Ich und die Wiedergeburt

Einmal, lange, bevor ich zu meditieren anfing, besuchte ich mit meiner Frau einen Kurs, den Scientology für Zahnärzte anbot. Das Thema lautete „die motivierte Kommunikation mit Patienten“. Scientology ist eine Art Religion aus Amerika, heißt es. Diese Vereinigung war mir damals unbekannt. Jedenfalls waren die Vortragenden sehr nette Leute und sie berichteten, dass sie über wunderbare Programme zur Entwicklung der Persönlichkeit verfügten. Drei oder vier Mal war ich mit meiner Frau dort und nahm an ihrem „Auditing-Programm“ teil. Das war insofern interessant, als ich zum ersten Mal mit dem Thema „Wiedergeburt“ in Berührung kam. Für mich war der Gedanke, auch früher schon einmal gelebt zu haben, sehr fremd, ungewöhnlich, ja schaudererregend. Ich konnte mich damit jedenfalls nicht anfreunden. Vielleicht waren die Umstände nicht die besten, vielleicht auch die Art und Weise, wie die Sache vorgetragen wurde, ich bin jedenfalls dann davongelaufen. Es ist auch möglich, dass Scientology für mich nicht bestimmt war, aber ich bin buchstäblich weggelaufen und konnte nie mehr dorthin zurückgehen.

Der Kollege, welcher mir Hypnose beigebracht hatte, informierte mich auch über die Existenz der Regressionshypnose. Dabei wird der Patient in hypnotisiertem Zustand in eines seiner früheren Leben zurückgeführt. Mit Hilfe des Hypnotiseurs wird dort der Ursprung seines Problems gesucht. Nach der Lehre dieser Heilmethode beruht jede Krankheit auf karmischem Ursprung, oder anders formuliert, die in früheren Leben begangenen Schweinereien holen uns nun ein. Der Kollege brachte mir verschiedene Techniken bei, mit welchen sich hypnotisierte Personen in frühere Leben zurückführen lassen. Das probierte ich mit anderen Menschen aus, was eigentlich ganz gut funktionierte. Es ist aber wirklich sehr schwer, die im Menschen lebenden Phantasiebilder von der Vergangenheit zu unterscheiden. Das ganze ist vollkommen subjektiv. Als ich anfing, mich mit Autohypnose zu beschäftigen, entschloss ich mich, eine Rückführung in frühere Leben auch an mir   selbst vorzunehmen und hinter den Vorhang der Vergangenheit zu schauen. Das ist zwar interessant, aber mehr nicht. Die Erfahrung spielte sich folgendermaßen ab: Ich geriet in einen niedrigen, dunklen Tunnel, in welchem ich zurück – oder vielleicht besser gesagt – nach vorne gehen konnte, weil meine Gegenwart hinter mir war. Der Tunnel ähnelte einem großen, dicken Kanal. Durch Löcher an seiner Decke fiel Licht in den sonst dunklen Kanal ein. Ich spürte, dass ich durch jede dieser Öffnungen Zugang zu einer Szene in einem früheren Leben erhalten würde. Beim ersten Loch wollte ich nicht hinausschauen, dann kam das zweite Loch; vielleicht – so dachte ich mir – klettere ich bei der dritten Öffnung hinauf. Ich schlüpfte hinaus, und es war so hell, dass ich alles sehen konnte. Anfangs streckte ich nur meinen Kopf hinaus, ich sah mich um und empfand die Oberfläche als sehr weich. Das weiche Ding war eine Decke, und als ich mich umsah, bemerkte ich, dass ich mich in einem Bett befand. Unmittelbar neben mir lag jemand und als ich mir diese Person genauer ansah, erkannte ich, dass es ein Toter war. Das habe ich sofort verstanden. Ich spürte, das bin ich. Am Fuße des Bettes standen Leute, vielleicht die Trauernden, Familienmitglieder oder sonstige Bekannte des Toten, jedenfalls waren sie traurig. Nun dachte ich, ich gehe ein Loch weiter, um zu sehen, wer ich in meinem Leben war. Und dann habe ich ihn gesehen, besser gesagt mein früheres Selbst, als ich auf einer breiten Marmortreppe hinunterschritt. Bevor er mich erreicht hatte, verließ ich ihn, denn ich hatte plötzlich das Gefühl, dass es mich eigentlich nichts anging und ich auch darauf nicht neugierig war. Das ganze ist ja sinnlos, weil es schon vergangen ist, es kommt nie mehr zurück und würde mir bei meinem jetzigen Leben nur hinderlich sein; es würde mir in meiner Entwicklung nicht helfen. Seither beschäftigte ich mich nie mehr mit meiner Vergangenheit.

Die Meditation lässt uns spüren, dass die Theorie, der Mensch lebt nur einmal, zu eng ist. Wenn wir in unserem spirituellen Herzen die grenzenlose Weite spüren, dann löst sich der Nebel in unserem Bewusstsein ein wenig auf. Da entdecken wir, wie wir eigentlich in eine enge und endliche Sackgasse (das Einmalleben) gezwängt werden. Wir kommen darauf, dass diese Sackgasse, die eine Einbahnstraße ist, aus der wir nicht einmal ein bisschen hinausschauen können, nur ein kurzer Abschnitt der aus dem Unendlichen kommenden und in das Unendliche führenden, unendlichen Hauptstraße ist. Welche eigentlich unser wirkliches Leben ist. Die siebzig oder achtzig Jahre, die wir in unserem Körper verbringen, sind nur ein kurzer Ausflug und auf keinen Fall alles; sie sind ein Teil der ewigen Kontinuität unseres Seins.

Mein intensivstes Erlebnis überkam mich während der Arbeit in der Praxis. Obwohl das Erlebnis nicht viel mit Reinkarnation zu tun hat, erzähle ich die Geschichte hier, weil es für mich hinsichtlich der Wiedergeburt den Nagel auf den Kopf traf. Ich versuche diese Erfahrung irgendwie wiederzugeben, obwohl sie niemals adäquat beschrieben werden kann. Alles geschah ganz plötzlich. Meine Gefühle und überhaupt, wie das passierte, lässt sich nicht so leicht erklären oder in Worte fassen. Deshalb versuche ich es zu umschreiben.

Stell dir vor, du hast etwas Wichtiges, unheimlich Wichtiges, eine unersetzbar, äußerst wichtige Sache verlegt, und bist völlig ahnungslos, wo sie jetzt sein könnte. Dann suchst du monatelang, jahrelang ununterbrochen mit solcher Intensität, dass das Suchen bereits Teil deines Wesens wird, denn du fühlst dich verloren, wenn du das Ding nicht findest. Deswegen, ohne es zu merken, bist du nur noch ein Sucher. Genau diesen Zustand erlebte ich während der Arbeit in der Praxis. Ich wusste nicht, was ich suchte bzw. was ich vermisste, aber das Gefühl war sehr stark. Nur das verzweifelte Suchen war da. Sonst nichts. Plötzlich entdeckte ich, dass ich eigentlich weder weiß, was ich suche, noch wo es sein könnte. Es blieb mir keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich verloren hatte, denn das ganze Gefühl tauchte für einen Augenblick auf, und dann kam die wunderbare Erinnerung. Stell dir vor, plötzlich fällt dir ein, warum und wohin du das Ding abgelegt hast, und auch all die Umstände werden sofort klar. Da kommt die plötzliche Erkenntnis, eine unvorstellbare Erleichterung und Freude übermannt dich, aber alles wird durch das Erlebnis des Wissens beherrscht. Auf diese Weise kann ich das Erlebnis der Erkenntnis beschreiben. Ich bohrte gerade die Zähne einer Frau auf, als sich etwas in meinem Kopf öffnete. Es war wunderbar, ich erinnerte mich plötzlich, dass ich nicht dieser Mensch, dieser Zahnarzt bin. Jetzt wusste ich endlich alles über mich selbst, ich konnte zurückblicken, erinnerte mich an alles und sah alles. Ich erkannte, dass ich aus der unüberblickbaren, aber für mich bereits überschaubaren Ferne gekommen war, wo das Licht ist. Vor meinem inneren Auge tauchten die aneinandergereihten Gesichter auf. Obwohl die Gesichter in einer langen Reihe erschienen, sah ich sie alle gleichzeitig, und alle Gesichter gehörten mir. Das war ich und das bin ich. Diese Erinnerung war phantastisch, eine wunderbare Erkenntnis, die unbeschreibliche Freude schenkte. Ich war nicht der Zahnarzt, das wäre ja lächerlich, endlich fiel mir ein, wer ich wirklich bin. „Aber pass auf, pass sehr gut auf, bleib stehen und halte dich in der Gegenwart fest“, sagte ich zu mir. „Für die Menschen um dich herum bist du nur ein Zahnarzt. Gut, alles in Ordnung, ich bin Doktor Fülöp. Die Frau, die sich gerade ihre Hände wäscht, ist meine Frau und wir haben zwei Kinder in unserem jetzigen Zahnarztleben.“ Das wiederholte ich mehrmals, um die Beherrschung über die Gegenwart nicht zu verlieren. Die Gegenwart, Zahnarzt, Familie, all diese Dinge konnten mich nicht mehr binden. Die grenzenlose Freiheit, die aus der Ungebundenheit an unsere menschlichen Umstände kommt, ist das absolut Schönste, das es gibt. Bei der Wiederholung der gegenwärtigen Umstände wie Beruf, Familie usw. musste ich ständig laut lachen. Mir kam alles so witzig und unbedeutend vor, da in jenem Zustand meine Existenz die Unendlichkeit selbst war.
    Dann sah ich die inzwischen fertigen Füllungen im Mund der Patientin, bat um den nächsten Patient und wusch mir die Hände. Ich traf meine Frau, vor Freude war ich ganz aufgeregt, ja ich explodierte fast und fragte sie: „Du bist meine Frau, nicht wahr?” Sie schmunzelte und stellte fest, dass ich offensichtlich zum Scherzen aufgelegt war. Es war wunderbar, gleichzeitig zwei Welten zu sehen. Im Inneren war mein Kopf grenzenlos. Ich habe alles gesehen, alles gewusst und das war ausgesprochen interessant. Aber ich musste mich noch immer dazu zwingen, mit meiner Aufmerksamkeit zu den Menschen um mich herum zurückzukehren, mein Benehmen zu kontrollieren und besonders zwischen den Dingen, die ich draußen und die ich innen sah, zu unterscheiden.
    Inzwischen wurde ich mit einem weiteren Patienten fertig. Meine Assistentin fragte mich, ob sie die vorherige Patientin zurückrufen solle, weil sie noch draußen warten würde. „Auf was wartet sie noch“, wollte ich wissen, „sie ist fertig“, davon war ich überzeugt. Hierauf teilte mir meine Assistentin mit, dass ich nur die Zähne ausgebohrt hätte, mit einer Füllung seien sie jedoch noch nicht versehen worden. Das hielt ich für unmöglich. Für mich bestand nicht der geringste Zweifel, dass ich mich nicht täuschte, hatte ich doch die fertigen Füllungen mit eigenen Augen gesehen. Aber ich irrte mich, ich hatte die Arbeit wirklich nicht beendet. Nun stand ich vor einem Rätsel. Jetzt musste ich vorsichtig sein, denn irgendetwas stimmte nicht. Während ich die Zähne mit Plomben versah, versuchte ich mit noch größerer Kontrolle zu arbeiten. Obwohl ich gleichzeitig „drinnen“, also in der inneren Welt, war, wusste ich alles und sah alles in der Unbegrenztheit. Als ich mit den Füllungen fertig wurde, erkannte ich, was mit mir passiert war, denn die Füllungen sahen ebenso aus, wie ich sie vorher gesehen hatte. „Achtung“, sagte ich zu mir, „ich sehe nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft und verwechsle die beiden wahrscheinlich mit der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit.“ Das heißt, es gibt keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wahnsinn. Zwanzig Minuten vergingen, bis „ich mir eingefallen bin”, also bis ich mich an mich selbst erinnerte. Es hört sich dumm an, aber ich war nicht verrückt, wenigstens noch nicht. Da sagte ich zu mir: „Mein Gott, es ist wunderbar, aber es wäre noch wunderbarer, wenn ich für immer so leben könnte. Verweile ich jedoch noch länger in diesem Zustand, dann kann ich kein Zahnarzt bleiben, denn dann kann ich die Situation nicht mehr beherrschen. Ich fliege einfach in die andere Welt. Man wird mich in eine Irrenanstalt bringen oder mir Medikamente geben. Mein Gott, nun habe ich genug, wenn ich Dich darum bitten darf, beende bitte diesen Zustand.” Mein Wunsch wurde erfüllt. Ich spürte, dass dieser Zustand vorbeigehen wird. Der Normalzustand stellte sich zwar keineswegs sofort ein, aber ich spürte, dass mein visionäres Bewusstsein enden würde. Stufenweise wurde der Zustand wirklich schwächer und ich sah und wusste immer weniger und weniger. So konnte ich mich mit meiner Rolle als Zahnarzt zunehmend besser und leichter identifizieren und die äußeren Verhältnisse  wieder in den Griff bekommen. Dieser Zustand war plötzlich gekommen und hörte stufenweise wieder auf. Es tat mir wirklich leid, als er weg war und ich wieder nur noch Zahnarzt war, aber ich musste einsehen, dass ich noch nicht dazu bereit war, dauernd in diesem Zustand der Vollständigkeit zu leben.
    Mein Meister schreibt in einem seiner Gedichte:
„Es ist immer wieder das Gleiche
Mich an mein vergessenes Ich zu erinnern.
Es ist immer wieder das Gleiche.”

Vor dem oben beschriebenen Erlebnis überlas ich immer diese Zeilen, ich bemerkte sie nie. Sie konnten mich nicht ansprechen. Aber seit ich diese Erfahrung machen durfte, erlebe ich immer, wenn ich dieses Gedicht lese oder auswendig aufsage, in großer Intensität die Freude der Erinnerung. Ich glaube, alles was zählt, ist, ob wir fähig sind, uns an das Jenseits bzw. an das, was oder wer wir sind, zu erinnern.

Letztendlich ist die Wiedergeburt nur eine Frage des Glaubens. Weder ihre Existenz noch das Gegenteil kann von irgendjemandem bewiesen werden. Wir müssen diese Frage so behandeln wie auch jede andere Glaubensfrage. Das heißt, wir dürfen unsere Überzeugung niemandem aufzwingen und wir dürfen nicht einmal versuchen, jemanden von unserem Glauben zu überzeugen. Bei Glaubensfragen kannst du nie wissen, ob deine Meinung richtig ist.
     Wenn ich also über dieses Thema schreibe, möchte ich niemanden bekehren. Ich möchte nur aufzeigen, wie ich durch das Wissen über die Wiedergeburt lernte, einige grundlegende Dinge des Lebens zu verstehen. Durch das Prinzip der Wiedergeburt können wir zum Beispiel nachvollziehen, warum wir Menschen so unterschiedlich sind. Warum reagiert der eine auf ein bestimmtes Ereignis so gegensätzlich zu einem anderen? Ich denke zum Beispiel an den Tod der Eltern, ein trauriges – aber normales Ereignis. Es gibt Menschen, die dadurch ruiniert werden, die unfähig sind, darüber hinwegzukommen. Andere nehmen dieses Ereignis traurig zur Kenntnis und damit ist es erledigt. Jeder bringt, wenn er einen Körper annimmt und sich auf der Erde inkarniert, andere Erfahrungen mit. Warum erlebt man verdienter- oder oft auch unverdienterweise viel Schönes oder Schlimmes im Leben? Für mich kann ein Glaube an Gott ohne die Theorie der Wiedergeburt nicht existieren. Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Gerechtigkeit. Können wir Gerechtigkeit hier auf der Erde in der kurzen Spanne eines einzigen Lebens sehen? Nein. Wir sehen nur, wie der eine unverdient mit guten Dingen überhäuft wird und der andere, ein guter Mensch, unverdient eine Reihe von Ungeheuerlichkeiten und Leiden auf sich nehmen muss. Dein Glaube an ein einziges Leben schwächt deinen Gott sehr, du kannst ihn sogar vergessen, weil du die Ungerechtigkeit damit in Kauf nehmen musst. Denn du musst damit akzeptieren, dass du unschuldig leidest. Kannst du mit diesem Gott glücklich sein? Gott spielt mit uns auch in diesem Aspekt ein Versteckspiel, und auch das kann er auf göttliche Weise, also vollkommen, tun. In der kurzen Periode eines Lebens kann nicht beurteilt werden, ob wahre Gerechtigkeit existiert. Deshalb halten wir unser Schicksal und das Schicksal anderer Menschen für ungerecht. Warum liegt die Toleranz und die gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit einiger Menschen bei Null? Unter uns leben Menschen, die auf eine nicht menschliche Art alles zerbrechen, zerschlagen, enormes Leid ihren Eltern und Kindern antun oder gar irgendjemanden ermorden. Haben sie keine menschlichen Gefühle? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht leben sie jetzt zum ersten Mal als Mensch und haben große Sehnsucht zurück nach ihrer tierischen, blutgierigen Welt. Kann ich die Schwächeren verurteilen, weil sie sich in gewisser Hinsicht auf der Evolutionsskala hinter mir befinden? Nein, ich war auch einmal dort, habe mich auch von dort aus weiterentwickelt. So kann ich diese Menschen jetzt verstehen und für sie Anteilnahme empfinden. Im Spiegel der Wiedergeburt sehe ich meine Mitmenschen, ja die Menschheit und ihre Entwicklung aus einer ganz anderen Sicht.

Als jemand, der in seinem Beruf Hand anlegen muss, bin ich ein durchaus praktisch veranlagter Mensch und beurteile daher auch alles nach seinem praktischen Nutzen. Welchen praktischen Vorteil bringt mir der Glaube an die Wiedergeburt? Was gewinne ich, wenn ich an die Wiedergeburt oder aber an das einmalige Leben glaube? Den Glauben an das eine oder an das andere oder auch eine Mischung von beiden kann man bei jedem Menschen finden. Der Mensch, der nur an ein einziges Leben glaubt und das Leben oder den Tod seines Bewusstseins mit dem Leben oder Tod seiner Gehirnzellen gleichsetzt, glaubt an den ewigen Tod. Für ihn ist das Leben nur auf ein paar Jahrzehnte beschränkt, eine einmalige und einzige Möglichkeit. Dieser Mensch hat zum Beispiel allen Grund, wegen seiner vielleicht ungünstigen Ausgangssituation im Leben in Wut zu geraten. Mit Recht mag er sich fragen, warum ihm nur so wenig zuteil wird und anderen viel mehr. Er muss sich beeilen, um alles in diesem Leben erleben zu können. Es ist auch sein berechtigtes und ein seinem Glauben entsprechendes Lebensziel, seine Instinkte grenzenlos auszuleben, seine Wünsche restlos zu erfüllen zu versuchen, und zwar auf jede mögliche Weise und mit allen möglichen Mitteln. In seinen Methoden ist er nicht wählerisch, höchstens vorsichtig. Er weiß seine Ellbogen einzusetzen und tritt auch, wenn einmal nötig, seine Mitmenschen nieder, weil er ja nur einmal lebt. Aber tief in seinem Herzen ist er schwach, hat er Angst, ja ist voll Todesangst, denn er weiß, am Ende wird er alles, alles verlieren. Dieser Mensch balanciert also sein ganzes angstvolles Leben an der Grenze zwischen Moralität und Gesetzlichkeit.

Der Mensch, der an die Wiedergeburt glaubt, glaubt an das ewige Leben, an neue Chancen. Er glaubt, dass sein jetziges Leben, seine Natur, seine Eigenschaften, seine Lebensumstände durch seine früheren Leben bestimmt wurden. Das hat zur Folge, dass er sein Leben, die Situation, in der er sich befindet, leichter annehmen kann, weil er selbst dafür verantwortlich ist. Er beschuldigt nicht andere wegen seiner Probleme. Das ist ein sehr großer Vorteil. Dieser Mensch ist gleichzeitig davon überzeugt, mit seinen jetzigen Handlungen, Absichten und Gedanken an den Umständen seines nächsten Lebens zu schmieden. Deshalb versucht er, wenigstens in seinen Absichten besser und besser zu werden. Die Wiedergeburt ist eine Leiter, mit deren Hilfe er aus der Grube der Rassen-, National- und Religionsvorurteile herausklettern kann, weil er bei seinen Wiedergeburten nicht immer als Weißer oder Schwarzer, Ungar oder Deutscher, Christ oder Moslem geboren wird. Zudem brauche ich nicht näher zu erläutern, dass seine Todesangst mit der Todesangst des oben beschriebenen Menschen in keiner Weise vergleichbar ist.

Ich glaube, wenn die Theorie der Reinkarnation weitere Verbreitung fände, wäre unsere Welt zu einem gewissen Maße besser. Man würde die Zukunft und die innere Entwicklung ernster nehmen. Endlich wäre man vorsichtiger mit der Zukunft, mit den Ressourcen der Erde, denn entsprechend diesem Glauben beträfe es ja unsere eigene Zukunft. Den Glauben an die Wiedergeburt halte ich also für viel nützlicher. Er kostet ebenso nichts, wie der Glaube an ein einziges Leben. Ich erziehe meine Kinder in diesem Sinne, und für sie ist das alles ganz normal, sie stellen das nicht einmal in Frage. Dafür haben sie auch keinen Grund, weil sie bei der Theorie der Wiedergeburt eine Antwort auf jede Frage finden. Und so ist es für sie auch leichter, den Schatten des Lebens, den Tod anzunehmen.

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