Sport und Meditation

Wie schon früher erwähnt, entschloss ich mich, nachdem ich das Buch „Meditation" von Sri Chinmoy gelesen hatte, ein Jahr lang so zu leben, wie es der Meister lehrt, selbst wenn ich daran sterben würde. Ich habe immer solche Versprechen abgegeben, wenn ich sicher sein wollte, es zu schaffen. So stellte ich zum Beispiel auch das Zigarettenrauchen ein. Das Aufhören fiel mir leicht, daher habe ich mindestens zehn Mal aufgehört.    Nachdem ich gute zwei Monate lang allein meditiert hatte, erschienen auch hier die ersten Wolken. Als ich Kontakt zu den Wiener Schülern aufnahm, erfuhr ich, dass Meditation schön und gut ist, aber beileibe nicht alles ausmacht, was zum Weg von Sri Chinmoy gehört. Der Meister sagt, dass ein wirklich spiritueller Mensch dem Körper und der Seele die gleiche Bedeutung beimessen muss. Wenn man die Seele ernährt, wird man innerlich vollkommener, daher muss man auch äußerlich danach trachten, vollkommener zu werden. Wer nicht lernt, den inneren Prozess auch auf das Äußere auszudehnen, wird nicht fähig sein, die inneren Früchte der Seele äußerlich zu verwenden, das heißt, sie mit der Welt zu teilen. Das innere Training ist die Meditation, das äußere Training ist der Sport.

Aus diesem Grund betreibt die Mehrheit der Schüler regelmäßig Sport, und wer keine angestammte Lieblingssportart hat, fängt in der Regel an zu laufen. Die meisten Schüler werden Läufer, und zwar Langstreckenläufern. Diese Dinge wurden mir bereits beim ersten Besuch, den ich Schülern des Meisters abstattete, mitgeteilt. Ich bejahte diese Philosophie mit fester Überzeugung, als mir plötzlich einfiel, dass auch ich damit gemeint war. Das war für mich keinesfalls in Ordnung. In der Meditation war ich fast perfekt, dachte ich, ich hatte bereits so viele Erlebnisse, dass ich das Gefühl hatte, kein Anfänger mehr zu sein. Endlich fand ich die Kameraden in Wien und kaufte alle deutschsprachigen Bücher und Kassetten des Meisters. Soll ich jetzt mit dem Laufen alles kaputt machen?
    Am höchsten Gipfel der größten Begeisterung, in schwindelerregender Höhe, schmelze ich also in höchstem Enthusiasmus über den Zauber der „Meditation" dahin, und plötzlich werde ich mit kaltem Wasser übergossen. Wenn man wirklich diesen Weg gehen will, wenn man ein guter Schüler sein will, muss man laufen, das war das Wesentliche, was ich dort hörte. Ich habe Laufen immer schon gehasst und lief nicht einmal der Straßenbahn nach. „Nur net hudeln!"- habe ich sehr gerne von Wienern gelernt. Schon als Schüler und Student schlich ich um das Laufen herum wie die Katze um den heißen Brei. Ich habe Plattfüsse oder, vornehmer gesagt, Senkfüsse. Mein Hüftgelenk, besonders das linke, wegen dem ich auch bereits in das Krankenhaus eingeliefert worden war, kann unheimlich schmerzen. Dann war da noch mein Bierbauch, dessen Ursache nicht in mir, sondern in der Qualität der österreichischen Biere zu suchen war. Diese Qualität trug wesentlich zu meinem Übergewicht bei. Aber dagegen kann man nichts machen, denn mit dem Alter reift man heran, wie man bei uns in Ungarn sagt. So trottete ich wie ein begossener Pudel nach Hause, meine Tasche vollgepackt mit Büchern und Musikkassetten des Meisters, und grübelte: Mich um´s Laufen zu bitten, das ging nun doch zu weit. Wenn ich das im voraus gewusst hätte, dann hätte ich nicht im Traum daran gedacht, eine bestimmte Zeit nach den Lehren Sri Chinmoys zu leben. Die ganze Sache schien nun doch eher nichts für mich zu sein, offensichtlich war das alles viel mehr für jüngere Menschen konzipiert, dachte ich mir. Eines ist sicher, ich hätte mich nicht auf die Meditation eingelassen, wenn mir schon von Anfang an der „Haken" mit dem Sport offenbart worden wäre. Ein bisschen fühlte ich mich hineingelegt, und so bemitleidete ich mich herzhaft selbst. Ich dachte, dieser Sri Chinmoy schreibt in seinem Buch so viel Schönes, das mich begeisterte, aber jetzt, bitte schön, hier ist die bittere Pille. Wie gesagt, ich hatte zum Laufen eine sehr negative Beziehung.         Manchmal machten wir einen Ausflug in den Wienerwald, natürlich nur den Kindern zuliebe, weil die Bewegung für ihre Entwicklung notwendig war. Welches Opfer man als Papa nicht in Kauf nehmen muss! Bei diesen Gelegenheiten beobachtete ich, während ich mich zum ersten Bierausschank schleppte, wie Leute im Wald liefen. Ich bemerkte meiner Frau gegenüber, dass Menschen, die bergauf laufen, Narren sind und sich kaputt machen. Ältere Läufer hielt ich für sehr verantwortungslos, weil sie ihre Kinder offensichtlich verwaist hinterlassen wollen, sie kümmern sich nicht um ihre Gesundheit usw. Als ich einmal einen Mann, ca. 35 Jahren, mit zwei Gewichten in den Händen bergauf laufen sah, sagte ich meiner Frau: Auch diesen Mann sollst du nicht um einen Rat bitten.  

Am darauffolgenden Tag fand ich mich bereits in einem Sportgeschäft wieder, um Schuhe zu kaufen. Ein Versprechen ist ein Versprechen, da hilft nichts. Im Rechnen war ich immer gut. Drei Monate sind immerhin schon vergangen, also verbleiben mir ohnehin nur noch neun Monate, so tröstete ich mich. In der Hoffnung, dass sie meine Fußgelenke besser halten, entschloss ich mich für Sportschuhe, die über die Knöchel hochgezogen waren. Nach einigen Monaten stellte sich heraus, dass ich gar keine Laufschuhe erstanden hatte, sondern eine Art Bergschuhe, weshalb meine ohnehin minder belastbaren Fußgelenke in einer noch ungünstigeren Position nach innen gehalten wurden. Jeden Abend nach der Arbeit ging ich nun laufen und trainierte dann etwa fünfzehn Minuten lang, wenn man es Training nennen kann. Es spielte sich folgendermaßen ab: Zuerst bekleidete ich mich einmal wie ein waschechter Profi. Dann setzte ich mich im Vorzimmer oder in der Küche hin, um dort eine halbe Stunde traurig mit dem Gedanken zu verbringen, welch großes Unglück mir widerfährt. Ich schilderte meiner Frau mein trauriges Schicksal. Erst der Kommunismus 30 Jahre lang und jetzt das Laufen. Das kann nur Gottes Strafe sein. Zwischendurch habe ich immer wieder durchs Fenster hinausgeschaut, ob die Wolken nicht doch einige Tropfen freigeben. Wenn der glückliche Fall eintrat, freute ich mich irrsinnig, weil man im nassen Wetter doch nicht laufen kann, wegen den eventuellen schwerwiegenden Folgen, wie Lungenentzündung, Tod, Witwe, Waisenkinder. Das geht doch nicht. Schließlich zwang ich mich in alles andere als guter Laune doch loszugehen. Damals wohnten wir am Donauufer, und dort befand sich zwischen zwei Bäumen, die vierzig Meter von einander entfernt standen, meine Trainingsstrecke. Ich konnte diese Strecke in einer Richtung zurücklegen, die andere Richtung spazierte ich schon und schnappte dabei gehörig nach Luft. Besonders unangenehm empfand ich beim Laufen den Tanz, den mein Bauch eigenwillig ausführte. Ich schimpfte über die Welt, aber besonders über mich selbst. „Du Idiot, da hast du es, zuerst begeisterst du dich immer für alles, fängst immer etwas Neues an, und dann kannst du sehen, was du dir eingebrockt hast. Du kannst noch glücklich sein, wenn dich dieser Wahnsinn nicht unter die Erde bringt!" So ermutigte ich mich. Ich schimpfte aber auch über den Meister, weil er so schöne Dinge in seinem Buch schreibt und nun wurden daraus nur Leiden und Schmerzen. Mein Bein hat immer schon geschmerzt und meldete sich auch jetzt noch kräftig, leider gewöhnte ich mich nicht daran. Mann müsste die Ausdauer der Qualen besitzen.
    Mit enormer Sehnsucht sah ich vor mir ein goldenes Ziel aufleuchten: könnte ich doch zehn Kilometer laufen! Ich dachte, dass ich als Schüler mit dieser Leistung bereits salonfähig wäre, und für einen alten Mann wäre es mehr als genug. Damals war ich noch alt. Apropos, das Alter hängt eigentlich nicht von den Lebensjahren ab. Man ist alt, wenn man nicht mehr fähig ist, das Neue anzunehmen, etwas Neues zu erlernen, das Neue zu leben. Also, wenn man einfach nicht mehr bereit ist, über seinen eigenen Schatten zu springen. Man ist starr und daher nicht mehr geneigt, seine Meinung zu ändern. Das Alter ist nichts anderes, als die volle Erstarrung des Verstandes. Im Falle eines konservativen, starren, im traditionsverhafteten Bewusstsein festgefahrenen Menschen kann dieser Zustand im Alter von dreißig Jahren oder sogar noch früher vorkommen. Zu meiner großen Überraschung wurde mein Wunsch ziemlich schnell erfüllt. Nach ca. vier Monaten konnte ich zehn Kilometer traben. Nachdem ich zehn Kilometer zurückgelegt hatte, spazierte ich nach Hause, auch wenn ich nur mehr fünf zig Meter bis zum Haus hatte, aber man soll sich nicht überstrengen, oder? Ich habe immerhin zwei Kinder, denen zuliebe ich sogar aus dem Kosmos zurückgekehrt war. Soll ich jetzt wegen physischer Überlastung abkratzen? Ich passte peinlich genau darauf auf, mich nicht zu überanstrengen. Dann ergab es sich, dass ich einmal mehr laufen musste. Wir organisierten einen Staffellauf, bei dem stündlich die Läufer wechselten, aber mein Partner verspätete sich um eine halbe Stunde. Ich bin für ihn gelaufen und war verzweifelt, aber ich bin mit einem blauen Auge davongekommen. Ein anderes Mal kam der Laufpartner überhaupt nicht. Es war Nacht. In der zweiten Stunde beobachtete ich meinen Puls und mein Herz, damit meine Sorgen unter Kontrolle gehalten werden konnten. Wenn ich in der Nacht im Park umkippen würde, gäbe es niemanden, der mich ins Krankenhaus einliefern würde. Es passierte nichts, ich war nicht einmal müde. So entdeckte ich, dass man auch mehr laufen kann.
    Zu meinem 40. Geburtstag ging ich am Abend gegen halb acht Uhr mit einer Flasche Mineralwasser ausgerüstet in den Prater und lief vierzig Kilometer. Ich war um ca. 23.30 Uhr fertig, aber da war ich wirklich fix und fertig, ich war völlig am Ende. Selbst das Auto heimzufahren, stellte mich vor eine große Aufgabe. Am nächsten Tag konnte ich die Treppe nur rückwärts hinuntergehen, und  wenn ich etwas fallen ließ, wagte ich nicht, meine Beine  zu beugen, weil ich wusste, dass ich dann nicht mehr aufstehen konnte. Trotz der Muskelentzündung, die in meinen Beinen wütete, war ich sehr glücklich, da es bis dahin für mich – wie wahrscheinlich für viele liebe Leser – unmöglich war, eine Marathondistanz zurück zu legen. Es war absolut unmöglich, weil die Senkfüsse, die Probleme mit dem Hüftgelenk, der Bierbauch, die schlechte physische Kondition und auch noch andere Umstände sogar für sich alleine betrachtet ein unüberwindbares Hindernis darstellten. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas schaffte, woran ich nicht glaubte. Ich hatte an alles immer einen starken Glauben, dass ich Zahnarzt werde, von Rumänien wegkomme, in Österreich eine Existenz aufbaue, dass ich eigentlich alles machen kann. Ich war auch so wie der alte Sekler, denn man gefragt hat, ob er Klavierspielen kann. „Selbstverständlich“ antwortete er „ ich hab`s nur noch nie probiert.“ Aber nicht einmal die Möglichkeit, eine Marathonstrecke zu laufen, war in Reichweite meines Glaubens. Es war unmöglich.
    Ich war glücklich, weil ich der Unmöglichkeit eine Ohrfeige gegeben hatte, wie ich es gerne formuliere. Dann erkennt man, dass nichts unmöglich ist. Sri Aurobindo sagt, dass das Unmögliche die Summe der nicht realisierten Möglichkeiten ist. Das stimmt. Wenn man aber das Unmögliche zerlegt, sieht man, dass man diesen Teil und diesen Teil usw. schaffen könnte. Das ist wie ein dickes Seil, das man nicht zerreißen kann. Wenn man aber das Seil bis zu den Fäden zerlegt, wird man fähig, es in Stücke zu zerreißen. Betrachtet man hingegen das Ganze, scheint dies unmöglich.

Anhand des Sports, zum Beispiel des Laufens, kann man dem materialistischen Verstand beweisen, dass die von uns errichteten und akzeptierten Grenzen nicht fix und unüberwindbar sind, denn der Fortschritt lässt sich hier leicht messen. Unsere geglaubten Grenzen und Hindernisse stellen die Vorhänge der Unmöglichkeit dar, die man um sich herum aufhängt, und auf diese Weise lähmen wir uns selbst. Die Annahme der Unmöglichkeit ist die Geburt des Aufgebens.

Dann folgten zahlreiche Marathonläufe, ich weiß nicht, wie viele es waren. Auch mein Verstand gewöhnte sich daran, zum Training war ich sogar fähig, fünf oder sechs Stunden lang zu laufen. Inzwischen kam ich auch bei der Beherrschung meines Verstandes weiter. Ich lernte, während des Laufens ohne Gedanken zu bleiben, trotzdem blitzt gelegentlich der Gedanke im Kopf des Menschen auf, derart große Strecken zu bewältigen sei sinnlos. Einmal lief ich hundert Kilometer, das war wieder im Wiener Prater.

Warum betreibt man Sport? Werfen wir zuerst einmal einen Blick auf die Gesundheit. Wenn man krank ist, ist man nicht glücklich. Man kann nicht meditieren, man ist pessimistisch und so weiter. Depression ist der tiefe Brunnen, wogegen Glücklichsein das Fliegen des Bewusstseins ist. Das Leben ist Bewegung. Das Bewusstsein macht das Material mit Hilfe der Bewegung lebendig. Ein bedeutsamer Teil unseres Körpers besteht aus dem Bewegungsapparat. Unser Körper wurde geschaffen um bewegt zu werden. Aber leider lebt der Mensch von heute nicht so. Die Tour geht nur vom Schreibtisch bis zum Auto oder bis zur Straßenbahn und von dort bis zum Fernsehsessel. Das ist es schon, man ist müde, ja man ist sogar schon früher müde. Mit der Ehe wird der Körper umfangreicher. Das sieht man bei den Männern am Bauch, bei den Frauen an den Hüften. Wenn man älter wird, reduziert man auch die normale Bewegung. Man denkt, Sport ist etwas für Jugendliche, sie müssen sich noch entwickeln. Früher vollbrachten auch wir beeindruckende sportliche Leistungen. Unsere Zeit ist aber bereits abgelaufen. Ohne Bewegung fließt die Lebensenergie nicht richtig. In der Folge stellt sich ein Stau ein, man wird krank. Es gibt keine Zivilisationskrankheiten, die man mit Bewegung nicht lindern oder gar heilen oder denen man nicht zumindest vorbeugen könnte. Der Mensch verfügt über zwei Hauptausscheidorgane, um Schlacken und Gifte des Körpers loszuwerden, eines davon ist die Haut. Wenn die Haut sich nicht erwärmt, öffnen sich die Poren nicht, man schwitzt nicht, und in diesem Fall kann die Haut ihrer Aufgabe, Stoffe auszuscheiden, nur teilweise nachkommen. So verbleiben schädliche Stoffe im Körper, die sich im Gewebe ablagern. Man wäre es sich selbst, aber auch der Familie und der Gesellschaft schuldig, spätestens mit 35 bis 40 Jahren zu beginnen, regelmäßig Sport zu betreiben. Es gibt Menschen, die aus Unwissenheit nicht Sport treiben, aber andere wissen sehr wohl über die wohltuenden Auswirkungen des Sportes Bescheid, aber betreiben trotzdem keinen. Wenn ich gleichaltrige Zeitgenossen mit grenzenlosem Selbstleid klagen höre und sehe, dass sie Dutzende von Medikamenten schlucken, fangen meine Augen oder mein Herz – trotz all meiner Bemühung – nicht zu tränen an. So viel einmal nur zu den rein physischen Gründen, die für die Ausübung von Sport sprechen.

Warum gerade Laufen? Beim Laufen bewegt man mehr als 70 Prozent der Muskeln. Nur beim Skilanglaufen werden ca. 90 Prozent bewegt. Beim Schwimmen und Radfahren kommt man nur auf 30 bzw. 35 Prozent, also weit weniger als beim Laufen. Laufen belastet nicht nur, sondern trainiert auch die Herzmuskeln. Da Laufen zu einer harmonischen Bewegung führt, wird die ganze Oberfläche unserer Haut erwärmt und gut durchblutet. Laufen kann man überall, unter allen Umständen.

Mit dem Sport wollen wir ein bestimmtes Bewusstsein in uns aufheben und ein neues Bewusstsein ins Leben rufen. Der Sport ist also Umgestaltung. Der Körper ist unser irdischer Teil, er entstand aus Staub und wird zu Staub zurückkehren. Er trägt Steinbewusstsein in sich, dessen Hauptmerkmal die Bewegungslosigkeit ist. Die wesentlichen Merkmale unseres Körperbewusstseins sind die Trägheit, das Nichtstun und die Faulheit. Unser Körper ist am glücklichsten, wenn man im Sessel lungert und etwas knabbert, oder im weichen, warmen Bett schlafen kann, um in seiner Quelle, im Herzen der Erde zu versinken. Beim Mittagstisch saß ich früher am Ende der Tafel. Mein Gott, wie schwer wäre es für mich gewesen, mich zu bewegen! Wenn man mich störte, wurde ich nervös wie ein Hund, dem jemand das Futter wegnehmen will. Beim Essen konnte man hören: Martha, bring mir bitte das Salz! Martha, du hast vergessen, Servietten auf den Tisch zu legen. Martha, das Kind möchte Brot. Martha, gib mir bitte ein Glas Bier. Das ging Tag ein Tag aus so dahin. Ich dirigierte und Martha ist gesprungen. So nahm ich zu und wog schließlich 85 Kilogramm, Martha wog hingegen 47 Kilogramm. Natürlich sprangen die Kinder auch nicht auf. Ich habe Söhne, und Männer sind die Krönung der Schöpfung. Männer sind von Natur aus fauler, aber das hängt mit den Genen zusammen. Lauter Ausreden.

Wenn man nicht fähig ist, die körperliche Trägheit zu überwinden, wird man sich nicht eines höheren Bewusstseinszustandes erfreuen können, der liegt dann außerhalb der Reichweite. Es ist dann praktisch unmöglich, morgens früh aufzustehen, um zu meditieren, und sollte dies doch gelingen, so wird man zumindest während der Meditation zu häufig Freundschaft mit dem Schlaf schließen. Natürlich ist es nicht leicht, einen vernachlässigten Körper in gute Kondition zu bringen, aber es ist nicht unmöglich. Lange Zeit erlebte ich das Laufen als Qual. Ich lief mit Spoty, unserem Hund. Wenn ich mich traurig anzog, sprang er schon aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd herum. Sobald ich ihn anblickte, schmachtete ich immer: „Mein Gott, könntest du aus mir nicht auch einen Hund machen, damit ich mich über das Laufen auch so sehr freuen kann?" Inzwischen weiß ich schon, dass mein Leiden wegen des Laufens keine Verteidigung des Körpers, sondern reiner Widerstand seitens des Verstandes war. Mein Verstand, in dem meine Gedanken ständig kreisten und der ununterbrochen aktiv sein wollte, betrachtete das Laufen als verschwendete Zeit. Von seinem Standpunkt aus gesehen war das Laufen etwas Zielloses, übrigens ebenso wie die Meditation, und deshalb floh er in eine traurige, von Selbstmitleid erfüllte Stimmung. Nach sechs Jahren war das Eis gebrochen und ich konnte das Laufen mit viel Freude annehmen.

Es ist ein angenehmer und leichter Zustand, wenn man alles sofort erledigen kann und es seitens des Körpers keinen Widerstand gibt, wenn man ohne begleitende Kommentare tätig werden kann. An die Stelle des trägen Körperbewusstseins tritt Dynamik. Da braucht Martha das Salz nicht mehr herzubringen. Ich brauche nicht auszurechnen, was X hätte machen müssen, was seine Aufgaben waren und was auf mich gefallen wäre. Wenn man einer Aufgabe nachkommt, ärgert man sich oft bei dem Gedanken, wer eigentlich diese Arbeit verrichten hätte müssen. Ich bin davon überzeugt, dass das Hinauswachsen über den gegenwärtigen Zustand des Körperbewusstseins eine unerlässliche Grundvoraussetzung für die Verwirklichung unseres inneren Friedens darstellt. Ohne Sport kann man keinen Frieden haben, weil man aufgrund der körperlichen Trägheit nur andere dirigieren will. Dies wiederum erschüttert sozusagen den Frieden. Natürlich ist das nur ein einziger Aspekt der unzähligen Vorteile des Sports.

Das Laufen ist unserem inneren Leben sehr ähnlich. Meditation ist auch ein Laufen. Warum? Es gibt im Leben einen inneren Fortschritt. Das Bewusstsein, das Wahrnehmen der Welt und des Lebens, ändert sich ständig. Ein Zwanzigjähriger sieht das Leben anders als ein Vierzigjähriger; ein Fünfzigjähriger wiederum anders als ein Dreißigjähriger usw. Ein älterer Mensch bemerkt, dass der eigene Wille nicht so leicht und nicht so schnell durchführbar ist wie man sich das als jüngerer vorstellt. Man lernt Geduld, man lernt die Kunst der Annahme des Lebens, was wiederum der Schritt zur Kunst der Überantwortung ist. So werden wir durch unsere Erfahrungen weiser, unser Bewusstsein wird breiter, freier, da wir das Leben nicht mehr nur durch die Brille des Eigenwillens betrachten.
    Genau dieser Prozess beschleunigt sich durch Meditation, da Meditation der Zustand des Nichtswollens ist. Meditation ist die Annahme des Lebens. Durch Meditation wird der Zeitfaktor eine geringere Rolle spielen. Wir können in einigen Meditationsjahren die Weisheit lebenslanger Erfahrungen sammeln. Meditation schenkt uns inneren Reichtum auch ohne viele enttäuschende Erfahrungen. Meditation ist ein inneres Laufen. Das äußere Laufen geht mit dem inneren Laufen Hand in Hand, wie es mein Meister formuliert. Mit unserem äußeren Laufen bringen wir unser inneres Laufen zum Ausdruck, und gleichzeitig stärken wir es.

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