Ich wurde Schüler

Nach meinem Erlebnis vom 27. Dezember stand für mich fest, dass ich Schüler des spirituellen Meisters Sri Chinmoy war. Plötzlich befand ich mich inmitten einer Sache, von deren Existenz ich bis dorthin keine Ahnung hatte. Auf jeden Fall fing für mich etwas Neues an. Alles, was ich in meinem Leben begonnen habe, pflegte ich schnell zu durchschauen, zu durchleben und recht rasch wieder ausgereizt bzw. ausgelebt zu haben. So konnte mich vieles frisch Begonnene bereits nach kurzer Zeit nicht mehr bezaubern, mir nichts Neues mehr geben. Ich sah darin keine Herausforderung mehr. Deshalb meinte meine Mutter immer, ich verfüge über keine Ausdauer, obwohl mein Interesse einfach nur schnell erloschen ist. Was das spirituelle Leben ist, wusste ich damals noch nicht, ja ich kannte nicht einmal diesen Ausdruck, geschweige denn, dass mir bewusst gewesen wäre, dass ich schon begonnen hatte, ein spirituelles Leben zu führen. Aber ich spürte, hier ist etwas, was man nicht so einfach ausloten kann. Endlich gab es eine Aufgabe, deren Ende sozusagen nicht zu sehen war.

Damals dachte ich aber, dass ich Sri Chinmoy nicht persönlich zu sehen brauche. Es wäre für mich genug, wenn er mich innerlich leiten und mich bei den kosmischen Ausflügen begleiten würde. Darüber hinaus war ich noch der Überzeugung, dass er sich glücklich schätzen könne, dass ein so ernstzunehmender, etablierter Wiener Zahnarzt mit ihm meditiert. Unsere Beziehung sollte nur in der inneren Welt existieren. Damals war es für mich unvorstellbar, dass ich an gemeinsamen Meditationsabenden teilnehmen würde, mich unter Fremden mit geschlossenen Augen hinsetzte und mich ihren Blicken und Gedanken auslieferte. Ich war, so dachte ich, ohnehin eine besondere Person, weil ich bereits beim ersten Versuch eine hervorragende Meditation hinlegen konnte. Also lassen wir das, überzeugte ich mich, ich meditiere allein. Selbstverständlich war ich auch davon überzeugt, dass mir der Meister hier beipflichten würde, da er sicher sehen könne, dass ich nicht aus Pappe bin.

Dann folgten schwere Zeiten meines Lebens. Nicht wegen der Meditation war sie schwer, sondern weil ich zur Meditation morgens aufstehen musste. Ich konnte sogar zur Not bis in den Morgen aufbleiben, aber früh aufzustehen, das erschien jenseits des Machbaren. Ohne die morgendliche Meditation gibt es keine Veränderung. Die Wirkung der Abend-Meditation wird von der Unwissenheit des Schlafes weggewaschen. Dagegen reicht die Wirkung der Morgen-Meditation in den Tag hinein und kann ihn verändern. Deshalb brauchte ich einen guten Wecker. Wie bei der Konzentration ist jetzt auch hier der Wecker zu einem Hilfsmittel geworden, aber natürlich in anderer Weise. Als ich mich an sein Läuten gewöhnt hatte, war ich gezwungen, einen neuen Wecker zu kaufen. Das ging dann so eine Zeit lang weiter, bis ich schließlich über eine richtige Weckersammlung verfügte. Darunter war auch ein Wecker in der Form eines Soldaten, der so fürchterlich klingelte, dass ich aus lauter Angst bereits vor dem Klingeln aufschrak. Dann ermüdeten auch die Wecker, und so nahm ich einen Zeitschalter in Anspruch, der in den Morgenstunden einen auf mich gerichteten Scheinwerfer in Betrieb setzte. Ich bewundere Menschen, die morgens leicht aufstehen können und dies nicht einmal für die Erlangung des göttlichen Bewusstseins tun.

Meine erste Meditation hatte die beschriebene Bewusstseinsausdehnung zur Folge, der in den ersten Jahren weitere phantastische innere Erfahrungen folgten. Besonders am Anfang erlebte ich mehrmals hintereinander diese Ausdehnung. Das begann in der Regel mit meinen Händen, die ca. einen Meter lang oder auch so groß wie das Zimmer wurden, und dann folgte die Asdehnung des restlichen Körpers nach. Nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Nachwirkungen waren sehr angenehm. Nach derartigen Erfahrungen schien für mich den ganzen Tag oder sogar ein paar Tage lang die Sonne, ich fand alles lustig und problemlos. So entschloss ich mich zu lernen, diesen Zustand nach Belieben herbeizuführen. Ich arbeitete ein Jahr lang sehr konzentriert daran und es klappte. Allerdings erkannte ich irgendwann, dass dies nicht der Weg war. Denn so blieb alles beim Alten, es konnte sich nichts Neues auftun, keine Überraschung, es gab nur Stagnation, ich war gewissermaßen in eine, zwar angenehme, aber doch Sackgasse geraten. Deshalb gab ich diese Sache auf. Wenn die Meditation ein konkretes Ziel verfolgt, ist das bereits keine Meditation mehr. Meditation ist Hingabe. Meditation ist das „Nicht-Wollen“.

Während einer meiner Meditationen erlebte ich eine Ausdehnung besonderer Art. Die Ausdehnung war ähnlich der Wirkung, wie sie bei dem falschen Schwellungsgefühl nach einer Lokalanästhesie auftritt. Aber ich spürte das nicht nur in einem Körperteil, sondern in meinem ganzen Körper und in einem unvergleichlich größeren Ausmaß. Ich befand mich also in diesem Zustand und spürte auf einmal, dass mein Rücken krumm und dick wurde und sich ein harter Panzer herausbildete, mein Kopf gehörte auch zum Panzer. Mit Verblüffung stellte ich fest, dass ich ein Käfer, meinem Gefühl nach, ein Marienkäfer, geworden war. Während dieser Erfahrungen ging die Veränderung so schnell vor sich, dass sie weder gestoppt werden konnte noch ein Ausstieg aus diesem Prozess möglich war. Als die Transformation zu Ende ging, wusste ich, dass ich mich im Bewusstsein eines Käfers befand. Hat meine Seele, durch die ich lebe, irgendwann auch als Käfer gelebt? Ich weiß es nicht, und es hat auch keine Bedeutung. Das Wesentliche ist zu verstehen, dass das Bewusstsein eines Wesens mit dem Bewusstsein eines anderen Wesens eins ist. Man kann von einem Bewusstsein in das andere hinübergleiten. Auf diese Weise lässt sich das Gefühl, das Bewusstsein eines anderen Wesens erfahren. Du weißt dann, wie es sich in seinem eigenen Ich fühlt. Das ist das Wesentliche. Natürlich kann ich das nur nachträglich formulieren, denn zuvor war ich einfach nur ein Käfer. Wegen meiner späteren Identifikationserfahrungen kann ich jetzt die Dinge schon besser durchschauen.  

Ein anderes Mal spürte ich, während ich gerade in die wunderbare Weite versank, plötzlich einen Druck, der auf meinen ausgedehnten Körper ausgeübt wurde. Der Druck wurde größer und größer und größer – ich könnte dieses Wort noch hunderttausendmal wiederholen. Der Druck war unvorstellbar groß, und ich dachte, nun ist das Ende gekommen, ich würde zusammenbrechen, erdrückt werden. Ich ging durch die Hölle und hatte das Gefühl, wie wenn ein Planet mit seinem ganzen Gewicht auf mir lasten und mich erdrücken würde. Ja, ich war eigentlich das Innere eines Planeten, wenn nicht der Planet selbst. Dann versuchte ich, meine Finger oder wenigstens meine Augenwimpern zu bewegen, aber ich hatte selbst bei meinen Augenwimpern das Gefühl, als würde auf sie ein Druck von mehreren Millionen Tonnen ausgeübt werden. Dieser Zustand prägte sich immer stärker aus und dauerte sehr lange, während ich machtlos zuschauen musste. Ich litt nicht nur, sondern mich plagte auch die nackte Angst. Mein Gott, ich war für immer zu Stein geworden. Dann hörte ich, wie meine Frau aufstand und in der Küche arbeitete. „Mein Gott, hilf mir!“, so flehte ich innerlich, „damit sie ins Zimmer kommt. Vielleicht kann sie mich aus diesem Zustand herausreißen.“ Aber sie störte mich nie während meiner Meditationen, leider auch jetzt nicht. Ich versuchte, sie zu rufen. Meine Lippen bewegten sich nicht einmal einen Millimeter. Es war, wie wenn der Mount Everest auf sie gedrückt hätte. Dieser Zustand ging dann sehr langsam von selbst zu Ende. So wie sich der Druck langsam aufgebaut hat, nahm er wieder ab und verschwand schließlich. Die Erleichterung kann man nicht beschreiben. Was war das? Was war mit mir passiert? Eines war mir bei dieser Erfahrungen klar: das war das Planeten-Bewusstsein bzw. das Stein-Bewusstsein, was ich hier erlebt hatte. Ich folgerte daraus, dass das Bewusstsein der Lebewesen und das Stein-Bewusstsein auch eins sind. Sie berühren einander, denn wenn das nicht so wäre, dann hätte ich das alles nicht erleben können. Möge ich nur das Stein-Bewusstsein nie mehr wieder erleben müssen! Das war mein einziger Wunsch. Meiner Überzeugung nach musste es so in der Hölle sein. Ich war sicher, dass die bösen Menschen im Jenseits auf diese Weise gequält werden. Sie taten mir sehr leid. Es handelt sich dabei zwar auch nur um einen Bewusstseinszustand, aber den tiefsten, den dumpfesten und den dunkelsten, von denen, die ich erleben durfte. Es wird nie einen Superlativ oder überhaupt Worte geben, um meine damaligen Gefühle auch nur annähernd adäquat auszudrücken.
    Später erlebte ich Ausdehnungserfahrungen auch während meiner Meditationsvorträge, während des Sprechens. Einmal leitete ich in Wien einen Meditationskurs, in welchem ich Teilnehmer anwies, sich eine Ausdehnung im Herzen vorzustellen, sie richtig zu spüren. Ich dehnte mich während der Übung bis zur Decke aus. Dann öffnete ich meine Augen und schmunzelte, damit die Erfahrung wieder aufhört, aber sie blieb. Wenn ich nach unten schaute, empfand ich es als sehr ungewöhnlich, dass ein kleiner Mund sprach und ich sah den ganzen Saal und jeden Menschen in mir. Ich hatte bei den gemeinsamen Meditationen in unserem Meditationszentrum mehrmals derartige Erfahrungen.

Nachdem ich gut zwei Monate lang alleine meditiert hatte und mein Bewusstseins-Ausdehnungsprogramm seine Wirkung gezeigt hatte, veränderte sich meine Meinung über die Beziehung zwischen Meister und Schüler. Da ich einen engeren Kontakt zum Meister herstellen wollte, suchte ich das Wiener Sri Chinmoy Meditationszentrum auf. Zum vereinbarten Zeitpunkt ging ich dorthin und traf ein paar Leute. Ich erzählte, dass ich der Herr Doktor, also Zahnarzt, bin und dass ich, nachdem ich das Buch gelesen hatte, angefangen hatte zu meditieren. Natürlich war von den kosmischen Erfahrungen keine Rede. Darüber wollte ich nie sprechen. So wie ich jemanden für verrückt gehalten hätte, der mir über derartige Erfahrungen berichtet hätte, befürchtete ich, auch von den anderen für verrückt gehalten zu werden. Über die kosmische Reise ist früher kein Wort gefallen, erst in letzter Zeit, seitdem ich weiß, dass ich dieses Buch schreibe, spreche ich darüber. Damals fühlte ich mich im Meditationszentrum nicht wohl. Der Raum war mir zu eng, ich war verlegen und es war immer kalt. Die Jungs haben gespart.

Das war Ende Februar 1987. Zu der Zeit stellte sich heraus, dass die Schüler planten, nach Holland zu fahren, wo der Meister bzw. Guru für den 14. März erwartet wurde. Damals erfuhr ich auch, dass der Meister im Kreis der Schüler „Guru“ genannt wird. Das war ein neues Wort für mich. Ein Guru ist derjenige, der jemandem Erleuchtung geben kann. Unser Meister sagt, es gibt nur einen Guru, das ist mein Guru, dein Guru und jedermanns Guru. Das ist der Supreme (der Höchste), besser gesagt Gott, nur Er kann einem Erleuchtung schenken. Unabhängig davon nennen wir unseren Meister „Guru“. Ich war sofort entschlossen, ebenfalls nach Holland zu reisen. Aber die Schüler teilten mir mit, dass es nur Schülern erlaubt war, zu dem Treffen mit dem Meister zu fahren. „Macht euch keine Sorgen“, sagte ich, „ich bin auch ein Schüler.“ Meine Aussage reichte allerdings nicht, denn auch der Meister müsse mich akzeptieren, hieß es. In Ordnung, dann soll mich der Meister annehmen. Wie geschieht das? Man habe dem Meister ein Foto, ein paar allgemeine Informationen, wie Beruf, Geburtsdatum usw., zu schicken. Dann meditiert der Meister auf das Bild und tritt mit der Seele in Verbindung. Wenn der Weg des Meisters und das Ziel der Seele übereinstimmen, dann wird der Sucher als Schüler angenommen. Ich übergab mein Foto, aber für eine Antwort hat die Zeit bis März nicht mehr gereicht. Trotzdem fuhr ich nach Holland mit.

Am Flughafen in Amsterdam erblickte ich zum ersten Mal den Menschen, der von nun an mein Leben so entscheidend beeinflussen sollte, und zwar nicht nur innerlich, in meiner Meditation, sondern auch äußerlich, in meiner ganzen Existenz. Erst nach zehn Jahren habe ich das erkannt, weil ich erst dann alles tiefer zu verstehen begann. Das Göttliche Spiel ist ein ständiges Versteckspiel.

Ungefähr zweihundert Schüler, die am Flughafen in der Ankunftshalle beieinander standen und einen Kreis bildeten, warteten auf den Meister. Alle waren jung, jünger als ich. Sie waren still, die meisten meditierten. Dann erschien beim Ausgang ein kleiner, älterer, kahlköpfiger Inder in einem eleganten bunten Trainingsanzug. Er war damals 56 Jahre alt. Der Meister blieb stehen, sah sich mit halb geschlossenen Augen um und fing an zu lächeln. Aber dieses Lächeln gehörte nicht dem kleinen Mann, der dort stand, weil ein so kleiner Mann nicht so sehr lächeln kann. Dieses Lächeln konnte den ganzen Wartesaal und die Herzen derjenigen, die auf ihn warteten, umfangen. Wenn ein Mensch lächelt, da siehst du den ganzen Menschen, das Lächeln und alles, was dahintersteckt. Aber hinter dem Lächeln des Meisters kannst du den Menschen nicht sehen, weil man durch sein Lächeln völlig weggetragen wird. Ich hatte keine Zeit, dies genau zu beobachten, weil er nur kurz mit einem der Organisatoren sprach und dann gleich zum Auto ging und wegfuhr. Als ich zu meinem Auto zurückkehrte, überkam mich ein wunderbares Gefühl. Ich musste stehen bleiben. Eine interessante Kraft, eine Kraft von besonderer Intensität, überkam mich. Diese Kraft war wie ein Gewicht, sie war schwer und stabil, aber sie machte mich nicht schwer, sondern kräftiger. Damals wusste ich nicht, was das war. Ich stand nur herum und genoss es einfach, von ihr durchflutet und durchdrungen zu werden. Es war mir klar, dass diese Erfahrung mit der Anwesenheit des Meisters zusammenhing, von ihm stammte. Heute weiß ich, dass es Frieden war. Friede ist eine starke Kraft. Es ist ein sehr intensives Gefühl, sein Inhalt und seine Tiefe kann nicht mit Worten ausgedrückt werden.

Für den Abend war ein Friedenskonzert in Amsterdam angesetzt. Als ich ankam, teilte mir einer der Burschen mit, dass der Meister mich als Schüler angenommen hatte. Während des Konzertes versuchte ich zu meditieren, aber manchmal schlief ich ein, weil wir die ganze Nacht durchgefahren waren. Als der Meister sang, hatte ich das Gefühl, dass mein Inneres wie ein Schiff schwankte. Was Musik anbelangt, bin ich ein Analphabet, ich verfüge über kein feines Gehör. Deshalb kann ich auch die Musik von Sri Chinmoy nicht beurteilen. Aber man sagt, dass man seine Musik mit dem Verstand ohnehin nicht beurteilen kann. Er macht keine kulturelle, sondern spirituelle Musik. Sie gibt den inneren Schrei der Seele wieder, weshalb man sie nur im Herzen spüren kann. Das sagen diejenigen, die das verstehen. Nach dem Konzert fand eine sogenannte „Function“ statt. Damals hörte ich dieses Wort zum ersten Mal. So werden im Englischen die Veranstaltungen genannt, bei denen der Meister mit seinen Schülern zusammentrifft. Der Meister saß auf der Bühne, aß etwas und unterhielt sich mit einigen Schülern; das war alles. Ich habe nichts verstanden, denn ich konnte kein Wort Englisch. Am Ende der Function erhalten die Schüler immer sogenanntes „Prasad“. Das ist ein indisches Wort und bezeichnet eine Speise, die der Meister segnet und an seine Schüler verteilt. Die Leute standen in einer Reihe und nahmen sich ein Stück Kuchen und ein Stück Obst, während sie beim Meister vorbeigingen. Jeder faltete die Hände, es herrschte Grabesstille. Ich fühlte mich nicht besonders wohl. Es überkam mich das Gefühl, als wäre ich nicht auf der Erde. Nun sagte ich mir, wenn du auf den Ball gekommen bist, musst du auch tanzen. So stellte ich mich in die Reihe und faltete die Hände, schließlich war ich inzwischen auch ein Schüler. Dann beobachtete ich die anderen. Sie zogen am Meister vorbei und starrten ihn so intensiv an, dass sogar ihre Köpfe nach vorne gestreckt waren. Der auf der Bühne sitzende Meister wurde von ihren Augen richtiggehend durchbohrt. Und auch er schaute sich mit seinen scharfen, funkelnden Augen jeden Schüler an. Die Blicke störten ihn nicht. Aber mich störte es, und der Meister tat mir leid. Ich hatte das Gefühl, als würden wir ein in einem Käfig sitzendes edles Wild betrachten und fühlte mich nicht wohl. Aber es blieb nicht viel Zeit, und schon war auch ich an der Reihe. Als er mich erblickte, erlebte ich ein Wunder. Seine Augen wurden zu einem tiefen Tunnel und ich konnte bis an dessen Grund blicken. Am Ende des langen Tunnels war Licht zu sehen. Für einige Sekunden war ich ganz drinnen, es schien mir sehr lange zu dauern. Ich blieb wie beim Zahnarzt, mit offenem Mund stehen, schaute den Meister an, bis ich von den Nachfolgenden weitergedrückt wurde. Man kann sich mein Erstaunen vorstellen! Nun war es für mich keine Frage mehr, warum die Schüler die Augen des Meisters so anstarrten. Ich setzte mich daraufhin wieder hin, um das Prasad zu essen, und da wurde mir in meinem geschockten, stillen Verstand die Botschaft der ganzen Szene völlig klar: „Ich bin der Weg. Ich bin das Tor, durch das du gehen musst, um zum Licht zu gelangen und Gott zu erreichen.“
    Das war eindeutig, aber wie sollte ich den Weg zurücklegen? Wie sollte ich Gott erobern? Mit dem Willen gab es kein Problem, ich wollte alle meine Kräfte dafür aufwenden. Damals wusste ich noch nicht, dass die „Eroberung von Gott“ nur eine hohle Phrase ist. Wir können höchstens versuchen, nicht zu verhindern, dass Er uns erobert. Zwar glauben wir, dass wir alles tun müssen, aber in der Tat tut alles Er.

So bin ich Schüler geworden, und von nun an besuchte ich zweimal wöchentlich, und zwar mittwochs und sonntags, die gemeinsamen Meditationen des Sri Chinmoy Centers. Darüber hinaus gab es in monatlichen Abständen mit den Schülern aus den deutschsprachigen Ländern Treffen in der Schweiz, die als „Meetings“ bezeichnet wurden. Dorthin fuhr ich auch immer mit der Pünktlichkeit einer Schweizer Uhr. Diese Treffen bedeuteten für mich wahre spirituelle Nahrung. In der Schweiz wuchs ich in die Spiritualität hinein. Bereits auf dem Weg dorthin spürte ich eine starke innere Sättigung. Ich erhielt das gleiche Gefühl in meinem Kopf wie nach einer längeren Meditation. Dieses Gefühl verdichtete und intensivierte sich noch auf dem Heimweg. Nur der Umstand, dass ich meine Familie zu Hause lassen musste, war an diesen Meeting-Fahrten schlecht. Zum Glück stand meine Frau meiner neuen Leidenschaft sehr positiv gegenüber. Sie war immer verständnisvoll. Wir verabschiedeten uns gutgelaunt und trafen uns ebenso wieder. Und schließlich haben wir doch schon mehr Zeit ohne einander verbracht. Einmal fragten unsere Freunde meine Frau, wohin ich gehe, was ich mache, und ob die Geschichte nicht ein schlimmes Ende nehmen könnte. Sie antwortete, es sei ihr egal, was ich dort mache. Sie wisse nur, seitdem ich zu meditieren begonnen hatte, sei das Leben mit mir erträglicher geworden, und dass sie auf Gott nicht eifersüchtig werden kann.

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