Manifestation

Das Wort Manifestation bedeutet Offenbarung, etwas kommt zur Geltung, oder etwas kommt an die Oberfläche. Im spirituellen Leben bedeutet Manifestation, dass ich mein inneres Leben, nachdem es mit Hilfe der Meditation gereinigt und langsam mit den Eigenschaften meines inneren Wesens gestärkt wurde, in den Vordergrund treten lasse und versuche, es in meinem äußeren Leben zu offenbaren. Ich versuche sozusagen, die gesammelten, gereinigten Früchte in meinem Leben zu verwenden. Das geschieht teilweise auch automatisch, weil mein schon ein bisschen transformiertes „ich“ auch Änderungen in meiner Umgebung dadurch hervorruft, dass ich heute auf meine Mitmenschen anderes als früher reagiere. Es ändert sich auch die Wirkung, die ich spontan auf meine Mitmenschen ausübe. Bewusste Manifestation ist aber mehr. Wenn ich mich hinstelle, um einen Vortrag über Meditation und inneren Frieden zu halten, gebe ich den Leuten enorme Inspiration. Ich zeige mich ihnen mit meinen Geschichten über meine persönliche Entwicklung, und gebe ihnen dadurch ein konkretes lebensnahes Beispiel. Das bedeutet, dass Manifestation eine winzige Verwirklichung voraussetzt, die dann ausgedrückt oder offenbart wird. Die Manifestation bekräftigt und beschleunigt meine weitere Entwicklung zur Selbstverwirklichung. Man kann also sagen, die beiden begleiten und helfen einander. Ein Stückchen Verwirklichung ermöglicht Manifes-tation und die Manifestation festigt und enthüllt wieder ein Stück Verwirklichung. Manifestation bedeutet nicht unbedingt, einen Vortrag zu halten, so etwas liegt nicht jedermann. Manifestieren kann man auf sehr vielen verschiedenen Gebieten, wie in der Musik, durch das Singen von spirituellen Liedern, die Aufführung spiritueller Theaterstücke, das Organisieren von Vorträgen, Vorstellungen usw. Man kann jede Tätigkeit, auch physische Arbeit, als Manifestation bezeichnen, die mit dem Ziel ausgeführt wird, auf das spirituelle Leben hinzuweisen oder dem spirituellen Leben zu dienen. Mit jeder solchen Tätigkeit wachsen wir innerlich. Jede Tätigkeit kann als Manifestation bezeichnet werden, wenn die innere Einstellung dabei meditativ und spirituell ist.
    Was ich in mir verwirkliche, muss ich weitergeben. Ich kann es nicht für mich behalten, weil ich voll werde, und dann brauche ich nichts mehr. Es kommt zu Stagnation. Aber wenn ich das Verwirklichte weitergebe, dann wird es konkret und praktisch, und ich kann mich mit noch mehr auffüllen. Mit jeder Auffüllung dehnt sich meine Aufnahmefähigkeit aus. Deswegen bekomme ich umso mehr, je mehr ich gebe. Das Schreiben dieses Buches ist auch eine Manifestation. Was ich bis jetzt verwirklichen konnte, versuche ich weiter zu geben. Während ich das Buch schrieb, lernte ich vieles, weil ich meine inneren Gefühle und inneren Wahrheiten zum Ausdruck brachte. Ich schrieb das Buch, weil ich das Gefühl hatte, ganz voll zu sein und etwas abladen musste. Als ich 1999 mit dem ungarischen Buch fertig war, wurde ich ganz leer, ganz frei, und es bedeutete ein neuer Anfang für mich. So kam dieses Buch.
    Meine erste Manifestationstätigkeit fand 1989 in Wien statt, als der Meister ein Konzert gab. Auch ich ging plakatieren. Das war für mich eine sehr interessante neue Erfahrung. Ich war ziemlich in Verlegenheit. Ich dachte, mein Gott, was werde ich tun, wenn ich einige meiner Patienten treffe. Aber dann spürte und genoss ich die alte Atmosphäre des Studentenlebens. Mit einem Kollegen plakatierten wir auch dort, wo es verboten war. Ein Polizist erwischte uns. Er forderte uns auf, die Plakate zu entfernen. Aber als er uns den Rücken zukehrte, liefen wir davon. Damals konnte ich bereits gut laufen. Das war letztendlich ein lustiges Abenteuer.

1990 fuhr ich mit einem Schweizer Schüler nach Ungarn, um Vorträge zu organisieren. Ich war der Dolmetscher, er hielt die Vorträge. Danach übersetzte ich auch andere. Da ich nicht selber sprechen musste, konnte ich die Blicke des Publikums irgendwie noch ertragen. Das ging etwa zwei Jahre lang. Die österreichischen und Schweizer Disciples wollten mich dazu überreden, selbst Vorträge zu halten, auch wegen der Sprache wäre das einfacher gewesen. Ich sagte, dass ich nicht nach Ungarn fahre, weil ich dort nichts verloren hatte, deshalb habe ich dort auch nichts zu suchen. Darüber hinaus werde ich nie Vorträge halten, weil es nicht mein Weg sei. Das wäre unmöglich für mich. Es graute mir, wenn ich daran dachte, dass ich mich vor Menschen hinstellen und versuchen sollte, ihnen etwas zu erklären oder sogar jemanden dazu zu verführen, ein spirituelles Leben zu führen, weil es für mich damals sehr schwer war. Damals dachte ich nur an das Aufstehen und Laufen. Ich hatte auch Angst, dass negativ eingestellte Menschen mich ausfragen und angreifen würden.

Inzwischen arbeitete ich mich in das Übersetzen ein und sah, dass die Leute bestimmte Dinge nicht verstanden. Deshalb begann ich als Dolmetscher, die Dinge mit eigenen Worten zu ergänzen, natürlich nur, damit man es versteht. Ein Vortragender bemerkte das und verwies mich an meinen Dolmetscherplatz. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wann es passierte, aber einmal fiel ein Vortragender aus. Das war im Juli. Das Wetter war schön, und ich fuhr mit dem Motorrad nach Budapest. Ich hatte keine andere Wahl als mich hinzustellen und selbst einen Vortrag zu halten. Gerade einen Monat davor hatte ich sehr weise gesagt, dass ich nie einen Vortrag halten werde. Ich fühlte mich beim Vortragen sehr wohl, und die Menschen freuten sich auch, es war einfach lustig. So endete meine Rolle als Dolmetscher und ich wurde selbständig. Ab September war ich allein unterwegs und brauchte keinen Dolmetscher. Nachträglich kann ich sagen, dass ich unter der Leitung meines Meisters alles tun musste, was ich für unmöglich hielt. Deshalb bin ich bereits vorsichtiger mit den Unmöglichkeiten.

Das ging zwei, drei Jahre lang so. Am Anfang hatte ich viele Probleme mit den Vorträgen. Wenn es klappte und ich gelobt wurde, war ich stolz, und mein Ego kam zum Vorschein. Ich bin toll, ich bin vielleicht der beste. Was vielleicht? Natürlich bin ich der beste! Darunter musste ich natürlich leiden. Das ist ein kosmisches Gesetz. Das ist mit jedem so, aber nur der spirituelle Mensch begreift das bewusst bzw. versteht die Zusammenhänge. Die Qual erscheint früher oder später, aber sie bleibt nie weg. Sie erschien bei mir schnell, da das spirituelle Leben im Vergleich zur normalen Schule des Lebens ein Intensivkurs ist. Nach einigen Stunden oder spätestens am folgenden Tag begann die Qual. Ich bekam Depression, und dann war ich nicht mehr der beste. Ich war der letzte. Wenn der Vortrag nicht gut war, litt ich, weil ich mich für schwach hielt. Ich war unfähig, etwas richtig zu machen. Manchmal verging mir sowohl die innere als auch die äußere Kraft, wenn ich bestimmte Menschen erblickte. Da hatte ich das Gefühl,  dass ich kein Wort aussprechen kann. So erlebte ich Krisen. Ich litt manchmal wegen meines Stolzes, manchmal wegen meines Misserfolgs, aber letztendlich hielt ich die Vorträge sehr gern, weil ich in dieser Zeit trotz allem eine kontinuierliche, intensive Entwicklung spürte. Wenn ich anfing zu reden, hob ich mich langsam weit über meine Probleme hinaus.

Dann machte ich eine interessante Erfahrung. Dieses Buch wäre nicht vollständig, wenn ich darüber nicht schreiben würde. So etwas gibt es auch, man muss auch damit rechnen. Es begann anfangs Juli. Ich erinnere mich sehr gut, weil ich viele Jahre hindurch um meinen Geburtstag sehr starken negativen Kräften ausgesetzt war. Bei anderen ist es aber umgekehrt, wie ich so höre. Ich wachte also auf und konnte nicht mehr meditieren und verstand nichts mehr von Spiritualität. Ich hatte keine diesbezüglichen Gefühle mehr, hatte kein Interesse für das spirituelle Leben mehr. Ich fiel total auf mein Ausgangsniveau zurück. Um es ganz deutlich zu machen: Ich spürte wieder, wie gut das Brathuhn auf der Strasse roch. In den Geschäften sah ich mir die Rotweine an. Ich erinnerte mich an ihren Geschmack, als ob ich gerade getrunken hätte. Das schien unverständlich und unglaublich, aber es war wahr. Ich hatte Sehnsucht nach diesen Dingen. Ich empfand das spirituelle Leben absolut sinnlos.

Das wäre für kurze Zeit kein großes Problem gewesen, aber das Ganze hörte nicht auf. Für Juli plante ich noch einige Vorträge, von denen ich einen wie eine Maschine hielt. Ich fühlte mich furchtbar. Ich wusste, dass ich lüge und über etwas spreche, das nicht mein eigen ist, das ich nicht verwirklicht habe, weil es mich nichts angeht, weil ich nicht in diesem Sinne denken und leben kann. So verging der Juli. Im August war ich in New York bei den Feierlichkeiten, das war furchtbar. Ich saß den ganzen Tag da, aber meditieren konnte ich nicht. Ich konnte alles nur vom Gesichtspunkt meines Verstandes aus betrachten. Deshalb war alles, was dort passierte, sinnlos. Mit den Augen des reinen Verstandes gesehen, ist das spirituelle Leben irrational. Ich war kein spiritueller Mensch mehr. Für mich gab es keine Seele, kein inneres Leben, nichts. Für mich gab es nur Kritik an allem, was ich dort sah. Im September und Oktober war ich in Wien, hielt aber keinen Vortrag, ich bat immer andere, mich zu vertreten. Zweimal wöchentlich ging ich ordentlich zur Meditation. Ich stand morgens auf, wenn es klappte, und setzte mich zur Meditation hin, aber es funktionierte nicht. Äußerlich machte ich weiter, weil für mich Aufgeben gar nicht in Frage kam.

Ich nahm mir schon viel früher vor, meinen Meister nicht zu verlassen, egal was passiert. Wenn ich den Meister nicht gehabt hätte, hätte ich die Meditation und das spirituellen Leben ganz sicher aufgegeben, da das Ganze von selbst aufhörte, wie es auch von selbst begann. Bereits nach vier Monaten akzeptierte ich allmählich diesen Zustand. Meine Rettung war eigentlich meine Liebe zu meinem Meister. Diese Liebe hat Treue hervorgebracht. Ich dachte, dass Spoty mich auch nicht verlassen würde, selbst wenn ich ihn hungern lassen würde, da er als Hund ein Symbol der Treue ist. Ich versuchte doch wenigstens sein Niveau zu halten.

Am ersten Wochenende im November flog ich nach New York zum New York City Marathon. In der ersten Nacht wachte ich auf und bemerkte, dass ein Einbrecher gerade unseren Tisch abräumte. Der Mann war mindestens zwei Meter groß. Ich erlebte den größten Schreck meines Lebens. Ich wollte schreien, aber kein Laut kam aus meinem Mund.  Ich hätte nicht geglaubt, dass es eine solche Angst gibt. Als ich das Licht anmachte, lief der Dieb endlich weg.  Vielleicht erschrak er auch, als er mein vor Schreck deformiertes Gesicht erblickte. Am nächsten Morgen ging ich zu Guru und erzählte Ihm, was für eine Gefahr mich bedroht hatte. Er schaute mich nur voller Anteilnahme an, er sagte nichts über den Einbrecher und fragte mich sanft: „Gunagriha, fährst du noch nach Ungarn?” Ich war überrascht. Darüber hatten wir nie gesprochen. Ich antwortete „nein.“ Dann lud er mich zu einem Gespräch ein, das wir mit diesem Thema fortsetzten und bei dem er mich nach dem Grund meiner Abwesenheit fragte. „Ich fahre nicht nach Ungarn, weil ich nicht sprechen kann,” – antwortete ich. „Sprichst du nicht Ungarisch?” – fragte er mich. „Doch, aber ich kann über etwas nicht sprechen, das ich selbst nicht tun kann. Ich kann nicht rein leben, ich kann kein spirituelles Leben führen.” – lautete meine Antwort. Er bat mich zurückzublicken, wie ich war, als wir uns das erste Mal getroffen hatten, und wie ich geworden bin. Ich konnte die offensichtliche Entwicklung sehen. „Morgen läufst du einen Marathon. Du musst mit dem ersten Kilometer beginnen und nicht mit dem letzten. Auch hier ist es so, eine Stufe kommt nach der anderen, und man muss auf jede Stufe treten. Wegen deiner Reinheit muss ich mir den Kopf zerbrechen und nicht du.” So ungefähr verlief unser Gespräch, und dann bat Er mich nach Ungarn zu fahren, weil es dort sehr viele gute Menschen gibt, die mich brauchen. Dieses Gespräch fand in dem winzigen Häuschen neben dem Tennisplatz statt. Als ich aufstand und das Häuschen verließ, hatte ich das Gefühl, als wenn ich durch einen Vorhang getreten wäre. Sofort gewann ich alle meine spirituellen Gefühle zurück. Alles wurde wie früher. Genau vier Monate lang dauerte meine innere Dürre. Ein Mensch, der für die Spiritualität nicht empfänglich ist, kann kein spirituelles Leben führen, stellte ich fest. Nach der oben beschriebenen Geschichte verurteile ich auf jeden Fall niemanden mehr, der mit dem spirituellen Leben aufhört.
    Danach kam alles wieder in Ordnung. Die Qual, die vier Monate gedauert hatte, hörte auf. Ich brauchte keine Krisen mehr zu erleben. Ich glaube, man muss irgendwann durch ein Nadelöhr hindurchschlüpfen. Ich wurde kräftiger und entwickelte mich. Ich lernte schön langsam, Lob an meinen Meister, an Gott weiterzuleiten. Am wichtigsten war, dass ich ein Lob nicht mehr mir selbst zuschrieb. Es ist doch nicht mein Verdienst, dass ich dort stehen kann und gute Vorträge halte. Das ist die Wahrheit. Während der Vorträge habe ich vieles verstanden. Ich sprach und dabei wurde für mich ein neuer Zusammenhang klar, den ich bis jetzt nicht verstanden hatte. Am interessantesten war es, als ich bemerkte, dass ich etwas sage, was ich noch nie gehört hatte. Das ist wirklich interessant, stellte ich fest. Das müsste ich mir merken, sagte ich mir, aber meistens vergaß ich es wieder.

Ich war in Jugoslawien, in Szabadka und auch in der Slowakei bzw. in Siebenbürgen, um Vorträge zu halten. Ich hielt auch eine Reihe von Vorträgen in Wien. Daraus ergaben sich auch Probleme. Ein Mädchen organisierte einen Vortrag mit dem Titel „Laufen und Meditation“, und wir luden auch einen ungarischen Langstreckenläufer ein. Das Mädchen mietete für den Vortrag den Saal einer städtischen Bibliothek. Am letzten Tag vor dem Vortrag bekam ich einen Eilbrief von der Stadtverwaltung, dass der Saal an uns nicht vermietet wird, da neben Sport auch Meditation auf dem Programm steht. Man behauptete, ich hätte gelogen, deshalb wird der Vertrag gekündigt, weil an eine Sekte keine in dem Eigentum der Stadt Wien befindliche Räumlichkeit vermietet werden darf. Das beste daran war, dass ich erst aus dem Brief der Stadtbibliothek über den Ort der Veranstaltung informiert wurde. Davor hatte ich keine Ahnung, wo der Vortrag stattfinden sollte, und dass es solche heilige Plätze gibt, wo ich gar nicht hinein durfte. Diese Praxis der Ausschließung wird in vielen Städten Österreichs praktiziert, am schlimmsten in Graz, wo man praktisch keinen Vortragsraum für das Thema Meditation mehr findet. Den Vortrag hielten wir anderswo, das war kein Problem. Jemand war aber sehr aggressiv wegen unserer „Lüge“. Vielleicht ein Sektenexperte von der Kirche oder ein Sektenjäger, der sich profilieren wollte, prüfte die Sache gründlich und ließ nicht locker. Die österreichischen christlichen Kirchen sehen in der Meditation eine Konkurrenz. Vielleicht haben sie Grund dafür. Einige Wochen später erzählten mir einige meiner Patienten, die bei der Stadtverwaltung arbeiteten, dass über mich in der offiziellen städtischen, in sehr hoher Auflage erscheinenden „Wiener Zeitung” ein Artikel stand. In der Zeitung schrieb man über die Mietgeschichte des Saales unter dem gutklingenden Titel „Dr. Fülöp, Zahnarzt und Sektenschwindler”. Alle spornten mich an, einen Prozess zu führen. Ich reagierte natürlich nicht. Unsere Vergangenheit macht uns klüger. Ich habe aus meiner Jugend gelernt, dass es sich nicht auszahlt, gegen den Wind zu pinkeln. Trotzdem habe ich in Rumänien einmal einen Prozess geführt. Das genügt mir aber für das ganze Leben.
    Kurz danach bekam ich eine Benachrichtigung, dass in der Ordination eine Steuerprüfung durchgeführt wird. Ich wusste sofort, woher der Wind wehte. Ich wusste es, ich zweifelte nicht im geringsten daran. Das Ganze begann nicht auf die übliche Weise, ein Prüfer kam extra meinetwegen aus einer anderen Stadt, nämlich aus Linz. Als ich ihn traf, war mir die Situation noch klarer. Ich erkannte den Mann, diese Fähigkeit hatte ich seit Rumänien nicht verloren. Der Herr war offensichtlich Mitarbeiter der österreichischen Staatspolizei. Später wurde in seiner geöffneten Akte, die er in der Mittagspause auf dem Tisch liegen gelassen hatte, der Beweisgefunden. In der Akte waren meine sämtlichen „Sünden“ aufgelistet , dass ich einst mit der Scientology Kontakt hatte und derzeit der Sri Chinmoy Meditationsgruppe angehöre.

Die großen, staatlich anerkannten Kirchen halten jede gottsuchende Organisation für eine Konkurrenz und greifen sie auf jede vorstellbare und unvorstellbare Weise an. Sie werfen alle Gruppierungen einfach in ei-nen Topf und versehen ihn mit dem Etikett „Sekten”. Das Höchste und Lächerlichste, das ich je las, schrieb ein kirchlicher Mann, ein „Experte“, in seinem Rundbrief an die Schulinspektoramten, nämlich, dass wir Sri Chinmoy-Leute dem rechtsextremistischen Gedankengut gegenüber offen stehen. Das ist für mich der eindeutige Beweis, dass dieser Herr überhaupt keine Ahnung hat, was die Meditation als Bewusstseinserweiterung mit sich bringt. Diese Herren nennen sich Experten, ohne auch nur das ABC der Meditation zu kennen, und werden sogar vom Staat noch unterstützt. Woher nimmt man diese Experten? Mit dergleichen Berechtigung könnten wir die Herrschaften für Expertise in Zahnheilkunde heranziehen. Auf meinem Gebiet  hätten sie doch mehr zu sagen, da sie zumindest Patienten waren. Ihrer vorgefassten Meinung nach ist die Meditation etwas Gefährliches, sie ist etwas, was nur Hindus und Sekten praktizieren, die nicht Anerkannten in Österreich, und daher kann das nur negative Auswirkungen haben. Punkt. Um Schlechtes von Harmlosem oder Gutem unterscheiden zu können, könnte man eventuell Leute, die etliche Jahre einer spirituellen Gruppierung angehörten, als Experten heranziehen, aber nicht Leute, die die ganze Thematik nur mit ihren starren Vorurteilen betrachten können.

Nun gut, und jetzt wurde ich wieder von jemandem bei der Staatspolizei angezeigt, wie früher in Rumänien von meinem marxistischen Lehrer. In Österreich hat die Staatspolizei eine spezielle Abteilung, die die Sekten zu kontrollieren und bekämpfen hat. Hier wird, nach von der Kirche verordnetem Rezept, alles als Sekte verbucht, was nicht einer anerkannten Kirche angehört oder von wem die oben genannten Experten behaupten, es zu sein. Offiziell anerkannte Kirchen gibt es aber nur wenige. So gelangte ich zur Staatspolizei als Sektenschwindler. Man wollte in meiner Buchführung gesetzwidrigen Geldüberweisungen auf die Spur kommen, da es bekannt ist, dass Sekten ihre Mitglieder finanziell ausbeuten. Die diesbezüglichen Nachforschungen erwiesen sich als ergebnislos, da ich außer der Meditation keine anderen gesetzwidrigen Tätigkeiten ausübte. Trotzdem klappte es, uns eine höhere Summe „aufzubrummen“. In der Praxis arbeitete ich mit meiner Frau, die ebenfalls Zahnärztin ist, zusammen, deshalb teilte ich mit ihr unser Einkommen, was vom Finanzamt bis dahin akzeptiert wurde. Jetzt galt aber nicht mehr, dass wir für gleiche Arbeit gleich bezahlt wurden, sondern wir hätten eine getrennte Buchführung machen sollen. So wurde für einige Jahre zurückgerechnet, zuzüglich zehn Prozent Strafe, – das waren die Kosten meines Meditationsvortrages. Spiritualität ist auch nicht gratis.
    Jetzt habe ich also nicht nur in Rumänien, sondern auch in Österreich eine Akte. Ich bin auch hier ein Staatsfeind, obwohl ich hier noch weniger Schlechtes getan habe als in Rumänien. Die Welt ist verrückt! Du bemühst dich ehrlich, ein besserer Mensch zu werden, du kümmerst dich nur um dich und wirst als Staatsfeind angesehen. Ich weiß nicht, wie man sich vorstellen kann, dass ich als Arzt ein Mitglied einer gewalttätigen, terroristischen, finanzielle Erpressung ausübenden Gruppe sein könnte, und dies, wo ich vor dem Kommunismus geflohen war. Einerseits ist es lächerlich, andererseits ist es lästig, wie die durch den österreichischen Staat garantierte Freiheit einseitig, stur und starr in die Tat umgesetzt wird. Demokratisch ist es jedenfalls nicht. Es gibt Religionsfreiheit, sei ein braver Staatsbürger und wähle unter den Religionen, die wir für dich ausgewählt haben. Die auserwählten, anerkannten großen Kirchen werden vom Staat unterstützt. Zum Beispiel treibt der Staat für die katholische Kirche die noch vom nationalsozialistischen Regime als Gegenleistung für das konfiszierte Kirchenvermögen eingeführte Kirchensteuer ein. Aber wenn man nicht an das glaubt, was der Staat anbietet, dann ist es mit der Religionsfreiheit aus und du bist schon ein Staatsfeind. Viele Leute und auch Politiker glauben, dass die gesellschaftlichen Probleme im Glauben liegen, und dass die christlichen Werte sogar mit Gewalt ihre Herrscherposition behalten müssen. Das mit dem Glauben könnte eigentlich stimmen, nur die Lösung ist falsch. Das Problem ist, dass die Menschen in erster Linie mit sich selber nicht in Frieden leben können, weil sie die wunderbaren alten christlichen Werte nur als altmodische Utopie, als etwas Unrealisierbares, nicht Erstrebenswertes betrachten, da diese Werte für sie nur Hindernisse, aber keine Vorteile im alltäglichen Leben bringen. Sie können diese Werte nicht in ihr Leben einbinden. Die meisten Menschen wären bereit, für innere Werte wie Frieden, Harmonie, innere Stabilität des Wesens, Glücklichsein, usw. auch etwas zu opfern, aber sie sehen keine konkreten anfaßbaren Beispiele als Vorbild. Dann bleiben viele junge Leute bei Drogen, und noch mehr, junge wie alte beim Alkohol hängen, um Erfüllung zu suchen. Lassen wir doch die Menschen frei suchen, sich selber zu finden!
    Der Staat ist letztendlich dazu verpflichtet, die Freiheit der Bürger zu schützen, aber nur dann, wenn sie ins Netz einer gesetzwidrigen Organisation geraten oder wenn darum gebeten wird. Für Europa ist es leider typisch, dass nicht nur in Religionsfragen, sondern in allen gesellschaftlichen Fragen die Einzelpersonen bevormundet werden, statt dass man ihr Verantwortungsbewusstsein bzw. ihr Pflichtbewusstsein fördert. Das ist nicht zeitgemäß, es ist etwas Altes, es kommt aus unserer Geschichte, aus der Tradition. Ein jeder muss das Recht haben, seiner eigenen Überzeugung entsprechend zu leben und für sich die eigenen Erfahrungen – positive wie negative – zu machen.

Es stellte sich schließlich heraus, dass ich in Ungarn mit meiner Manifestationsarbeit zu Hause bin. Obwohl ich Ungar bin, hatte ich nie eine ungarische Staatsbürgerschaft. Früher hatte ich die rumänische, jetzt die österreichische Staatsbürgerschaft. Ich bin in Siebenbürgen geboren, übrigens der erste Platz auf der Welt, wo Religionsfreiheit herrschte, wo aber zwischen den Nationalitäten immer ein Kampf stattfand. Deshalb wurde ich in Richtung eines starken nationalen Gefühls und Bewusstseins erzogen und entwickelte mich in diese Richtung. Wenn man etwas unterdrücken will, wird es noch stärker. Das ist ein universelles Gesetz. Wenn man etwas nicht zu Tode drückt, nur unterdrückt, dann verstärkt es sich. So ist es in der Natur und in der Gesellschaft auch. So ist das mit dem Knochenwachstum im Körper, mit dem Ungarntum in Siebenbürgen und mit allem auf der Welt. Mein Vorbild war der ungarischer Dichter Petöfi. Ich lernte von ihm das Weinen und den Kampf um mein Ungarntum. Dann nahm mir ein interessantes Ereignis den Mut. Ich war sechzehn Jahre alt, als ich erfuhr, dass man von meinem Großvater nur soviel weiß, dass er einen deutschen Namen hatte. So war es mit meinem an das Blut gebundenen, auf der Familie Fülöp basierenden nationalen Bewusstsein aus. Das schockierte mich. Ich fühlte mich, als wenn mir die Decke weggezogen und dann auch die Kleidung genommen worden wäre. Aber ein junger Mensch hält alles aus. Von nun an fing ich nicht mehr an zu weinen, wenn ich die ungarische National-Hymne hörte. Später trug zur Untergrabung meines ungarischen Bewusstseins bei, dass diejenigen, die mich angriffen oder mir etwas Schlechtes antaten, Ungarn waren, und die mich retteten, waren Rumänen. Mein Marxismuslehrer, der Spionstudent, der Chef der Securitate in Marosvásárhely, der Spion der Securitate in Csicsó – sie alle waren Ungarn. Der Professor, der mich vor Securitate rettete, der Leutnant in der Armee, dem ich durch eine Urkundenfälschung meine reine Weste und meine Freiheit verdankte, mein lieber Chefarzt bei der Eisenbahn und der Parteisekretär, der seine Hand für mich ins Feuer legte – sie alle waren Rumänen. Natürlich wäre es falsch, das überzubewerten. Überall gibt es Gute und Schlechte. Aber diese Tatsache war für mich während der Sammlung meiner Erfahrungen von großem Nutzen, weil ich meine nationalen Vorurteile vollkommen überwinden konnte. In der Familie sprechen wir ungarisch, da wir uns so am besten ausdrücken können. Ich bin eigentlich meiner Wahlheimat sehr dankbar. Ich bin mir immer bewusst, dass es für mich kein Recht sondern ein Privileg ist, den österreichischen Pass vorweisen zu dürfen. Bevor ich österreichischer Staatsbürger wurde, fühlte ich mich als Heimatloser besonders gut. Überall ist es gut, aber am besten ist es nirgendwo, war mein Sprichwort.

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