Sri Chinmoy hat mich gelehrt

Ich werde das Buch (Dreimal geboren) mit einer Liste abschließen. Einer Liste, die als eine Inventur zu meiner Sri Chinmoy – Schülerschaft dient. Sie ist zustande gekommen, weil ich mich einmal sehr über die unbegründete, ungerechte scharfe Kritik, der mein geliebter Meister ausgesetzt war, empörte. Ich hatte dazu nichts zu sagen, da ich natürlich nicht gefragt wurde. Aber ich habe mich hingesetzt und eine Liste darüber angefertigt, was ich in den letzten dreizehn Jahren von meinem Guru gelernt hatte.

Sri Chinmoy hat mich Gottesglauben gelehrt. Ein echter, starker, lebendiger Glaube hat sich in mir niedergelassen, weil Er mich auch gelehrt hat, wo ich Gott, den Gegenstand meines Glaubens, suchen soll, wo ich Ihn finden kann, wo ich Ihn sehen kann. Gott ist für mich kein abstraktes Ding mehr, sondern eine konkrete Tatsache, weil ich Ihn auch mit meinem Verstand, meinem logischen Denken erfassen kann. Dieser Glaube ist nicht nur ein bloßes Bekenntnis, dass ich an so und so eine Form glaube und damit fertig, sondern sie ist ein lebendiges, leitendes Lebensprinzip.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt ein Leben zu führen, dessen ausschließliches Ziel die Nachahmung Gottes ist; ein Leben zu führen, in dem ich Schritt für Schritt mit mehr und mehr göttlichen Eigenschaften lebe. So hat er mich gelehrt, dass es nicht genug ist, an Gott zu glauben, sondern dass der Glaube gelebt und umgesezt werden muss. Stück für Stück muss ich Gott, das heißt vollkommen werden. Ich glaube also nicht nur, dass die Menschheit die Vollkommenheit erreichen kann, sondern ich strebe danach, auch selbst stetig in die Vollkommenheit zu wachsen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich für diesen Zweck nicht meine schlechten Eigenschaften abstoßen muss, sondern dass ich mich ausschließlich auf das Nachahmen des Göttlichen konzentrieren soll. Wenn ich meine negativen Eigenschaften überwinden will, fühle ich mich schwach, sündig, Gottes nicht würdig, weil ich mich mit ihnen identifiziere. Damit verlangsame ich meine Entwicklung. Wenn ich mich aber nur auf die Eigenschaften des göttlichen Bewusstseins konzentriere, dann fühle ich mich sicher, gut und glücklich, und so werden meine schlechten Eigenschaften obdachlos.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass die Quelle meiner Probleme in mir selbst liegt und die Probleme nicht von außen kommen. Deswegen muss die Lösung meiner Probleme auch von innen her kommen. Für unsere Probleme sind Außenstehende nicht verantwortlich. Die Verantwortung muss ich zur Gänze selbst übernehmen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich nicht unersetzlich bin, genau so wie keiner von uns unersetzlich ist. Wenn ich nicht da wäre, dann würde jemand anderer das tun, was ich gerade tue. Also kann ich für meine Aufgaben nur dankbar sein und darf sie nicht als Last empfinden oder den Märtyrer spielen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass jeder Mensch auf der Erde genau so wie ich ein Stück des sich in Entwicklung befindlichen, universellen Bewusstseins ist. Ich soll alle Menschen schätzen und respektieren, weil wir zusammen das Ganze bilden. Ich muss auf eine ganz neue Lebensphilosophie bauen. Die Grundlagen meiner Denkweise müssen die uns verbindenden, gemeinsamen Dinge sein und nicht mehr jene Dinge, die uns trennen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass jedes Leben in sich tragende Wesen ein Ausdruck des sich suchenden, göttlichen Bewusstseins ist. Alles Lebende ist eine Manifestation dieses Bewusstseins auf verschiedenen Ebenen der Evolution. Nicht nur die ganze Menschheit ist Teil Gottes, sondern der ganze lebende Vorrat des Planeten. Der Respekt vor dem Leben muss die tragende Säule meiner menschlichen Moral sein.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, nicht zu urteilen. Ich soll über niemanden urteilen, weder über seine Eigenschaften und Fähigkeiten noch über seine aus diesen Eigenschaften entspringenden Taten, seien sie auch noch so seltsam. Wir alle sind Schöpfungen Gottes und wurden frei nach Gottes Laune gemixt, modelliert, gebastelt. Das heißt, für Gott sind wir gut, so wie wir sind, gefallen Ihm. Meine Rolle ist nicht das Urteilen. Wenn ich die Schöpfung kritisiere, beleidige ich den Schöpfer.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass der Stolz, der ein berechtigtes oder  unberechtigtes Überlegenheitsgefühl ist, aus dem falschen Glauben entsteht, dass unsere tatsächlichen oder nur eingebildeten guten Eigenschaften und Fähigkeiten unser Eigentum sind. Aber sie sind wahrlich Teile der Schatzkammer Gottes, und Er teilt sie als Eigentümer nach seinem Belieben zeitweilig oder dauerhaft aus oder nimmt sie zurück. Aus diesem Grund muss ich mein berechtigtes oder unberechtigtes Stozgefühl aufgeben, indem ich Demut übe. Ich muss zu meinen guten Eigeschaften und Fähigkeiten eine bestimmte Distanz halten, das heißt, ich benutze sie, wenn sie mir schon zur Verfügung stehen, aber ich fühle mich nicht als deren Eigentümer.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich die Welt durch mein eigenes „Gutsein” verbessern soll. Für andere Mitmenschen bin ich ein Umgebungsfaktor, ein “Umweltfaktor”. Je mehr gute Erfahrungen ein Mensch macht, umso besser wird er. Aus diesem Grund ist es sehr wohl meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass andere sich durch meine bedingungslose Güte verbessern.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich nicht auf die Stimme meines berechnenden Verstandes hören soll, sondern auf das Flüstern meines fühlenden Herzens lauschen muß. Mit dem Gefühlskompass meines spirituellen Herzens kann ich allen Enttäuschungs-Sumpfböden des Leben ausweichen. Um die göttliche Führung zu besitzen, muss das Zentrum meiner Lebensführung  mein Herz sein.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, wenn ich glücklich bin, bin ich gut. Daher soll mein Leben nicht vom Prinzip meines auf Gerechtigkeit dringenden Verstandes „Aug` um Auge, Zahn um Zahn” geleitet werden, sondern von der Schlüsselfrage meines fühlenden Herzens „Womit bin ich glücklich?”

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, frei von Erwartungen zu leben. Ich soll nicht aus Erwartungen heraus handeln, ich soll von der Welt nichts erwarten, ich soll nur bedingungslos geben und bedingungslos meine Aufgaben erledigen. Das bildet die Grundlage für meine ungetrübte Ruhe.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass Friede in erster Linie eine individuelle, innere Angelegenheit ist, die in der gewaltlosen Annahme unserer Welt und der gewaltlosen Selbstannahme liegt. Ich darf weder gegenüber anderen noch gegenüber mir selbst Gewalt anwenden. So darf ich auch nicht aus irgendeinem persönlichen Interesse heraus gegen mein Gewissen handeln.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass die Vernachlässigung des Körpers nur Probleme mit sich bringt. Ohne gesunden Körper kann ich nicht glücklich sein. Nur wenn ich körperlich fit bin, kann ich mich eines freudvollen, gesunden Daseins erfreuen. Nur in einem trainierten Körper kann ich die Grenzenlosigkeit meiner inneren Fähigkeiten erleben und manifestieren.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass die Durchsetzung meines Willens um jeden Preis nicht der Weg zum Glücklichsein ist. Das Gebet Jesu “Dein Wille geschehe!” ist für mich keine leere Phrase mehr. Ich will das, was Gott will, und wenn nicht mein Wille, sondern der Wille von jemandem anderen geschieht, tut es mir nicht weh, ich kann es friedlich annehmen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich andere nicht belehren soll. Die Vervollkommnung anderer ist nicht meine Sache. Ich soll nur so leben, wie ich die anderen sehen möchte. Ich soll nur ein Beispiel sein und Liebe und Verständnis zeigen, aber ich soll nicht erwarten, dass andere mir folgen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass ich niemanden bekehren soll und mich von niemanden bekehren lassen soll. Tausende von Wegen führen zu Gott, und jeder Mensch muss das Recht haben, ganz frei mit seinen eigenen Glaubenssätze zu leben.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass das Denken nicht die höchste, vollkommenste Aktivität des menschlichen Lebens ist. Mein Wissen liegt in meinem denkenden Verstand, aber meine Weisheit ist dahinter versteckt. Daher muss ich dorthin einen Zugang erlangen.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass Gedanken Kraft haben. Dass die guten Gedanken positive und die schlechten negative Kräfte erzeugen. Deshalb muss ich aufpassen, dass ich auch durch meine Gedanken andere nicht verletze und mir auf diese Weise nicht selbst eine Grube grabe.

Sri Chinmoy hat mich gelehrt, dass es ohne Selbstsicherheit, Selbstvertrauen, starken Willen und Selbstdisziplin keine Selbstüberschreitung gibt. Ohne Selbstüberschreitung gibt es kein göttliches Leben. Gott ist kein statischer Zustand, sondern eine stetige, immerwährende Selbstüberschreitung. Das bedeutet, dass für mich Fortschritt das Wichtigste sein muss. Ich soll jeden Tag ein bisschen mehr Gutes tun als am Tag zuvor.

 

 

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