Ich und der Securitate

Zwischen meinem 14. und 18. Lebensjahr besuchte ich das Bólyai Farkas Lyzeum, das ich schließlich auch mit Matura abschloss. Dort hatte ich einen Freund, der von Zeit zu Zeit von einem Securitate-Mitglied aufgesucht wurde, welches mit ihm längere Gespräche führte. Der Geheimdienstmann fragte ihn über die Lehrer, über die Schüler, über jeden und alles aus. Oft versuchte er, meinem Freund Taschengeld zu geben. Der Junge wies jedoch das Geld zurück und versuchte dem Mann auszuweichen. Er war sehr verbittert und erzählte mir alles; dabei meinte er auch, dass er diesem Mann nicht mehr lange ausweichen könne. Das war der erste Fall, wo ich etwas Konkretes über die Existenz der Securitate beziehungsweise über ihr Spitzelwesen erfahren hatte. Bisher wusste ich davon nur vom Hörensagen. Diese Geschichte erfüllte mich mit großem Entsetzen. Ich hatte nicht geahnt, dass es so etwas gibt, und ich bezweifle, ob ich die Hintergründe der ganzen Sache durchschaut hätte, wenn ich an der Stelle meines Freundes gestanden wäre. Was später mit meinem Freund passiert ist, weiß ich nicht.

An der Universität erhielt ich im ersten Studienjahr bei jeder Prüfung mit einer einzigen Ausnahme die Note „Zehn“, das ist in Rumänien die beste Note. Wir mussten auch marxistische Philosophie lernen, was ich nicht ernst nahm. Die kommunistische Philosophie betrachtete ich als meinen Feind, ich hasste sie und hielt sie für völlig unwichtig. Aber es stellte sich heraus, dass ich mich ganz gehörig verrechnet hatte. Ich zählte während des Semesters wegen meiner aufrichtig ausgesprochenen Meinung keinesfalls zu den Lieblingsstudenten meines Lehrers. Ehrlich gesagt hatte ich den betreffenden Genossen falsch eingeschätzt. Er war Ungar und das hat mich irregeführt. Und unglücklicherweise war das nur der erste, aber nicht der einzige Fall, wo ich mich täuschen sollte. Er war nicht nur von Beruf aus rot, sondern wirklich ein eingefleischter Kommunist. Während meiner Prüfung kamen wir auf das Thema „Der friedliche Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus“ zu sprechen. Nun, ich erläuterte in offener Weise, dass ich daran nicht glauben konnte, und ich begründete das auch. Ich war sogar so unverschämt, zu erwähnen, dass meiner Meinung nach der umgekehrte Vorgang viel leichter vorstellbar wäre. Das war zu viel. Mit der darauffolgenden Reaktion des Kerls hatte ich nicht gerechnet. Der sonst so ruhige Mann warf mich jetzt brüllend aus dem Prüfungsraum. Selbstverständlich war ich durchgefallen. So hatte ich in den Sommerferien viel Spaß: Ich lernte Marxismus. War ich nicht verrückt? Das war das zweite Mal, dass ich durchgefallen war. Das erste Mal scheiterte ich an der russischen Sprache. Diese Sprache konnte ich nicht ausstehen und am Ende musste ich meine Sommerferien opfern, um Russisch zu lernen. Jedenfalls bereitete ich mich gründlich auf die nächste Prüfung vor. Alles lief wirklich perfekt, aber leider war es zu spät. Zuerst war auch der Genosse sehr zufrieden, bis er in meinem Zeugnis die anderen Noten erblickte. Er empörte sich über meine Noten und sagte, dass ich mir bei ihm mit Absicht nicht viel Mühe gegeben hätte, was ja eigentlich zutraf. Wenn so ein guter Student wie ich bei ihm im Herbst die Prüfung wiederholen musste, so musste der Student ein Antikommunist sein. Das war ungefähr so, als ob zur Zeit der Inquisition von jemandem behauptet wurde, dass er Atheist sei. Er musste dann vernichtet werden. Deshalb revidierte er seine Benotung und gab mir nur eine Acht. Darüber habe ich nur gelacht und ich war davon überzeugt, dass die Sache damit erledigt sei. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass ein Gewitter bevorstand, als mein Name bereits am Anfang des zweiten Studienjahres von der Aufnahmeliste der Partei gestrichen worden war. Darüber hinaus war mein Name auch auf der Ehrentafel der Universität nicht zu lesen, obwohl er aufgrund meiner Prüfungsergebnisse darauf erscheinen hätte müssen.

Einige Monate später besuchte ich meine Eltern. Mein Vater fragte mich, ob mit mir alles in Ordnung sei. Einer seiner Bekannten, der auf der Polizei arbeitete, hatte meinen Vater darüber informiert, dass eine Verfolgung gegen mich angeordnet worden war, und man hatte auch nach meinem Vater gefragt. Obwohl ich meinem Vater mitteilte, dass alles in Ordnung sei, hatte ich plötzlich große Angst und wurde sehr unruhig. Wie ich später erfuhr, war ich von dem marxistischen Kerl angezeigt worden. Nun wartete ich, was auf mich zukommen würde.

Ich musste nicht lange warten. Eines Tages wurde angeordnet, ich habe mich in einem Vorlesungssaal der Universität einzufinden. Dort waren viele Studenten versammelt. Wir hatten alle eine Einladung zu einer zweitägigen Gerichtsverhandlung erhalten. Man versicherte uns, dass unsere Abwesenheit an der Universität entschuldigt werde und unsere Anwesenheit bei der Verhandlung nicht nur erwartet, sondern auch kontrolliert werden würde. Ich hatte bei dieser ganzen Sache ein schlechtes Gefühl. Der Prozess wurde im Festsaal einer Hochschule durchgeführt, damit wir alle genügend Platz finden würden. Es waren sehr viele Studenten dort, mehr als tausend, alles junge Leute im Alter zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahren. Jeder Junge aus der Stadt, der auf irgendeine Weise einmal eine Meinungsverschiedenheit mit der Polizei oder der Securitate gehabt hatte, war da. Es waren natürlich auch viele Diebe da, und es wurde mir mein toller Mantel gestohlen, in dem ich mich wie ein richtiger Star gefühlt hatte. Den Prozess leitete ein aus hochrangigen Offizieren bestehender Militärgerichtshof. Es gab acht oder neun Angeklagte, alle im Alter zwischen elf und sechzehn Jahren. Ein einziger Junge war sechzehn, er war der Älteste. Sie hatten nichts getan, sie hatten nur Hoffnungen gehegt und geträumt. Sie hatten geplant, ein Flugzeug zu entführen, um in den Westen zu fliehen. Dabei verfügten sie nicht einmal über Waffen. Als die Pläne in die Tat umgesetzt werden sollten, bekam es eines der Kinder mit der Angst zu tun und der Junge erzählte seinem Vater weinend, dass er sich fürchte, seine Familie zu verlassen, und er wolle doch nicht in den Westen fliehen. So kam die Geschichte ans Tageslicht. Die Kinder wurden verhaftet und man veranstaltete zu unserer Abschreckung einen gewaltigen Prozess. Aus einem kindischen, verträumten Spiel wurde eine Tragödie. Von Kindheit an hatte ich immer Probleme, weil ich mit anderen Menschen so starkes Mitleid empfand. Deshalb habe ich viel gelitten. Dieser Prozess war für mich die Hölle der Höllen. Wahnsinn, Absurdität, Katastrophe, unmenschliche Gemeinheit. Ich dachte immer daran, dass die Tierwelt nicht so schlimm ist. Die Kinder weinten, ihre Eltern fielen in Ohnmacht, die Rechtsanwälte waren auf lächerliche Weise machtlos. Die weinenden Kinder wurden zu Haftstrafen von zehn bis fünfzehn Jahren verurteilt. Die ersten Jahre sollten sie in einer Besserungsanstalt, die weiteren in einem Gefängnis verbringen. Nach diesen zwei tragischen Tagen wurde mir klar, dass ich mich auf einer der schlechtesten Listen befand, die es gab. Im Zusammenhang mit meinem marxistischen Philosophielehrer stiegen in mir recht negative Gefühle hoch, aber ich hielt auch mich selbst für dumm.

Damals wohnte ich in einem Studentenwohnheim, das mit Vierbettzimmern ausgestattet war. Einer meiner Freunde hatte es fertiggebracht, dass wir zu zweit in einem Zimmer wohnen konnten. In der Prüfungszeit war das wegen der Ruhe ein großer Vorteil. Manchmal erlaubten wir einem ruhigen Kollegen, bei uns zu lernen. Als wir einmal zu dritt im Zimmer waren, ertönte aus dem eingebauten Lautsprecher rumänische Volksmusik. Die Lautsprecher konnte man nicht ausschalten, nur leise drehen, aber in unserem Zimmer war auch das unmöglich. Wir wurden beim Lernen wirklich sehr gestört. Unser Gast schimpfte über die rumänische Musik und die Rumänen allgemein. Da er den Lautsprecher auch mit seinen Schuhen nicht leise stellen konnte, schloss er die Drähte kurz. Dann herrschte Stille. Wir wussten jedoch nicht, dass er im ganzen Wohnheim einen Kurzschluss verursacht hatte. Natürlich freute sich jeder über die Stille. In Rumänien stand jedes Massenkommunikationsmittel unter der Kontrolle der Securitate. Am folgenden Tag erschienen die Spürhunde der Securitate und es stellte sich heraus, dass der Fehler in unserem Zimmer lag. Ich war nicht zu Hause, aber mein Freund wurde mitgeschleppt. Am Abend erzählte er uns, er habe gesagt, dass er nicht im Zimmer gewesen sei, als die Sache passiert war, weshalb er auch keine Ahnung hätte, wer diese furchtbare Sünde begangen hatte. Aber er teilte uns auch mit, dass er bei der Polizei Verwandte hatte, die sich für ihn einsetzten, damit er aus dem Spiel gelassen wurde. Unser Kollege, der Täter, hatte Angst, dass ich meinen Mund nicht halten würde. Als ich am nächsten Tag allein zu Hause war, öffnete ein derber Kerl mit dem Fuß unsere Türe und sagte, dass ich mit ihm gehen müsse, ein Auto würde auf uns warten. Als ich ihm entgegnete, dass dies unmöglich sei, weil ich am Nachmittag Prüfung hätte, antwortete er, das sei kein Problem, dann solle ich bei ihm am darauffolgenden Tag vorbeikommen. Am nächsten Tag begleitete mich meine zukünftige Frau bis zum Tor der Securitate. Ich suchte den zuständigen Oberst auf. Seine erste Frage lautete, ob ich wolle, dass die mich begleitende junge Frau ebenfalls zur Vernehmung vorgeladen werde. Ich versicherte ihm, dass dies nicht in meinem Sinn sei. “In Ordnung, aber sei kooperativ!” – erwiderte er mir darauf gönnerhaft und führte mich in ein Zimmer im Keller, dessen ganze Einrichtung aus einem Stuhl, einem Tisch, einem Stück Papier und einem Bleistift bestand. Er befahl mir, mich hinzusetzen und der Wahrheit entsprechend eine Erklärung darüber zu schreiben, was im Zimmer mit dem Lautsprecher passiert war. Eine halbe Stunde, meinte er, würde dafür ausreichen, und wies mich an zu klingeln, sobald ich fertig sei.

Ich wollte nicht einmal zu schreiben beginnen. Mein fensterloses Zimmer und das benachbarte Zimmer waren nur durch ein Metallgitter voneinander getrennt. Da ich auch eine Stunde später nicht klingelte, brachte man zwei Schäferhunde ins Nebenzimmer, die blutrünstig an die Gitter sprangen und ununterbrochen bellten. Der Keller hallte wider. Die Szene war eigentlich alles andere als amüsant. Das ging zwei Stunden lang so, dann kam der Oberst herein und sagte, dass ich morgen zurückkommen solle, ich könne dann dort mehr Zeit verbringen, wenn ich es mir nicht anders überlegte. Meine Freundin dürfe mich nicht begleiten, weil sie dann nicht mehr freigelassen werden würde. Am darauffolgenden Tag kam ich zurück. Die Hunde waren von Anfang an dabei. Drei Stunden gingen vorbei, aber das Papier blieb leer. Der Oberst gab seinen freundlichen Stil auf. Er hätte mir bis jetzt nur helfen wollen, er wäre mein Freund gewesen, behauptete er. Aber nun sei er enttäuscht und jetzt würde er mich brechen. Mit ihm dürfe man nicht spielen. Er hätte schon viel härtere Menschen zermürbt als mich, den unbeugsamen Helden. Und er teilte mir noch eines mit: Solange er den Stern, auf den er stolz zeigte, auf seiner Schulter trüge, würde in diesem Land aus mir kein Arzt werden. Dafür werde er sorgen. Jetzt könne ich nach Hause gehen, müsse aber darauf gefasst sein, dass man mich auch nachts rufen werde.

Das waren eindeutige Worte, ich habe sie auch ernst genommen und geglaubt. Ich dachte daran, dass ich Zahnarzt werden musste, sonst würde meine Biologielehrerin Recht behalten. Aber wie konnte ich den Schakalen entfliehen? Es kam nicht in Frage, dass ich mich verkaufen oder meine Prinzipien aufgeben würde. Das ist dann später in Österreich mit mir passiert. Ich war verzweifelt und hatte Angst und fürchtete mich vor beiden Optionen. Es war eindeutig, dass ich einen Patron brauchte, der mehr Einfluss hatte als mein Oberst. An der Universität hatte ich einen Lehrer, zu dem ich sehr guten Kontakt hatte. Er mochte mich und war der erste Mensch, der von mir mehr hielt als ich von mir selbst. Das gab mir viel Kraft und Selbstvertrauen. Er half mir immer, aus dem selbst verursachten Morast herauszukommen. Daher schilderte ich ihm meine Situation. Zu meinem Unglück antwortete er, dass er wohl einige Bekannte in der Securitate habe, es würde ihn jedoch leider mit jenen nur die gleiche “freundschaftliche” Beziehung verbinden, wie mich mit meinem Oberst. Da verstand ich, dass ich unter Freunden, die auf meiner Seite standen, vergebens die entsprechenden Menschen suchte. Meine einzige Chance war, mich an diejenigen zu wenden, die ich menschlich gesehen nicht besonders hoch schätzte. Plötzlich kam ich auf eine göttliche Idee. Ich war ganz  sicher, dass es funktionieren würde. Die Idee war perfekt. Ich hatte keinen Zweifel. Mit hundertprozentiger Sicherheit fing ich an, meine Idee in die Tat umzusetzen.
    Damals wurde an der Universität in Marosvásárhely ein junger rumänischer Arzt angestellt. Er kam aus Bukarest. Jeder wusste, dass er angestellt wurde, damit aus ihm ein Professor gemacht wird. Das ging nicht reibungslos, aber es klappte. Es musste gelingen, weil Ceaucescu selbst der persönliche Patron des jungen Doktorchens war. Ein paar Jahre später, als er wieder in der Hauptstadt arbeitete, wurde er wirklich der Arzt der Familie Ceaucescu. Aber da hasste bei uns schon jeder den Kerl. Wenn er irgendwo erschien, wandte man sich von ihm ab, um ihn nicht begrüßen zu müssen. Die Studenten wichen ihm aus und wollten mit ihm möglichst nichts zu tun haben. Alles in allem war der sonst sehr sympathisch aussehende Mann nicht beliebt. Aber er war der Typ, der unbedingt populär sein wollte. Damals schon war er der Leiter einer der chirurgischen Kliniken. Ich meldete mich bei seiner Sekretärin an und bat ihn um eine Audienz. Höchstwahrscheinlich war ich der erste Mensch, der sich an ihn wandte. Er empfing mich sehr freundlich, wofür ich mich bei ihm herzlichst bedankte, und er versicherte mir, dass seine Tür immer für jeden Studenten offen stünde. Dieser Mensch wollte Popularität um jeden Preis, aber der arme Kerl hatte keine Chance populär zu werden. So konnte er mit mir anfangen, endlich Pluspunkte zu sammeln. Er fragte mich, wie er mir helfen könne.
    Ich teilte ihm mit, dass ich außer ihm niemanden kannte, der mir behilflich sein konnte. Dann erzählte ich ihm alles, die ganze Wahrheit. Ich machte ihm klar, dass ich kein Verräter sein wollte, aber ich wollte studieren, wofür ich sehr wohl begabt war. Nur nach dem “Versprechen” des Oberst hatte ich keine Chance mehr. Wenn er über die Möglichkeit verfügte, so bat ich den jungen Professor, möge er mir helfen. Er schmunzelte, hob den Telephonhörer ab und rief den höchsten Securitate-Chef, einen General, an. Sie waren gute Freunde, duzten einander und nach kurzer Zeit gingen sie auf das Thema ein. Der Professor erzählte, dass er einen hervorragenden Lieblingsstudenten habe, der von einem Oberst X schikaniert werde. Man ließe ihn nicht studieren. Er bat den General, dem ein Ende zu setzen und seine Bitte war sehr entschlossen. Da bemerkte ich, dass der Doktor eine mächtiger war als der General. Er legte den Hörer auf und garantierte mir, dass nun für mich der Weg frei wäre, Arzt zu werden, wenn ich weiterstudierte. Und dem war auch so. Ich war sehr glücklich.

Als ich bereits alle Prüfungen und die Diplomprüfung bestanden hatte, veranstalteten wir eine Party. Sämtliche Absolventen bzw. jungen Ärzte amüsierten sich gemeinsam in der Kantine der Universität. Alle waren glücklich, wir gingen von einem Tisch zum andern, unterhielten uns und machten Witze. Plötzlich erfuhr ich von meinen Freunden, dass einer meiner Kollegen von einem anderen verprügelt wurde. Als ich zu den beiden eilte, sah ich, dass einer meiner Freunde einen anderen schlug, der bereits blutete. Der blutende Kollege war derjenige, der damals die Drähte der Lautsprecher kurzgeschlossen hatte und den ich nicht verraten wollte. Ich sprang zwischen die beiden und so hörten sie kurz auf. Als ich meinen Freund bat, den armen Kerl nicht zu schlagen, rief er. „Sagst du, dass er arm ist? Weißt du, wer dieser armer Kerl ist? Jetzt haben wir erfahren, dass er vom ersten Studienjahr an ein Spion der Securitate war und uns alle verraten hat.“
    Ich schaute auf seine blutige Nase. Er schaute mir nicht in die Augen, er schwieg. Das war zu viel für mich, ein richtiger Schock. Ich musste schnell weggehen und konnte einfach nicht zu mir kommen. Die Securitate hatte meinen Kollegen in mein Zimmer geschickt, damit er die Drähte miteinander verbindet. Unter diesem Vorwand hätte man mein Leben kaputt gemacht, weil ich von einem marxistischen Lehrer angezeigt worden war. Unglaublich! Es wurde mir schwindlig, ich hatte Brechreiz und trank Cognac. „Mein Gott, führe mich weg von hier!“

Da ich vor meinem Studium keinen Militärdienst geleistet hatte, musste ich als junger Arzt an einer kurzen, vier Monate währenden militärischen Ausbildung teilnehmen. Ob das kurz war? Nur im Gefängnis wartet man so sehr auf das Vergehen von Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, ja sogar Minuten, wie ich nun zu warten begann. Ich wusste immer exakt, wie viele Stunden wir noch genau vor uns hatten. Damals war ich überzeugt davon, dass dies die sinnloseste Periode meines im Kommunismus verbrachten sinnlosen Lebens war. Da ich mir schon früher bei verschiedenen Gelegenheiten die Finger verbrannt hatte, versuchte ich nun, mich sehr gut zu benehmen.

Als unsere Gruppe todmüde und großteils betrunken ankam, wurden den Burschen die langen Haare abgeschnitten und jeder bekam seine Uniform. Unsere Gruppe wurde von einem ganz jungen Uniformträger kommandiert. Der Offizier, er war jünger als die meisten von uns, hatte viele Probleme mit uns. Er wusste nicht, wie er uns ansprechen und beherrschen sollte. Es gab dort auch zwei Kapitäne, die keine derartigen Probleme mehr hatten, da sie seit Jahren mit Ärzten arbeiteten. Sie brüllten schon hemmungslos mit uns und jeder hatte Angst vor ihnen. Für unseren jungen Offizier war sowohl seine Arbeit als auch die Kaserne neu. Er organisierte unser tägliches Programm und wir sollten sozusagen mit ihm leben. Am ersten Abend wussten wir das aber noch nicht. Um fünf Uhr früh des nächsten Morgens, als die meisten noch unter Kopfschmerzen litten, suchte unser junger Offizier zwei Freiwillige für die Reinigung der Latrine. Er wurde von allen ausgelacht. Vor Verlegenheit wurde er rot. Da er mir Leid tat, winkte ich meinem Freund, und wir meldeten uns, um das zu übernehmen. Jetzt wurden wir ausgelacht, aber wir haben mitgelacht. So sind wir WC-Chefs geworden. Unsere Aufgabe war, das WC zu scheuern. Aber das war nur am ersten Tag so. Die jungen Doktoren mussten erkennen, dass es sich nicht lohnte, gegen den Strom zu schwimmen. Von nun an kontrollierten wir nur mehr die Sauberkeit des WC. Ich musste nichts mehr sauber machen. Dann wurde ich Chef des Waffenschrankes, da sich auch niemand für diesen Posten gemeldet hatte. Wiederum musste ich nur kontrollieren. Der Offizier war ein netter Mensch. Ich achtete ihn und er dankte mir das, wann immer er dazu in der Lage war. Wenn die Gruppe zur Strafe mit Gasmasken laufen musste, winkte der Offizier mir und meinem Freund und gab uns zu verstehen, dass wir hinten mitlaufen sollten. Er erlaubte uns, die Gasmaske hochzuheben.

In der Zeit bei der Armee erlebte ich meine zweite, wirklich  lebensbedrohliche Alkoholvergiftung; abgesehen davon ist nichts Nennenswertes passiert. Im Verlauf von einigen Stunden trank ich einmal mehr als einen Liter Cognac und geriet daraufhin in einen eher todesähnlichen Zustand als in einen Rausch.

Der letzte Tag war der schönste. Nur noch schöner war der Tag, an dem ich die Schule beendete. Am Nachmittag hatten wir kein Programm mehr, jeder trieb sich herum und wartete darauf, dass die Zeit verging. Wir lagen im Hof in der Sonne, als der Offizier mich plötzlich sprechen wollte. Er sagte, dass er mir jetzt etwas mitteilen würde, was die anderen nicht wissen sollten und was auch niemand anderer wissen dürfe. Er sei zuständig für die politischen Angelegenheiten der Soldaten. In dieser Kaserne sei er alleine für die geheimen Unterlagen über Soldaten und Offiziere zuständig. Wir nannten diese Menschen Securitate-Hunde. Er war der einzige, den ich nicht erkannt hatte, und das war mein Glück. Er sagte, dass er mir sehr dankbar sei und mich sehr schätzte, weil ich ihm am Anfang geholfen hatte. Dann verriet er mir, dass für mich das berufliche wie private Fortkommen in Rumänien aufgrund der über mich bestehenden geheimen Akten unmöglich sei, und es sei sicher, dass für mich nie ein Reisepass ausgestellt werde. Nicht einmal einer, der lediglich für die östlichen Länder gilt. Noch nie habe er eine so schlimme Akte gesehen. So eine Akte würde in meinem Leben in Rumänien nur Probleme bereiten. Er verstehe das nicht. Er hatte mich beobachtet und er halte mich für einen guten Menschen. Ich schwieg nur, ich konnte nichts sagen. Es war klar, dass dies die Rache meines Oberst war, weil ich trotz seiner bösen Absichten Arzt geworden bin. Der Offizier wollte mir helfen und er sagte, dass er in der letzten Nacht meine Akte vernichten werde. Morgen, wenn er die Urkunden abgibt, leitet er einen hervorragende Akte über mich weiter. Ich war sehr dankbar und habe ihm meine Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht, aber er hörte nicht einmal zu und ging einfach fort. Alles war wie in einem Märchen. Kann so etwas passieren? Es war für mich wie ein Hauptgewinn im Lotto.

Was und wie er es gemacht hat, weiß ich nicht, aber er hielt sein Versprechen. So war nicht nur mein Militärdienst zu Ende, sondern ich hatte auch eine reine Weste, vielleicht eine zu reine. Nach zwei oder drei Monaten lud man mich in das Militäramt und teilte mir mit, dass ich zu den Auserwählten zählte, denen eine außerordentliche Rangerhöhung zuteil wurde. Das überraschte mich und stolz reckte ich mich, aber ich war auch ein bisschen verlegen. Ich spürte ehrlich gesagt, dass ich hier nicht der Richtige war. Bei einem Fest, zu dem ich geladen worden war, beförderte man mich vom Unterleutnant zum Leutnant. Das war das erste Mal, dass ich nicht unter denjenigen saß, die angebrüllt und beschimpft wurden, sondern unter denjenigen, die gelobt wurden – eine große Ehre für mich. Nun stand fest, dass das Offizierchen sein Wort gehalten hatte. Meine Hoffnung, dass ich wirklich aus Rumänien weg käme, wurde nun sehr groß.
In der Securitate gab es sowohl für den beruflichen als auch für den geographischen Bereich eine zuständige Person. So erhielten auch die Mitarbeiter des Gesundheitswesens einen Zuständigen zugewiesen. Diese Person erschien in unserem Umfeld als unser „Freund“ und er plauderte mit uns, solange er dazu Lust hatte. Auf diese Weise sammelte er Informationen. Man musste beim Plaudern sehr aufpassen, um sich nicht selbst zu schaden. Es war ein Problem, wenn du nichts gesagt hast, es war auch ein Problem, wenn du zu vorsichtig warst, aber wenn du viel gesprochen hast, war das vielleicht das größte Problem. Zum Teufel, wenn der Typ erschien, da stellte alles ein Problem dar. Alle eingefleischten „Feinde“, und ich zählte auch zu ihnen, haben diesen Menschen sofort erkannt. Diese intuitive Fähigkeit habe ich nie verloren und auch später in Österreich war das für mich leider von Nutzen. Ich habe immer versucht, unserem „Freund“ auszuweichen. Manchmal war ich gezwungen, ihn zu treffen oder mit ihm Tischtennis zu spielen, wenn er an uns herantrat. Als ich dann den Arbeitsplatz wechselte und bei der Eisenbahn arbeitete, erschien mein „Freund“ in meinem Sprechzimmer zu einem offenen Gespräch, wie er es nannte. Er sagte mir, dass er mich schon seit langem beobachtet hatte, was ich wohl bestimmt bemerkt haben muss. Irgend etwas stimmte bei mir nicht. Er sei überzeugt, dass ich nicht der Mensch sei, für den ich mich ausgäbe, ich sei ein Wolf im Schafspelz. Nur Beweise könne er keine finden. Ich beschwichtigte ihn, er würde sich bestimmt irren. Aber das schloss er aus, denn – so sagte er – ihn könne niemand täuschen, er wäre fähig, alles zu spüren. Tatsächlich verfügte er über eine ebenso gute Intuition wie ich, nur stand er auf der anderen Seite. Dann eröffnete er mir, dass er entschlossen sei, der Sache nachzugehen. Meiner Akte zufolge, so behauptete er, müsse ich eindeutig ganz anders sein. Mein Offiziersfreund schien zu eifrig gewesen zu sein. Man hätte aus mir keinen erstklassigen Kommunisten machen sollen. Ein Gewitter braute sich zusammen, weil der Securitate-Hund verkündete, jede Periode meines Lebens durchforsten zu wollen. Er werde herausfinden, wo der Hund begraben ist. Dann würde er mich wieder aufsuchen, um das Gespräch aus einer ganz anderen Position heraus weiterzuführen. Ich lächelte ihn an, aber nur äußerlich. Innerlich hatte ich wie immer große Angst.

Dieses Gespräch führten wir im Herbst des Jahres, bevor ich nach Österreich kam. Was hätte ich tun können? Ich hatte keine Möglichkeit, die Angelegenheit irgendwie zu beeinflussen. In diesem Fall konnte mir niemand mehr helfen, oder vielleicht doch? Jedenfalls musste ich abwarten. Einige Monate vor meiner Abreise erschien ein neuer „Fuchs“ in der Umgebung meines Sprechzimmers. Ich fragte einen meiner Bekannten, wer dieser Mann sei. Er sei der neue Securitate-Hund, lautete die Antwort. „Und was ist mit dem Genossen X passiert?“ fragte ich. „Oh, hast du nicht gehört, dass er einem Herzinfarkt erlegen ist?“ Das war sehr interessant. Obwohl ich mich über seinen Tod nicht freute, verspürte ich auch kein Mitleid. Ich war vielmehr dankbar und glücklich. Damals sind sehr viele Polizisten und Securitate-Männer an Herzinfarkt gestorben. Das passierte angeblich wegen psychischer Überlastung. Schlecht zu sein scheint auch nicht leicht zu sein. Deshalb hat man die Schlagmaschine erfunden, um die armen Beamten zu entlasten. Man hat die Menschen in die Schlagmaschine, in eine dunkle Zelle gestellt, wo man unerwartet und unberechenbar von vorne, von hinten und von den Seiten geschlagen wurde. So hat man die Menschen weich gekriegt. Das hörte ich von einem Polizisten. Er erzählte es mir glücklich beim Trinken. Ich versuchte damals wegen meines Passes, mit vielen Polizisten Freundschaft zu schließen.
    So wurde ich den letzten Securitate-Hund los, der seinen Verdacht mit in den Tod nahm und mich mit einer reinen Weste zurückließ.

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