Ich wurde Vegetarier

Ich meditierte, aber Fleisch aß ich immer noch. Obwohl ich mich entschlossen hatte, nach den Lehren des Meisters zu leben, versuchte ich nie, ja dachte ich sogar nicht einmal daran, die vegetarische Lebensweise anzunehmen. Im Buch „Meditation” wird in einem Kapitel begründet, warum fleischlose Ernährung aus spiritueller Sicht vorteilhafter ist. Ich war der Meinung, für den Meister sei es nicht schwer, auf Fleisch zu verzichten, da er ein Inder ist. Für mich hingegen, als Ungar, ist es einfach notwendig, Fleisch zu essen. Ich versprach zwar, dass ich ein Jahr lang so leben werde wie Sri Chinmoy es lehrt, aber trotzdem gedachte ich nicht, meine Meinung seiner Lehre zu unterordnen. Das menschliche, sogenannte bedingungslose Versprechen wird immer nur im Rahmen unserer eigenen Möglichkeiten und auch nur zum Teil umgesetzt. Man kann auch sagen, unabhängig davon, welches Gelübde man ablegt, ist man doch immer geneigt, nur so viel zu geben, dass einem dadurch noch keine Schmerzen verursacht werden, dass dadurch die empfindlichen Grenzen unseres Egos noch nicht verletzt werden.

Als Kind aß ich nur gegen Geld Fleisch. Zusammen mit meinem Bruder kassierte ich für einen Hühnerschenkel einen Lei. Für Geld kann man fast alles kaufen, und wir waren natürlich auch zu haben. Man konnte nämlich mit einem Lei schon ein Eis kaufen. Wir lebten in einem Dorf, und mein Vater war Jäger. Er brachte häufig erlegtes Wild nach Hause, zum Beispiel Wildschweine, Rehe, Hirsche und viele Hasen. Wenn wir zuviel Fleisch hatten, konservierten wir es mit Salz oder machten Salami daraus, die wir später aßen. Mein Vater brachte uns bereits in der Kindheit bei, wie man Haustiere schlachtet. Wenn wir Besuch bekamen und mehr Fleisch brauchten, stritt ich mit meinem Bruder immer um die Wette, wer es schaffen würde, die Hasen früher auf das Backblech zu legen. Er hat immer gewonnen, was mich ärgerte. Wenn es nicht anders ging, stieß er mich in der Tür beiseite. Schließlich wurde ich ein Profi und hatte keine Angst vor dem Blut von Geflügel, Hasen oder Schafen. Wir schossen auch fleißig mit einem großen, dreiläufigem Gewehr auf Krähen. Aber auch all das blieb ohne Ergebnis. Mein Vater ist heute noch traurig, weil keiner von uns Jäger oder zumindest Fischer geworden ist. Er war Meister in beiden Disziplinen. Irgendwann gehörte dann das Fleisch so zu meinem Leben, als wäre ich der Sohn eines Metzgers. Ich aß nur dreimal Fleisch, aber täglich. Da meine Mutter nicht zuließ, dass wir am Karfreitag Fleisch aßen, blieb ich mit meinem Bruder bis Mitternacht auf, um den Samstag zu erwarten und um Mitternacht Fleisch essen zu dürfen.

Es ist typisch für uns Menschen, das wir sehr gut, ja vollkommen sein möchten und gerne über übernatürliche und göttliche Kräfte verfügen würden, aber gleichzeitig wollen wir auch unsere gewöhnlichen Vergnügungen beibehalten. Ohne sie fühlen wir uns verloren, und wenn wir uns die ganze Sache genau überlegen, möchten wir eigentlich dann doch nicht so sehr göttlich werden.
     Es war schon drei Monate her, dass ich meditierte, als meine Frau am Sonntag einen Braten zubereitete. Sie stellte ihn auf den Tisch, aber ich konnte das Fleisch einfach nicht hinunterschlucken. Ich war sogar unfähig, es in meinen Mund zu nehmen. Es war mir schleierhaft, was da mit mir passiert war. Dasselbe Gefühl hatte ich nur einmal als Student an der Universität. Damals konnte ich drei Monate lang wegen des Sezierkurses kein Fleisch verzehren. Aber was war jetzt mit mir los? Da ich den Braten ohnehin kalt bevorzugte, legte ich ihn für den Abend beiseite. Jedoch nicht einmal am Abend, am darauffolgenden Tag oder in den nächsten Tagen konnte ich ihn verspeisen. Als sich die Sache verschlimmerte, nahm ich meine Frau zur Seite, um mit ihr die Zukunft der Familie zu besprechen. Ich sagte ihr, dass wir dieser tragischen Situation mit klarem Kopf entgegen sehen müssten. Für mich stand fest, dass ich Krebs hatte. Es war natürlich Magenkrebs. Was hätte mich sonst daran hindern können, Fleisch zu essen?
    Am dritten Tag dieser beängstigenden Symptomatik erhielt ich jedoch während meiner Meditation eine interessante Mitteilung. Ich erfuhr eine Botschaft, etwas drang in mich ein und war einfach da, und es war sehr interessant, wie es mein Verstand mit Worten ausdrückte. „Du bist nicht krank, du hast keine Probleme. Ich will nur nicht, dass du Fleisch isst.” Punkt. Es war mir sofort klar, dass meine Seele zu mir gesprochen hatte. Einerseits freute ich mich, dass ich gesund war, andererseits war ich über die Entwicklung der Angelegenheit nicht ganz glücklich. Aber es gab keine andere Wahl. Ich versuchte ca. zwei Monate später noch einmal, ein Wiener Schnitzel zu essen. Das Schnitzel, das die Familie zu Mittag aß, roch ausgezeichnet. Mit der Hoffnung, dass meine Seele ihr neues Hobby inzwischen beendet hatte, fing ich an, das Fleisch zu kauen. Aber daraufhin musste ich umgehend ins Bad laufen, wo ich das Fleischstück ausspuckte und mir die Zähne putzte. An diesem Tag brachte ich beim Mittagessen überhaupt keinen Bissen mehr hinunter, und ich sah ein, dass die vegetarische Lebensweise nicht ein kurzfristiger Jux meiner Seele war, sondern viel mehr als nur ein Hobby. Ich musste mich einfach ergeben.

Ostern 1988 trafen alle Mitglieder unserer Familie zusammen, auch meine Eltern und die Familie meines Bruders war da. Der Höhepunkt des Osterfestmahles war der Lammbraten. Ich erhielt eine Portion der Beilagen, die meine Frau in einer anderen Schüssel extra für mich zubereitet hatte. Mein Vater, er war damals 70 Jahre alt, beobachtete, wie mir meine Frau das vegetarische Essen vorsetzte und fragte leise: „Wirst du nie mehr Fleisch essen?” Ich erwiderte, dass dies durchaus möglich sein könnte, worauf er sofort zu kauen aufhörte. Er schaute mich an und fragte mich, während er sich eine Träne abwischte, mit erstickender Stimme: „Sag einmal, welchen Sinn hat nun dein Leben noch?” Alle schwiegen. Es sah so aus, als ob mich meine Familienmitglieder im Geiste schon zu Grabe trugen.

Damals ahnte ich noch nicht, dass die von meiner Seele gewählte vegetarische Ernährung eine sehr stark positive, gesundheitliche Veränderung mit sich bringen würde. Es handelt sich übrigens bei meiner Ernährungsweise nicht um einen radikalen Vegetarismus, sondern nur um fleisch- und fischlose Ernährung. Um meinen Stoffwechsel war es damals nicht bestens bestellt. Der Cholesterinspiegel lag bei 400, und auch die Harnsäure im Blut hatte einen krankhaft hohen Wert. Die Auswirkungen dieser Stoffwechseldysfunktionen spürte ich in meinen Gelenken. Meine kleinen Gelenke versteiften sich zeitweise und schmerzten furchtbar. Wenn ich stärker zugreifen musste, hatte ich manchmal das Gefühl, ich müsse die Instrumente vor Schmerzen fallen lassen. Bei derartigen Anfällen fürchtete ich mich auch immer vor dem Händegeben, denn das war dann mit enormen Qualen verbunden. Jedenfalls waren die Probleme mit meiner Hand und mit meinen Fingergelenken sehr unangenehm, und ich fürchtete mich schon sehr davor, was in Zukunft noch auf mich zukommen würde. Ich hatte auch mit meinem linken Hüftgelenk große Probleme. Es schmerzte von Zeit zu Zeit beachtlich. Akute Gelenkschmerzen sind furchtbar, am liebsten würde man brüllen vor Schmerzen. Einmal ging es so weit, dass ich nicht mehr gehen konnte und daher ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Kollegen meinten, in fünf Jahren würde ich keine Schmerzen mehr haben, weil ich dann schon ein künstliches Gelenk haben werde. Das tut, wie allgemein bekannt, nicht weh, ja es juckt nicht einmal. Nicht mit einem einzigen Wort wurde erwähnt, dass ich mit dem Verzehr von Fleisch aufhören solle. Auch mein Blutdruck hatte angefangen zu steigen. Mit 35 Jahren lag mein Blutdruck bei 150/100. Als ich mit dem Verzehr von Fleisch aufgehört hatte, vergaß ich langsam und unbemerkt meine Gelenkprobleme. Wir spüren die Gesundheit nicht, nur ihre Abwesenheit. Ebenso verhält es sich übrigens mit der Freiheit, deren Existenz wir erst spüren, wenn wir sie vermissen. Zwei Jahre später musste ich mich aufgrund beruflicher Vorschriften einer routinemäßigen ärztlichen Untersuchung unterziehen. Das Ergebnis war für mich eine große Überraschung. Der Cholesterinspiegel lag bei 140, also im Bereich von Werten, wie sie Säuglinge haben. Die Harnsäurewerte lagen wohl an der oberen Grenze, aber sie waren nun im Normbereich. Ich möchte noch erwähnen, dass ich regelmäßig Eier, Milch und Milchprodukte verzehre. So kann sich der bei gewissen Formen des Vegetarismus drohende Eiweißmangel nicht einstellen.

Wenn ich bereits über die Gesundheit plaudere, möchte ich zu all dem noch hinzufügen, dass unsere Qualen meist von unserem Mund ihren Ausgang nehmen. Das beginnt bereits, wenn wir den Zahnarzt aufsuchen. Was uns der Arzt aus dem Mund herausnimmt, ruft körperliche Schmerzen hervor. Was uns der Arzt in den Mund hineinsetzt, bereitet uns finanzielle Sorgen. Wenn wir unseren Mund willkürlich gebrauchen, verursacht das noch größere Schmerzen. Was wir in unseren Mund stecken, ruft körperliche Schmerzen, Krankheiten hervor. Was wir aus unserem Mund herauslassen, verursacht manchmal seelische, oft finanzielle Probleme. Das hört sich witzig an, und es ist es auch, aber es ist absolut wahr.

Die positive Veränderung der Gesundheit ist ein wesentliches, auch technisch messbares Ergebnis der vegetarischen Ernährungsweise. Trotzdem zeigen die Ärzte in dieser Hinsicht keine Einsicht – der Ernährung kommt in der heutigen Medizin nicht der Stellenwert zu, der ihr zusteht. Unter den subjektiv spürbaren Ergebnissen pflanzlicher Ernährung kann man ein Gefühl der Leichtigkeit erwähnen. Nach einer vegetarischen Mahlzeit fühlt man sich nicht schwer und träge. Ich möchte noch einen anderen Effekt der fleischlosen Ernährung erwähnen, bei dem es sich zwar nicht um ein direktes Ergebnis der fleischlosen Ernährung handelt, diese aber – davon bin ich überzeugt – vielleicht zu fünfzig Prozent eine wichtige Rolle mitspielt. Wer sich vegetarisch zu ernähren beginnt, erlebt eine Vertiefung und Verfeinerung der Gefühle sowie eine Milderung der Zornesausbrüchen. Die anderen fünfzig Prozent kommen von Nikotin- und Alkoholabstinenz. Diese Erkenntnis beruht zumindest auf meine persönliche Erfahrung.
     Als ich noch an der Universität Medizin studierte, entdeckte ich, dass Fleisch bei der überwiegenden Zahl der Krankheiten als krankheitsbegünstigender bzw. -auslösender Faktor eine Rolle spielt. Ich hatte schon immer eine philosophische Ader und legte damals meiner späteren Frau dar, dass die vielen getöteten Tiere auf diese Weise an uns für ihren Tod Rache nehmen. Damals war für uns vor allem die Frage interessant, ob die fleischlose Ernährung überhaupt möglich ist. Meine damalige Philosophie halte ich auch heute noch für richtig. Bei dieser Rache handelt es sich natürlich nicht um einen bewussten Prozess, aber auf jeden Fall schadet Fleisch unserer Gesundheit. Darüber hinaus sei noch die Tatsache erwähnt, dass „Fleischfressen“ ein Hindernis für das „Menschwerden“ darstellt, da Moral als eine der Grundsäulen eines menschlichen Lebens betrachtet werden kann. Wenn ich Albert Schweizers kürzeste und vielleicht treffendste Definition für menschliche Moral heranziehe, die lautet „die Moral ist die Ehrfurcht vor dem Leben”, dann muss man in diesem Zusammenhang festhalten, dass Tiere nur deshalb massenhaft geschlachtet werden, damit wir unserem kulinarischen Genuss frönen können. Die fließbandartige Abschlachtung der weniger entwickelten Lebenswesen dient nicht wirklich der Befriedigung unseres Lebensbedürfnisses. In diesem Sinne ist das Schlachten der Tiere wirklich nicht moralisch – es kann also nicht menschlich sein. Vom spirituellen Standpunkt aus betrachtet kann man sagen, dass wir mit der Verspeisung, Verdauung und Assimilation tierischer Körper auch die für diese Tiere charakteristischen Eigenschaften in unser System bringen, das heißt Angst und Aggression. Deshalb sind Fleischesser aggressiver, wilder und zügelloser, zudem trägt tierische Nahrung immer die Schwingung der Todesangst. Das ist wieder meine persönliche Meinung, nachdem ich früher der König der Fleischfresser war. Am wichtigsten ist es aber, dass jeder seine eigene Wahrheit findet, mit der er glücklich sein kann.

Später gab meine Frau das Fleischessen auf, und dann haben unsere Kinder immer weniger und weniger Fleisch gegessen. Wir haben darüber nicht gesprochen, sie haben nur gesehen, dass ich kein Fleisch esse. Schließlich waren nur mehr ihre Augen groß, als sie einen Hamburger erblickten und haben wollten, der Magen lehnte ihn schon ab. Sie bissen zwar noch hinein, warfen ihn dann jedoch weg. So wurde die ganze Familie vegetarisch. Verrückt sein ist ansteckend, wie mein Vater zu sagen pflegt. Da fällt mir Spoty ein, unser Hund, der eine Zeit lang die Ehre der Familie noch tapfer verteidigte. Als Dalmatiner ist es ihm nie in den Sinn gekommen, mit dem Fleischfressen aufzuhören. Ein oder zwei Jahre später wurde er immer öfter krank. Ich sagte meiner Frau, dass ich das Gefühl hatte, wir sollten dem Hund kein Fleisch mehr geben. Damit war sie allerdings nicht einverstanden. In der nachfolgenden Diskussion konnte ich keine guten Argumente ins Feld führen, da ich von meiner Kindheit an wusste, dass Hunde Fleisch fressen und sich Katzen von Milch und Mäusen ernähren. Unser Hund war also ein oder zwei Jahre lang immer wieder krank, und der Tierarzt behandelte ihn mit Kortison. Das bedeutete, er wusste nicht, was dem Hund fehlte. Als der Körper des Hundes wieder voller Wunden war, suchten wir wieder einmal den Tierarzt auf. Im Sprechzimmer fanden wir seine Vertretung, die behauptete, dass die Krankheit von Fleisch hervorgerufen wird. Der Doktor riet uns, dem Hund nur Lammfleisch zu fressen zu geben. Als es meiner Frau zu viel wurde, den Lammfleisch-Konserven hinterherzulaufen, schlug meine Stunde. Spoty wurde Vegetarier. Das ist schon ein paar Jahre her, und seine Krankheit ist verschwunden. So verteidigt jetzt niemand mehr die Ehre der Familie. Wir sind jetzt alle „Rasenfresser“, wie ein Fleischesserfreund von mir sagt.

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