Von Rumänien nach Österreich

1964, ich war damals 15 Jahre alt, schwor ich zusammen mit einem meiner Freunde, dass wir nicht in Rumänien sterben würden. Wir legten einen Bluteid ab. Damit bereiteten wir uns natürlich nicht auf den Tod vor, sondern auf ein Leben in Freiheit. Von jenem Moment an diente alles, was ich unternahm, dem Ziel, Rumänien verlassen zu können. In meinem 16. Lebensjahr wählte ich mir eines abends einen Beruf. Ich nahm mir vor, solange nicht einzuschlafen, bis mein zukünftiger Beruf feststand. In Mathematik war ich sehr gut. Mathematik bedeutete für mich Entspannung. Wenn ich als Student müde war, löste ich zur Entspannung Integralrechnungen. Heute könnte ich es nicht mehr machen. Für mich wäre es also am einfachsten gewesen, einen technischen Beruf zu wählen. Aber ich gelangte zu dem Schluss, dass dies nicht die beste Lösung war, wenn ich in den Westen fliehen wollte. Solange ich noch in Rumänien arbeiten musste, wäre es schrecklich gewesen, als Ingenieur für ein Unternehmen zu arbeiten. Die Ingenieure waren der Laune der Parteisekretäre, den tatsächlichen Leitern, völlig ausgeliefert. Die wahre Arbeit der wirklich guten Ingenieure bestand nur darin, dass sie versuchten, die Zerstörungen, welche die Parteiorganisationen verursachten, zu lindern. Deshalb kam für mich, den Antikommunisten, keinerlei Ingenieurberuf in Rumänien in Frage. Aus demselben Grund stand für mich der Lehrerberuf ebenfalls nicht zur Diskussion. Die Lehrer wurden vom kommunistischen System zum Abfall der Gesellschaft degradiert, weil sie alle unpopulären Schweinereien vollziehen mussten, wie zum Beispiel die schon erwähnte Kollektivierung. Nun, vielleicht sollte ich Arzt werden. Aber nicht praktischer Arzt, denn dies ist ein unbequemer Job, und ich wollte auch nicht im Krankenhaus arbeiten, da dies sehr mühsam ist. Da müsste ich Tag und Nacht in Bereitschaft sein. Ich wollte Zahnarzt werden. Niemand mischt sich da in meine Arbeit ein, ich treffe meine Entscheidungen allein, und wenn ich in den Westen gehe, wird die Handarbeit von großem Vorteil sein. Ab diesem Tag war ich mir hundertprozentig sicher, Zahnarzt werden zu wollen. Meine Biologielehrerin bemerkte dazu, „wenn du, Fülöp, Zahnarzt wirst, dann werde ich der römische Papst, obwohl ich nicht nur eine Frau, sondern auch orthodox bin.“ Das war ein „aufmunternder Ansporn“, ich ließ mich dadurch aber nicht demotivieren, denn ich war schon gewöhnt, dass Lehrer von mir nicht besonders viel hielten. Diese Einstellung beruhte übrigens hundertprozentig auf Gegenseitigkeit.

Ich werde Zahnarzt, soviel stand nun fest. Ich fliehe in den Westen, auch das war klar. Von meinem ersten Plan durfte ich sprechen, über den zweiten musste ich meinen Mund halten. Mit niemandem durfte ich darüber sprechen – wenn ich wirklich weg wollte, war Schweigen unverzichtbar. Es gab keinen Freund, keinen Verwandten, es gab niemanden, den ich in meinen Plan einweihen durfte. Ich schwieg, obwohl ich jeden Tag daran dachte. Das war mein Geheimnis, und ich lebte nur für mein Geheimnis. Zuerst erzählte ich meiner Frau, dass ich Rumänien verlassen wollte. Ich erzählte ihr, dass ich in Rumänien nur litt und ständig davon träumte, in Wien zu leben. Wenn ich von meinen Träumen zur grauen Wirklichkeit zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Sie hat mich verstanden. Aber sie hätte es auch akzeptiert, wenn wir unser Leben in Rumänien hätten verbringen müssen. Als sie sah, wie sehr ich litt, spornte sie mich immer an, das Land zu verlassen. Aber wann, wann wird es möglich sein? Diese Frage kreiste ständig in meinem Kopf.

Das große Problem war, einen Reisepass zu erhalten. Um an einen gültigen Pass für westliche Länder zu gelangen, war die Bewilligung der Polizei und der Securitate alleine nicht ausreichend, auch die Bewilligung des Arbeitgebers war erforderlich. Und das war meistens unmöglich, denn wenn jemand im Westen blieb, wurden die Vorgesetzten zur Verantwortung gezogen. So etwas konnte sogar zum Verlust der beruflichen Position führen.

Meine Frau und ich wurden im Komitat Hargita angestellt. Ich arbeitete in einer Praxis des Gesundheitsministeriums in einem Dorf, Csíkszépvíz, und meine Frau in Csicsó in der Praxis der Eisenbahn. Nach ungefähr zwei Jahren tauschten wir unsere Arbeitsplätze, da ich nämlich erfahren hatte, dass der Chefarzt des Komitates keinem Zahnarzt erlaubte, in den Westen zu reisen. Deshalb ging ich zur Eisenbahn und meine Frau übernahm meine Stelle. Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass ich vom Regen in die Traufe kommen sollte, denn der Chefarzt der Eisenbahndirektion hatte geschworen, dass er niemals einem Zahnarzt erlauben würde, in den Westen zu fah-ren. Der Grund: mit einer einziger Ausnahme waren alle seine Zahnärzte im Westen geblieben. Als ich dies erfuhr, wurde ich wegen der schlechten Aussichten sehr traurig. Andererseits kam ich zu der Überzeugung, doch einen guten Beruf gewählt zu haben, wenn alle meine Kollegen dort geblieben waren. Der Chef-zahnarzt der Eisenbahn war ein sehr lieber, guter Mensch, der über nationalen Vorurteilen stand. Wir wurden gute Freunde. Für die Erlaubnis, einmal in den Westen fahren zu dürfen, benötigte ich die Einwilligung des Chefarztes der Eisenbahndirektion Kronstadt, die im Rahmen einer öffentlichen Sitzung gegeben werden musste. Natürlich hatte auch die Direktion des Gesundheitswesens einen Parteisekretär. Seine Arbeit bestand darin, dass er von einem Ort zum anderen ging, um zu kontrollieren, wie es so schön hieß. Überall wurde ihm Speis´ und Trank angeboten und er verfasste ein Protokoll über den Verlauf der Dinge. Im Grunde genommen war er ein lieber Mensch, nur leider ist er Kommunist geworden. Auch bei uns aß er sehr viel, aber er trank noch viel mehr. Ich konnte einen sehr guten Kontakt mit ihm aufbauen, und einmal fragte er mich, warum ich nicht Parteimitglied geworden bin. Ein so ordentlicher, geschickter Mensch wie ich sollte doch Parteimitglied sein. Ich erzählte ihm, dass mich die Partei beleidigt hätte. Als meine Frau in die Partei aufgenommen wurde, stand auch mein Name auf der Kandidatenliste, aber in letzter Minute wurde mein Name gestrichen. Man begründete es damit, dass es hinsichtlich der nationalen Verteilung besser sei, wenn auch ein Rumäne aufgenommen werden würde und nicht zwei Ungarn zum selben Zeitpunkt. Das war nur ein Vorwand, denn in Wahrheit stand ich damals gerade auf der schwarzen Liste der Securitate. Der arme Mann wusste das natürlich nicht. Er empörte sich sehr über meinen „Fall”, und wollte die Sache gutmachen und mich zur Aufnahme vorschlagen. Ich dankte ihm und täuschte Freude und Zufriedenheit vor. Dann schlug ich ihm vor, alles auf den Herbst zu verschieben, weil ich im Sommer in Wien meine sehr alte Tante besuchen wollte. Ich brachte die Hoffnung zum Ausdruck, von der begüterten Tante Geschenke zu erhalten, die ich und meine Familie in Rumänien sehr gut gebrauchen könnten, und begründete so meinen geplanten Besuch im Westen. Diese Begründung erschien einleuchtend, und so stimmte auch er dem Ausflug nach Österreich zu.

Zur Einreichung des Antrages benötigte ich aber auch noch die Unterschrift des Vorsitzenden der örtlichen Gewerkschaft. Die zuständige Person von Csicso war ein schwieriger Fall. Als es einmal mit einem meiner Patienten zu einem kleinen ungeplanten Zwischenfall kam, ich verletzte damals in unbeabsichtigter Weise ein wenig die Mundschleimhaut und musste sie nähen, zeigte er mich beim staatlichen Vorstand für das Gesundheitswesen in Bukarest an. Seiner Meinung nach gefährdete ich absichtlich das Leben der Arbeiterklasse. Nachdem ich die Wunde sorgfältig betreut hatte, heilte sie spurlos ab. Wann immer er mich auf der Straße traf, beschimpfte er mich und hieß mich einen Dissidenten. Er ahnte die Wahrheit und er verkündete sie auch, verdammt noch mal! Ich wurde diesen Genossen los, als sich die Eisenbahn in Csíkszereda während eines Zentralisierungsprozesses ein Unternehmen einverleibte, in welchem sofort eine Praxis eröffnet wurde. Diese Stelle erhielt ich mit Hilfe meines Freundes, des Chefzahnarztes. Meine Frau wurde durch diesen Tausch wieder in Csicsó angestellt. Der Csicsoer Gewerkschafter knöpfte sich jetzt meine Frau vor und schrie sie an, aber nur einmal. Er teilte ihr wütend mit, dass er wisse, dass ihr Mann im Westen bleiben wolle, weil es dort Zahnärzten sehr gut gehe. Meine Frau fragte ihn, ob der Genosse damit sagen wollte, dass es den Zahnärzten im sozialistischen Rumänien nicht so gut ginge. So ist es in Csicsó still geworden, und ich habe die so sehnsüchtig erwartete Unterschrift in Csíkszereda bekommen.

Wir bewohnten eine Dienstwohnung des Unternehmens. Ich erinnere mich, dass ich dort sehr viel von Wien träumte, ich hatte bunte Wahrträume. Ich will damit sagen, dass ich später, als ich auf den Wiener Strassen spazierte, die Orte erkannte, die ich in Csíkszereda im Traum gesehen hatte. Das war sehr interessant. Ich litt, aber ich spürte, dass die Zeit langsam reif war. Natürlich war ich sehr vorsichtig. Zum Beispiel lernte ich Deutsch, aber wenn jemand in das Zimmer trat, stieß ich das Buch sofort unter das Bett. Das geschah auch einmal, als der Parteisekretär uns besuchte und ich wegen Grippe im Bett lag und Deutsch lernte.
    Mein Vorgesetzter, der Chefzahnarzt, berichtete mir, wie die Versammlung abgelaufen war. Der große Boss hatte abgewunken, als er meinen Antrag hörte und ihn zurückgewiesen. Da bat mein Freund, der Chefzahnarzt, um das Wort, erzählte über mich viele schöne Dinge und versuchte seinen Boss zu einer Änderung seines Standpunktes zu bewegen. Das half auch nichts. Da stand der Parteisekretär, der natürlich auch beim Präsidiumstisch saß, auf und legte sein Veto ein. Er sagte, es gäbe Fälle, in denen man eine Ausnahme machen könne und soll. Dann fügte er hinzu, er sei davon überzeugt, ich sei ein ebenso guter Kommunist wie er einer ist, und er würde für mich seine Hand ins Feuer legen. Er sei mit dieser routinemäßigen Entscheidung nicht einverstanden, weil mir schon öfter Ungerechtigkeiten widerfahren waren, und es sollte damit endlich ein Ende haben. Der Chefarzt war gezwungen, auf Druck des Parteisekretärs einzuwilligen, aber er bat, alles ins Protokoll aufzunehmen, weil er sich nicht die Finger verbrennen wollte. Endlich bekam ich ein Schreiben, in dem über mich und meine Zuverlässigkeit viel Schönes geschrieben war. So war es schon sicher, dass ich den Pass erhalten würde. Mein Bruder, mit dem ich zusammen fahren wollte, hat mich darüber informiert, dass die Polizei meine Fahrt bewilligt, wenn die Eisenbahn auch zustimmt. Er hatte einen Bekannten bei der Securitate, der bei der Besorgung seines Passes behilflich war, und auch ich hatte endlich eine reine Weste.

So besorgte ich mir meinen Reisepass. 14 Jahre lang hatte ich davon geträumt. Als ich meinen Pass bekam, wollte ich sofort abreisen, weil ich Angst hatte, dass ich angezeigt werden könnte oder mein Pass zurückgezogen werden würde. Mit meiner Frau besprach ich, dass absolut niemand erfahren dürfe, dass ich nicht zurückkomme. Wir haben voneinander Abschied genommen. Sie sollte so spielen, als ob auch sie hineingelegt worden wäre. Meine Frau blieb also mit meinem Sohn, der acht Monate alt war, in Rumänien. Sie hielt das Kind in ihren Armen, als ich im Morgengrauen mit dem Trabant von zu Hause abreiste. Am schwersten war für uns die Unsicherheit zu ertragen, weil wir nicht wussten, wann wir uns wiedersehen würden, vielleicht in zwei, vielleicht aber auch in sechs Jahren. Ich weinte aber nicht, weil ich spürte, dass ich einfach weg musste, auch wenn ich sie nie mehr wiedersehen könnte. Mein Bruder war am Abend vor meiner Abfahrt bei mir, und wir reparierten unseren Trabant. Er nahm mich zur Seite und fragte mich, ob ich beabsichtigte, endgültig im Westen zu bleiben, da ich nicht glücklich und oft unzufrieden wirkte. Ich wollte ihn nicht belügen, aber die Wahrheit wollte ich ihm auch nicht sagen. Deshalb antwortete ich, dass jemand wirklich ein beinharter Kerl sein müsse, wenn er die Familie verlassen und ohne Sprachkenntnisse abreisen wollte. Dann räumte ich auch ein, dass ich meinen Sohn, der nach zwei erfolglosen Geburten zur Welt gekommen war, sehr liebte. Er war mit meiner Antwort zufrieden. Das war für ihn besser, da er so später nicht lügen musste. Als er in Wien meine wahren Absichten erkannte, stellte er mich zur Rede und wollte wissen, warum ich ihm nicht die Wahrheit gesagt hätte. Ich wiederholte meine frühere Antwort und fragte ihn, ob er mich nicht für einen beinharten Kerl hielt. Die Ankunft in Wien am 16. Juni 1979 war für mich wie eine neue Geburt. Obwohl meine Zukunft absolut unsicher war, fühlte ich mich überglücklich. Es war ein neuer Anfang nach dreißigjähriger psychischer Gefangenschaft.

Als ich in Wien um Asyl bat, wurde ich belehrt, dass nur schwerwiegende Gründe Bittsteller dazu berechtigen würden, Asyl zu erhalten. Wenn man keinen schwerwiegenden Grund hat, bleibt einem nur mehr übrig zu lügen. Ich hatte vom Lügen die Nase voll und wollte endlich damit aufhören. Daher erzählte ich wahrheitsgemäß, dass ich ein Antikommunist bin und in Rumänien nicht leben könne, lieber würde ich sterben. Aber warum? Was sei mir konkret passiert? Warum spreche ich nicht? So lauteten die Fragen. Ich hätte dem freundlichen Offizier viel zu schaffen gemacht, wenn ich die ganze Geschichte mit der Securitate erzählt hätte. Aber die ganze Geschichte hätte mir auch nicht geholfen, da der letzte Securitatemann, der auf mich Jagd gemacht hatte, ja schon tot war. Daher war ich also nicht mehr in unmittelbarer Gefahr. Ich sagte dem Offizier, dass ich Angst hatte. Das stimmte, denn meine Frau und mein Sohn waren in Rumänien geblieben und sie würden in größte Schwierigkeiten geraten, wenn die Securitate meine Erklärung erfahren würde. Darauf wurde mir geantwortet, dass ich unter Verfolgungswahn leide, wie könne ich mir so etwas Abwegiges vorstellen, dass der rumänische Geheimdienst in Akten der österreichischen Polizei Einblick nehmen könnte.
    Ich erhielt einen ablehnenden Bescheid und wurde von       neuem vorgeladen. Wenn ich zur Polizei ging, hatte ich regelmäßig Angst. Immer wenn ich in Österreich einen Polizisten erblickte, verspürte ich in meinem Bauch Angst, und das ging noch jahrelang so. Auch jetzt hatte ich Angst. Ich war im ersten Bezirk bei einem Offizier vorgeladen, der perfekt Ungarisch sprach. Er informierte mich über den Bescheid und drückte mir die Verfügung in die Hand, nach welcher ich das Land binnen zweier Wochen hätte verlassen müssen. Ich war einverstanden, erbat mir nur, dass meine Reisekosten nicht von mir selbst getragen werden müssten. Der Offizier schien sichtlich erleichtert und versicherte mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, diese würden schon übernommen. Dann präzisierte ich, dass die Reise aber sehr teuer sein würde. Warum? Wieso? – ein Verdacht blitzte in seinen Augen auf. „Vor der Abreise müssen wir nämlich noch eine kleine Änderung durchführen. Sie tragen eine Pistole bei sich. Nehmen Sie bitte die Waffe heraus und schicken Sie eine Kugel durch meine Schläfe. Dann kann der vorschriftgemäß doppelt verschweißte Sarg die Reise antreten. Für dieses Geld könnte man mich aber auch hier begraben.” Der arme Mann. Selten habe ich jemanden gesehen, der so aufgeregt war. Ich hatte Angst, dass er sogar stirbt. Längere Zeit hindurch schrie und tobte er und ich wartete geduldig. Der Polizist erkannte, dass es mir bitter ernst war und hörte mit dem Schreien auf. Er fragte mich, ob ich bereit sei, meine Erklärung auch schriftlich abzulegen. Das war kein Problem. Mein Übersetzer drückte meine Worte ein bisschen höflicher aus als ich, aber der Sinn blieb der gleiche. Drei Wochen später erhielt ich Asyl.
     Zu der Geschichte möchte ich noch hinzufügen, dass sich vier Jahre später herausstellte, dass der Leiter der österreichischen Fremdenpolizei jahrelang als Spion für die rumänische Securitate gearbeitet hat. Außerdem wurde aufgedeckt, dass sich dieser hochrangige Offizier monatlich für sechstausend Schilling verkauft hatte. Der Dumme kassierte diese Summe aber nur im ersten Monat, in der Folge wurde er dann vom rumänischen Geheimdienst mit Geldübergabefotos erpresst und musste gezwungenermaßen kooperieren. Als Polizist dürfte er nicht sehr klug gewesen sein. In der Zeitung stand auch, dass der werte Beamte alle Erklärungen der rumänischen Flüchtlinge auf einem Mikrofilm nach Rumänien übermittelt hatte. Soviel ich weiß, wurde er nicht verurteilt, weil er unerwartet  schwer erkrankte und für verhandlungsuntauglich erklärt wurde. Unerwartet zog er sich als kranker Frühpensionist in sein Landhaus in Niederösterreich zurück, wo er auch heute noch glücklich lebt, wenn er nicht an seiner schweren Krankheit gestorben ist. Das war das Ende der Geschichte. Ich hätte gerne den ungarisch sprechenden Offizier nach seiner Meinung gefragt, aber er hat nicht mehr lange gelebt; er erlitt in jungen Jahren einen Herzinfarkt. Er war ein nervöser Mensch und Kettenraucher.
    Hätte ich auf der österreichischen Polizei meinen Mund nicht gehalten, dann hätte mein Familienvereinigungsplan nicht so perfekt funktioniert. Ich hatte mit meiner Frau vereinbart, dass sie offiziell keine Ahnung von meiner Flucht nach Österreich haben sollte. Die „schreckliche” Tatsache würde sie erst meinem ersten Brief entnehmen. Dann haben wir einander sehr oft geschrieben. Ich bat sie wegen des kühnen Abenteuers um Verzeihung, aber gleichzeitig schrieb ich ihr, wie sehr ich sie lieben würde. Und sie antwortete mir in einem Schreiben, dass ich mit dem ersten Zug nach Hause kommen soll, wenn ich sie und unseren Sohn sehen wolle. Jeder Brief wurde geöffnet und mit einem derben, braunen, pappigen Klebstoff zusammengeklebt. Ich erhielt auch einen Brief, in den der Klebstoff der Securitate hineingeronnen war, so dass ich die einzelnen Blätter nicht mehr trennen konnte. Das ging ein halbes Jahr lang so, und zwar zweimal pro Woche. Da wurde allen klar, dass ich nicht mehr zurückkommen würde und man meiner Frau also grünes Licht für die Ausreise nach Österreich geben könnte. Als sie zum ersten mal zur Polizei ging, wurde sie sehr freundlich empfangen. Man sagte, dass man auf sie schon gewartet hatte, um die Formalitäten in Ordnung zu bringen. Die arme Genossin, also meine Frau, hatte keine andere Wahl, als ihrem Mann zu folgen. Sie erhielt die Ausreiseerlaubnis und wurde von der Partei ausgeschlossen. Auf der Parteiversammlung hat sie auch geweint. Sie war eine gute Schülerin, gar so viel brauchte ich ihr nicht beizubringen. Acht Monate nach meiner Ankunft in Wien waren meine Frau und mein Sohn schon bei mir. Das galt damals als phantastischer Rekord. Jeden kann man mit seinen eigenen Waffen besiegen. Die Kommunisten mit der Lüge.
Aug` um Auge, Zahn um Zahn

Der Kommunismus machte die Menschen nicht nur hilflos und machtlos, sondern auch absolut naiv. Man glaubte nicht nur, dass der Zaun im Kapitalismus aus Wurst besteht, sondern war auch der Überzeugung, dass die Menschen dort ehrlich, ehrenhaft und gerecht sind, wenigstens zu               99 Prozent. Auch ich glaubte, den unsicheren Boden der Lüge hinter mir gelassen zu haben und nun reinere und gerechtere Gefilde zu betreten.

Die Realität zeigte mir aber ein völlig anderes Gesicht: Immer wieder beobachtete ich, wie Menschen logen und einander hineinlegten, um sich zu bereichern. Abmachungen, die nicht zweifelsfrei schriftlich festgehalten wurden, konnte man völlig vergessen, sie waren absolut wertlos. Das größte Unglück widerfuhr mir, als ich eine  Praxis kaufte und als Opfer eines Betruges zwei Millionen Schilling verlor. Da resignierte ich. Spirituell betrachtet sehe ich heute die Sache schon anders. Mein Wunschdenken hat letztlich zu diesem Ergebnis geführt, indem es meinem Geschäftspartner die Möglichkeit anbot, seine Verlogenheit auszuspielen. Ich begann mein neues Leben in Österreich lediglich mit einem Anzug und einem Kredit, weshalb mich dieser Verlust hart getroffen hat. Aber ich überlebte ihn; leider war es nicht das letzte Mal, dass ich mich, geleitet durch meine Wunschsträume, hineinlegen ließ.

Den finanziellen Schaden überstand ich irgendwie, aber das Hauptproblem lag darin, dass mein Wertgefüge erschüttert worden war. Ich hatte nicht nur meine Naivität, sondern auch meinen Glauben an die himmlische westliche Welt und dadurch auch an den Sinn des Lebens verloren. Diese Erfahrung führte schließlich zum Zerfall meiner inneren Kräfte, ich verlor mein Gleichgewicht. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass mein einziger Lichtblick, nämlich das westliche Leben, in meinem bisher sinnlosen Leben plötzlich in Dunkelheit versank. So kam dann eine Periode, die ich als Depressionsperiode bezeichnen würde. Diese Periode war von innerer Zerfleischung und dem ständigen Kreisen dunkler Gedanken gezeichnet. Oft dachte ich daran, dass ich ja eine gute Lebensversicherung hatte und meine Familie eigentlich auch ohne mich vorwärtskommen könne. Wenn ich mit dem Auto gegen eine Betonsäule fahren würde, wäre ich alle Probleme los. Es plagten mich auch Selbstvorwürfe, weil ich meine Gefühle mit der Realität des Lebens nicht in Einklang bringen konnte.

Aber dann kam der Kämpfer in mir zum Vorschein, der mir gebot, der Welt mit barer Münze zurückzuzahlen, was sie mir antat. Was sie mit mir machen, so dachte ich mir, das werde ich auch mit ihnen tun. Wenn du mit Steinen beworfen wirfst, wirf Steine zurück. Ich lernte immer schon schnell. Auch jetzt. Es war mein Ziel, schneller zu sein als die anderen. Jetzt werde ich es nicht mehr zulassen, dass man mich hineinlegt. Ich wollte den anderen immer eine Nasenlänge voraus sein. Es ist besser, wenn ich andere hineinlege, als abzuwarten, ob der andere mich hineinlegen will oder nicht. Als mein Sohn einmal aus dem Kindergarten weinend heimkam, weil er geschlagen worden war, sagte ich ihm: „Du bist ein großer, starker Junge. Schau dir an, wo die Nase des anderen Jungen ist, ziele mit deiner Faust auf seine Nase und schlage zu. Du wirst sehen, dass er sich mit dir nie mehr prügeln wird.“ Dieser Stil gefiel mir immer mehr. „Mache auch in Zukunft nicht den Fehler, für alle Mitleid zu empfinden“, sagte ich mir, „jeder ist seines Glückes Schmied. Erkämpfe dir nur all jene Dinge, die du brauchst“, das wurde meine Philosophie. Ich erinnere mich noch an ein Ereignis, das sich zu Weihnachten zutrug. Wir waren schön angezogen und gingen in eine Kirche in der Innenstadt, um an einer ungarisch gelesenen Messe teilzunehmen. In der Innenstadt findet man sehr schwer einen Parkplatz. Glücklicherweise fanden wir einen idealen Platz, der allerdings von zwei ungefähr zehn oder zwölfjährigen Mädchen für deren Mutter reserviert wurde. Obwohl das Auto der Mutter am Ende der Strasse bereits auftauchte, besetzte ich den erwähnten Parkplatz und zwang dabei die Mädchen, beiseite zu treten. Sie wurden von mir buchstäblich zur Seite gestoßen. Inzwischen war auch ihre Mutter angelangt, die mich verständlicherweise nicht besonders freundlich ansprach. Ich antwortete ihr unfreundlich und völlig trocken, dass die Strasse zu den öffentlichen Verkehrsflächen zähle und daher allen Steuerzahlern gehöre. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dann marschierte ich elegant in die Kirche, wo ich mich später ausgesprochen schlecht fühlte. Mein Herz schmerzte, aber mein Kopf riet mir, nicht dumm zu sein. Wie oft war mir ein Parkplatz vor der Nase weggenommen worden. Wenn ich verglich, wie viel mir schon weggenommen worden war und wie viel ich selbst wegnahm, dann hatte ich zweifelsfrei noch einen großen Aufholbedarf. Aber es half alles nichts. Auch diese Argumente konnten mein schlechtes Gewissen nicht beruhigen. Wochen, sogar Monate lang fühlte ich mich wegen dieses Vorfalls schlecht und erniedrigt. Ich glaube, mein Herz tat der Kinder wegen besonders weh.

Das Gesetz „Aug` um Auge, Zahn um Zahn” wirft ein verhängnisvolles Problem auf: Auch wenn es intellektuell gesehen gerecht erscheint, gibt es eine gewichtige Schwachstelle. Wir revanchieren uns für widerfahrenes Unrecht meistens nicht bei den Schuldigen, sondern allzu oft trifft es unbeteiligte Dritte. Dadurch entsteht ein Circulus vitiosus, weil immer mehr Leute in das Spiel der Zurückzahlung von zugefügtem Unrecht hineingezogen werden. So wird die Atmosphäre in der Welt immer mehr vergiftet. Mit meiner neuen kämpferischen Einstellung bin ich immer tiefer und tiefer gefallen, bis folgendes passierte. Einer meiner Freunde hat mir ein phantastisches Haus gezeigt, das er sehr billig kaufen wollte. Ich könnte es haben, sagte er mir, wenn es ihm nicht gelingen sollte, das Haus zu dem von ihm angepeilten Preis zu erstehen. Vorher aber sollte ich mich – so seine Bitte – aber nicht in das Geschäft einmischen. Darauf gab ich ihm natürlich mein Wort. Das Haus gefiel mir aber sehr gut und meine Sehnsucht danach wurde immer größer. In einem Gespräch mit der Mittelsperson habe ich einmal zu viel gesprochen; es rutschte mir die Bemerkung heraus, dass ich für das Haus mehr bezahlen wollte, wenn mein Freund es nicht kaufen würde. Der Kerl hat mich von nun an ständig belästigt, um auf eine höhere Summe ein schriftliches Anbot zu erhalten. Dann ging es hin und her, ich verweigerte mich, aber der Kerl und meine Sehnsucht überzeugten mich schlussendlich. Kurz und gut, ich unterschrieb das Anbot schließlich, und das Haus gehörte nun mir. Bei dieser Angelegenheit hatte ich meine bisherigen Prinzipien in einem solchen Maße über Bord geworfen, dass es für mich klar geworden war, dass ich ein großer „Scheißkerl“ geworden bin. Auf dem Weg, den ich mir aufgezwungen hatte, konnte ich nicht mehr weiter leben. Die Ernüchterung, die Enttäuschung und besonders der Selbsthass begannen mich nun fertig zu machen und mich zu zerstören. Ich erkannte, dass mit mir wirklich nicht alles in Ordnung war, weil ich nicht so wie die anderen sein konnte. Einerseits kann man sich in dieser Welt nicht behaupten, wenn man gut ist – so wurde mir zumindest des öfteren durch meine Erfahrungen bestätigt -, andererseits weiß ich meine Ellbogen nicht richtig einzusetzen, weil mein Herz allzu weich und mein Gewissen allzu empfindlich ist. Aber wie sollte man dann leben, wie sollte man es anstellen, um glücklich oder mindestens in Frieden zu leben? Als ich jung war, hörte ich die Erwachsenen immer sagen, Glücklichsein und Rechtschaffenheit seien nur Idealismus, den man überwinden müsse. Denn das Leben bestünde nun einmal nicht nur aus Glück und Idealen. Die Realität des Lebens sei anders. Ich war damals fest entschlossen, nie ein Erwachsener zu werden, ich hasste die Erwachsenen. Jetzt hatte ich aber das Gefühl, dass ich auch ein richtiger, unausstehlicher Erwachsener geworden war. Pfui.  

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