namen vor: Gunagriha. Ebenso wie bei der Namensgebung war ich wieder nicht glücklich. Ich hatte zu Hause einen Sessel, wozu brauche ich noch einen, dachte ich nun wie bei den Autos. Na ja, sagte ich zu mir, das habe ich zumindest wirklich nicht selbst gekauft, das hat Guru mich kaufen lassen. Deshalb konnte ich es akzeptieren, bestimmt war es richtig so, der Sessel musste nach Hause transportiert werden. So ist der Mensch. Ich schätzte den Sessel erst richtig, als mir gratuliert wurde und ich sah, wie hoch er von allen geschätzt wurde. Für den Sessel musste ich ein Flugticket kaufen und den Stuhl gaben wir als Gepäck auf. Der blaue, samtene Stuhl dient Marami als Altar bei ihrer Meditation und ich meditiere seither in Gurus Sessel. Am Anfang war das sehr schwer, weil ich immer einschlief. Der Sessel war materialistisch gesehen zu bequem oder spirituell gesehen zu stark für mich. Wenn ich mich hineinsetze oder ihn nur sehe, bin ich Guru immer sehr dankbar. Ich selbst hätte ihn mir nicht gekauft.

Wir konnten ein Foto nach New York schicken, damit Guru uns sagt, was unsere beste und unsere schlechteste Eigenschaft ist und wie wir uns am schnellsten entwickeln können. Die ganze Familie schickte ein Foto. Ich war zwar nicht anwesend, als Guru auf die Bilder meditierte, aber folgendes wurde erzählt: In Sekunden schrieb er die Eigenschaften mechanisch auf. In sehr kurzer Zeit machte er das mit sehr vielen Disciples. Als er gefragt wurde, wie er das mache, antwortete er, dass es ein Spiel sei, er selbst hätte damit eigentlich nichts zu tun. Wenn er auf das Foto schaut, steht er im Kontakt mit der Seele und die Seele sagt alles über die Person, weil die Seele gerne angibt. Jedenfalls trafen die Eigenschaften wunderbar auf uns zu. Bei uns in der Familie war das ein Volltreffer. Spotys Foto wurde natürlich nicht nach New York gesandt. Aber diejenigen, mit denen ich sprach, erzählten mir das gleiche. Guru bat uns damals, niemandem die Antwort zu zeigen, weil es Neid oder Spott auslösen könnte. Aber es ist schon so lange her, deshalb glaube ich nicht, dass es mir jetzt noch schaden würde.

Mit diesem Beispiel möchte ich aufzeigen, wie man negative Dinge in positiver Weise mitteilen kann. Der Meister sagte nicht, „Nun, mein Kind, dein Kopf ist voll von Schmutz”, was hundertprozentig zugetroffen hätte. Ich würde sogar sagen, dass mein Kopf damals ein stinkender Müllabladeplatz oder ein Klosett war. Der Meister sagte, dass ich in meinem Verstand mehr Reinheit brauche. Das klingt absolut positiv, nicht wahr? Wenn man von etwas mehr braucht, dann muss schon ein bisschen davon vorhanden sein. So versucht man dann glücklich das zu ergänzen und auszubauen, was in Wirklichkeit vielleicht noch gar nicht existiert, über was man aber gerne verfügen würde. Wenn ich mich aber dem erwähnten Müllabladeplatz gegenübergestellt sehe, dann vergeht mir völlig die Lust, und ich versuche mich nicht einmal dem Begriff der Reinheit zu nähern. Bei unserer Familie vermittelte Guru jedem einzelnen in der beschriebenen Weise die negativen Qualitäten, und ich bin davon überzeugt, dass er sie bei den meisten Disciples auf positive Weise ausdrückte.

Je vollkommener man wird, desto weniger findet man Anlass, seine Mitmenschen zu kritisieren oder sich negativ über sie zu äußern. Daraus kann man lernen, dass man nur die guten Eigenschaften der Mitmenschen hervorzuheben braucht, wenn man besser als die anderen sein will. Es ist falsch, die schlechten Eigenschaften anderer Leute zu erwähnen und dadurch so auf subtile Weise unsere eigenen guten Qualitäten zur Schau zu stellen. Wenn man eine schlechte Eigenschaft unbedingt zur Sprache bringen muss, erwähnt man klugerweise nur die Schwäche der entgegengesetzten positiven Eigenschaft. Darüber schreibe ich so detailliert, weil man auf diese Weise das eigene Leben sowie jenes unserer Mitmenschen glücklicher machen kann. Wenn ich also meine Mitmenschen so auf die Notwendigkeit einer Änderung ihrer schlechten Eigenschaft aufmerksam mache, dass ich ihnen mitteile, wie sie ihre guten Eigenschaften stärken könnten, dann werde ich von allen geliebt. In unserer Familie wirkt diese Methode sogar Wunder. Probieren Sie es mal aus!

Im nachhinein betrachtet ist alles sehr gut und schön. Aber anfangs, bis man seinen Meister richtig kennenlernt, lieb gewinnt und eine feste Vertrauensbasis aufbaut, muss man manche schweren Minuten und Stunden quälenden Zweifels überstehen. Wir Menschen des Abendlandes haben große Probleme, jemanden zu akzeptieren, der vielleicht alles besser weiß als wir. Das war mein erstes Problem. Für mich, wie für die Ungarn allgemein, ist Freundschaft heilig. Deshalb versuchte ich Guru als meinen besten Freund anzusehen. Obwohl ich in Guru die über mich hinauswachsende Macht und das transzendentale Wissen erblickte, hatte ich trotzdem vor einer untergeordneten Beziehung zu ihm Angst. Was wird er mit mir machen? Es hat mir sehr geholfen, mir vorzustellen, an seiner Stelle zu stehen. Ich fragte mich, ob ich jemanden ausnutzen würde, wenn ich über solche Fähigkeiten wie er verfügte. Natürlich würde ich niemanden ausnutzen, lautete die Antwort. Und dass nur ich allein so gut sein würde und niemand außer mir, das konnte ich mir nicht vorstellen. Es gibt immer noch Menschen, die besser sind, als wir, nicht nur welche, die schlimmer sind.

Bei mir lag noch der leichtere Teil. Mit den eigenen Zweifeln wird man irgendwie fertig, weil die Seele einem immer hilft, wenn man mit dem spirituellen Leben beginnt. Ein größeres Problem stellen die äußeren Zweifel dar, die äußeren persönlichen und allgemeinen Meinungen, die über unseren Verstand Druck auf uns ausüben. In unserem Umfeld werden wir immer Menschen finden, die unser spirituelles Leben negativ beurteilen oder unseren Meister ablehnen, was uns persönlich in rechte Schwierigkeiten bringen kann. Besonders Freunde oder Angehörige, deren Meinung man ernst nimmt, die verehrt werden oder zu denen man so zu sagen hinaufschaut, verursachen den Anfängern Schmerzen. Als Anfänger können wir natürlich nicht durchschauen, dass diese Leute ohne eigenen Grund zu haben, nur aus Vorurteilen allzu leicht ihr Urteil fällen. Sie haben mit der Meditation letztlich nur so viel Erfahrung, wie ich hatte, als ich noch mit den Kellnern aller Bars per Du war.

Ein negativer Zeitungsartikel über meinen Meister erschütterte mich damals als Anfänger sehr, als ich noch jedes gedruckte Wort als Wahrheit schluckte, und ich musste unheimlich starke innere Qualen durchstehen und bekämpfen. Aber letztendlich hatte ich eine Garantie, dass ich auf dem richtigen Weg war. Sri Chinmoy hatte die Fähigkeit, mich, damals eher Atheist als Gläubiger, zu sich zu nehmen und in mir die ehrliche Sehnsucht nach Gott – eine aufrichtige Strebsamkeit – zu erwecken. Das spürte ich und es war mir auch ein Beweis, dass ich mit einem richtigen Meister in Kontakt stehe. Einen anderen Beweis sehe ich in dem Umstand, dass ich weder die Meditation noch einen Meister gesucht habe, und so konnte ich mich in der Wahl des Meisters auch nicht irren. Nicht ich habe ausgewählt, sondern mein Meister und meine Seele taten dies. Ich wurde aus dem Spiel sozusagen ausgelassen.

Folgendes widerfuhr mir einmal während der Meditation. Guru war in einer sehr tiefen Meditation versunken. Sein Körper bewegte sich, da seine Füße massiert wurden. Es war, als wenn er nicht anwesend wäre. Ich meditierte auch, besser gesagt, ich wollte meditieren, aber es ging nicht. Es ging nichts, weil mein Verstand streikte, und da ich ihm keinen freien Lauf ließ, „beglückte” er mein Bewusstsein mit sehr kräftigen, hässlichen, schlimmen und gemeinen Gedanken. Sie trafen mich wie Blitzschläge. Ich stoppte meinen Verstand, aber die Meditation kam zu einem raschen Ende, weil ich mich über die aufblitzenden Bilder entsetzte. Ich dachte, ich müsse so schnell wie möglich weg, ich muss fliehen, da ich keinesfalls mit so einem Kopf unter den ruhig meditierenden Menschen, besonders aber vor dem Meister sitzen darf. Dann wurde mir aber sofort bewusst, dass ich vergebens fliehen würde, denn meinen Kopf müsste ich ohnehin mitnehmen, und so wird das Problem also auch nicht gelöst. Jetzt fiel mir ein, was Guru einmal gesagt hatte: „Wenn du krank bist, musst du einen Arzt aufsuchen”. Das sagte der Meister zu jemanden, der zweifelte, ob er eines hochrangigen spirituellen Meisters würdig wäre. Die Lösung lag nun beim Meister. Ich schaute auf ihn mit sehr großem Mitleid und Anteilnahme. Dann stieß ich einfach das nächste Mal den auf mich einschlagenden, ekelhaften und wie ein Bild aufblitzenden Gedanken in den Meister. Ich übergab ihm den Gedanken, stieß ihn einfach in Guru hinein. Das Resultat verblüffte mich. Gurus Körper bebte im Sessel und bekam einen solchen Stoß, als wenn er einen sehr starken Stromschlag erlitten hätte. Er meditierte weiter und ich spürte sofort Frieden in mir. Nach dem Frieden und der Stille folgte eine wunderbare Meditation. Dann dachte ich daran, dass das eine sehr interessante Erfahrung war und mir die ganze Geschichte leid täte, aber ich hatte weder ein Schuldbewusstsein noch ein schlechtes Gefühl. Bedauerlicherweise schien mir das ganze völlig natürlich. Endlich konnte ich meinem Meister das geben, was ich besaß, die Unreinheit meines Verstandes. Er macht das gleiche mit mir übrigens, und gibt mir was er hat. Das ist ein vorteilhaftes Geschäft für mich.

Die Beziehung zwischen Meister und Schüler verläuft in zwei Richtungen. Auf der einen Seite nimmt der Meister seinen Schüler an und baut im Bewusstsein mit ihm eine innere Einheit auf. Das geschieht beim Meister im Verlauf von wenigen Sekunden. Der Identifizierungsprozess im Bewusstsein des Meisters ist nicht spontan und zeitweilig, wie in meinem Fall während meiner späteren, persönlichen Erfahrungen, sondern ständig und absichtlich.

Dann muss der Schüler auch auf seiner Ebene in diesen Identifizierungsprozess hineinwachsen. Das dauert aber viele Jahre. Mit den Jahren, wurde mein Kontakt zu Guru stärker, und ich bemerkte, dass ich immer wieder Dinge mache oder Sachen sage, von denen der Meister ein paar Tage später spricht. Das hat viele interessante und überraschende Situationen zur Folge, und meine Frau wundert sich immer, warum ich solche unglaublich neuen Dinge sage. Das war ein Beweis für mich, dass sich mein Kontakt zu Guru festigte, und langsam bin ich fähig, seine inneren Mitteilungen mindestens hinter dem Verstand wahrzunehmen.

Nun möchte ich über ein signifikantes inneres Erlebnis zwischen meinem Meister und mir berichten. Es ist ein gutes Beispiel, wie sich eine innere Einheit zwischen Schüler und Meister etablieren kann. Natürlich ist es nie möglich, diese Dinge genau so zu erzählen oder zu beschreiben, wie sie sich zutrugen. Wenn man erzählt, wie gut der Weihnachtsbraten schmeckte, wird niemand davon satt noch spürt er den Geschmack der Speise. Er wird höchstens hungrig. Aber das ist letztendlich das Ziel des Erzählens.
    Ich saß in der Mitte der ersten Reihe, direkt gegenüber dem Meister. Er saß genau mir zugerichtet in seinem Sessel, der drei Meter von mir entfernt war. Es lief ein lustiges Programm bei einer Abendfunktion, mit diversen Aufführungen, dem Singen von Liedern, Erzählen von Witzen usw. Ich saß und meditierte. Es war gerade eine lustige Aufführung auf dem Programm. Ich schaute mir die Leute an. Obwohl ich alles verstand, war ich nicht bei ihnen, sondern mein Bewusstsein blieb in meinem Inneren. Ich schaute mir das an, aber mein Blick blieb ausdruckslos, weil mein Kopf völlig leer war, denn ich meditierte. Der Meister schaute auf mich. Er schaute nur. Ich schloss meinen Mund mit meinem Zeigefinger, stützte mein Kinn auf meine Hand und blickte nur in die Szene. Mein Meister hält oft seine Hand in der Weise, wie ich es tat. Es wurde gelacht, alle waren lustig und lebten mit der Aufführung mit. Nur der Meister und ich nicht. Er schaute mich an. Ich spürte und sah, dass er mich anschaute. Während ich mir die Szene ansah, spürte ich, dass mein Blick zum Blick des Meisters wurde. Ich spürte, dass er aus meinem leeren Kopf durch meine Augen hinausschaute. Alles, was ich sah, sah der Meister, aber gleichzeitig registrierte ich, dass der Meister mich anschaute. Er verfolgte durch mich die Aufführung. Benutzte er mich etwa als Brille oder Fernglas? Nein, vielmehr benutzte er mein ganzes Wesen. In mir tauchte ein wunderbares Gefühl auf, eine enorme, tiefe Freude, oder treffender gesagt, Verzückung, Ekstase. Die Vorführung nahm ihren Lauf. Die Augen des Meister waren geschlossen. Was ich schaue, schaut er durch mich und teilt mir innerlich mit: „Siehst du, so funktioniert das. Ich sehe alles, was du siehst, ich weiß alles, was du denkst, weil ich in dir bin und du in mir.” Was ist das, wenn nicht Gottes Spiel? Ein atemberaubendes Abenteuer. Aber mein Atem stockte nicht, hörte nicht auf, er war kräftig und ruhig. Ich spürte, dass ich jederzeit bereit wäre, diesem Spiel zuliebe alles zu opfern. Aber was bedeutet „zu opfern?” Das ist alles, was ich bin und was ich habe. Das ist ALLES. Als die Vorstellung, die eineinhalb Stunden dauerte,  vorbei war, applaudierten wir alle. Ich hatte keine Ahnung was dort gespielt war. Ich schaute nur meinen Meister wie ein Wunder an, und wurde mit Dankbarkeit überflutet. Diese Dankbarkeit gab ich ihm innerlich sofort, sie floss zu ihm. Er schloss langsam seine Augen und nickte mit seinem Kopf zweimal in meine Richtung. Mein Gott, er dankte noch dafür. Aber in mir sprudelte noch immer Dankbarkeit hoch, wie Wasser aus einer Quelle, und ich wurde vom Gefühl der Demut überflutet. Ich goss alles in ihn, ich übergab die Dankbarkeit, die Demut, mich, alles. Er schaute nur, schaute und sagte laut: „Beautiful, Gunagriha.” Das war wirklich wunderbar.

Nun ging auch das Abendprogramm zu Ende. Ich schlief die ganze Nacht nicht, ja ich legte mich nicht einmal hin. Deutlich spürte ich, dass ich in einer neuen Welt, mit neuer Energie lebte. Etwas ging von meinem Meister in mich über, ich weiß nicht, was. Ich weiß es doch, ein Krümchen seines Bewusstseins. So etwas weiß man, da es auch für den physischen Verstand spürbar ist. Ich spüre es auf meinem Gesicht, auf meiner Haut, in meiner Stimme, ich sehe es an meinem Blick im Spiegel. Das ganze ist sehr interessant. Obwohl ich einen Teil seines Bewusstseins spüre, bleibe ich doch ich selbst.

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