Ich und der Kommunismus

Als ich ein Schüler war, mussten wir alle Uniformen tragen und wir erhielten auch ein aus rotem Stoff ge­fer­tigtes, dreieckiges Halstuch. Das musste wir uns um den Hals binden, um unsere Überzeugung für den Kommunismus zum Ausdruck zu bringen. Man lehrte uns, dass das Halstuch mit dem Blut der Arbeiterklasse rot gefärbt worden war. Am Anfang, solange ich noch daran geglaubt hatte, schauderte mir bei diesem Gedanken. Dann wurde ich zum Gruppenchef ernannt, worauf ich sehr stolz war, obwohl es der niedrigste Rang war. Auf den Schultern meiner Uniform durfte ich nun einen kleinen, roten Streifen tragen. Manchmal standen wir um die rote Fahne herum und alle Schüler waren versammelt. Wir sangen dann oder berichteten etwas. Es oblag mir, dem Abteilungskommandanten Meldung zu erstatten – worüber, hatte ich aber keine Ahnung.

Das Problem begann eigentlich, als ich kurz nach dem Erhalt des Ranges mit einigen Schulkameraden etwas anstellte. Nach dem Unterricht wurde ich in der Schule eingesperrt. So etwas kam öfter vor. Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich weiß noch, dass ich unter den schlimmen Kindern der einzige hochrangige Pionier war. Als die ganze Schule rund um die Fahne versammelt war, wurden wir zu unserer Schande in die Mitte gestellt. Zuerst wurden unsere Sünden verlesen und dann trat die zuständige Lehrerin auf mich zu und riss die roten Streifen von meinen Schultern. Ja, sie riss die roten Streifen einfach ab und übergab sie einem anderen Kind, und das, obwohl ich auf diese Streifchen so stolz war. Das war das Ende meiner Begeisterung. Ich hatte das Gefühl, als ob die Lehrerin mein Herz herausgerissen hätte. Nach diesem Vorfall behielt ich das rote Halstuch in meiner Tasche, weshalb es auch immer zerknittert war. Ich hasste das Ding von nun an nur mehr. Seit damals gab es für mich die Roten und mich. Ich wurde aus ihrer Mitte herausgerissen und gehörte nicht mehr zu ihnen. Wahrscheinlich suchte ich eben deshalb die Gesellschaft der schlimmen Kinder. Ich wollte mich immer mit jenen identifizieren, die aus der Reihe tanzten. Es widerstrebte mir, mit den anderen in der Herde mit zu laufen, koste es was es wolle.

Aufgrund meiner religiösen Erziehung besuchte ich regelmäßig den Religionsunterricht. Meine Mutter war Lehrerin von Beruf. Sie durfte nicht in die Kirche gehen, sonst hätte sie ihre Anstellung verlieren können. Daher lehrte sie mich seit meinem siebenten Lebensjahr, die Wahrheit zu verschweigen, ich sollte vielmehr immer sagen, dass ich von meiner Großmutter und nicht von ihr zum Religionsunterricht geschickt würde. Einmal hat man uns in der Schule gefragt, wer in die Kirche und zum Priester geht, um sich Märchenfilme anzuschauen. Ich hätte geschwiegen, aber die anderen haben mich verraten. Ich sagte, es wäre wegen meiner Grossmutter. Darauf meinte die Lehrerin, dass ich nicht hingehen sollte, denn meine Eltern wären zu klug, um an Gott zu glauben. Ich sollte auch klüger sein, und ich sollte meine Großmutter anlügen und ihr sagen, dass ich dort gewesen sei. So wendete sich das Blatt und ich erwiderte: „Ja, aber sie fragt mich immer, was wir gelernt haben und wenn ich nicht antworten kann, dann schlägt sie mich.” So wurde aus einem Lehrling ein Meister.

Wenn ich später etwas mit Lügen erreichen konnte, war ich sehr erfolgreich. Meine Fertigkeit darin wurde über die Jahre hinweg immer verfeinerter und vollkommener. Ich erinnere mich, wie mir meine Mutter das Lügen verzweifelt abgewöhnen wollte, aber meine Ausdauer war unerschütterlich. Sie hat nie erkannt, dass ich von ihr gelernt hatte zu lügen. Wenn es ihr gelungen wäre, mich zur Ehrlichkeit zu erziehen, dann hätte ich in meinem Leben nichts erreicht. Die Lüge war ein gutes und notwendiges Mittel.

Als ich 11-12 Jahre alt war, wurde die Kollektivierung durchgeführt. Das bedeutete bei uns, dass die Enteignung der Felder legalisiert wurde. Damals war es die Aufgabe der Lehrer, die braven Bauern von den Vorteilen der Kollektivierung zu überzeugen. Wenn es nicht klappte, jemanden dazu zu bewegen, die Dokumente zu unterschreiben, wurde der Betreffende verfolgt und zur Polizei geschleppt. Der Vater eines meiner Klassenkameraden ist in den Wald geflohen, um nicht erwischt zu werden. Die Leute von der Securitate haben den Jungen mitgenommen, aber er sprang aus dem fahrenden Fahrzeug heraus und es gelang ihm wegzulaufen. Wir haben ihn für einen großen Helden gehalten. Der Junge kam über eine Woche nicht in die Schule, weshalb ich ihn sehr beneidete. Aber zugleich hatte ich auch Angst, und das hat bei mir immer Bauchschmerzen ausgelöst. Wenn ich sehr lange Zeit Angst hatte, bin ich immer krank geworden und bekam Durchfall. Das ist dann zu einer chronischen Krankheit geworden.

Morgens pflegte ich in der Buchhandlung gegenüber der Polizei mein zweites Frühstück, einen mit Schokocreme gefüllten Keks für 75 Bani, zu kaufen. Es hieß Eugenia und ich aß es sehr gerne. Eines morgens lag ein Mensch im Straßengraben. Wir Kinder standen um ihn herum und haben gesehen, dass er blutig war und schlief. Der Arme war natürlich bewusstlos. Ich hatte wieder Angst und Bauchschmerzen. Solche Situationen kamen dann öfters vor. Die Verletzten wurden von ihren Familienmitgliedern nach Hause gebracht und gepflegt. Sie waren von der Polizei „entlassen” worden, weil es nicht geklappt hatte, diese armen Leute dazu zu bewegen, auf ihr Eigentum freiwillig zu verzichten. Natürlich wurden wir in der Schule über alle „Vorteile” der Kollektivierung informiert und aufgefordert, unsere Eltern davon zu überzeugen, dass unsere Zukunft in Gefahr wäre, wenn die Kollektivierung nicht durchgeführt werden würde. In meiner Familie war das kein Problem, weil meine Eltern im Staatsdienst angestellt waren. Deshalb kam Widerstand überhaupt nicht in Frage, die Entscheidung fiel leicht: entweder eine Unterschrift oder die Stelle war weg. So verzichteten sie auf das Feld. Mein Vater überzeugte seine Mutter irgendwie, was gar nicht einfach war. Ich erinnere mich daran, dass sie stritten und mein Vater immer wieder betonte, dass es sich nicht lohnte, gegen den Wind zu pinkeln. Das war das einzig Positive, was ich von der Kollektivierung lernte.

Dieses Problem berührte mich als Kind nicht besonders, nur die Angst hat mich angesteckt. Das Problem bestand darin, dass ich meinen Glauben an das System verloren hatte. Denn ich hatte entdeckt, dass ich in einer absolut verlogenen Welt lebte und ich wusste, entweder lüge ich mit oder ich ersticke. Darunter litt ich sehr.

Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt, als ich Petöfi entdeckte. Ständig las ich seine Gedichte und ich lernte viele seiner Gedichte auswendig, seine Freiheitsliebe gab mir viel Kraft. Damals sperrte ich mich öfters in mein Zimmer ein und weinte. Wenn ich mich richtig ausgeweint hatte, ging es mir einige Tage besser, bis wieder eine Schweinerei passierte. Gerne hätte ich dem Tod in irgendeiner Form ins Auge geblickt, wenn ich auf diese Weise den Kommunismus hätte abschaffen können. Ich weinte, weil ich klein und machtlos war. Damals bemächtigte sich meiner das Gefühl, dass ich von Schlamm weggewaschen und erstickt werde. Es gab nichts, woran man hätte glauben können, wofür es sich gelohnt hätte zu leben.

Für mich war – seit ich denken kann – der Tod, das Aufgeben des Lebens, kein Problem. Einmal spielten wir in der Heuscheune auf dem Dachboden, als ich in einem Loch eingeklemmt wurde. Mein Brustkorb hatte praktisch keinen Platz mehr, sich zu bewegen, und ich fing an zu ersticken. Ich spürte, dass ich es nicht mehr lange aushalten würde, und daher begann ich, wie es mir der Priester beigebracht hatte, zu beten. Ich versuchte, mit meinen Gedanken zu Gott zu gelangen. Aber in diesem Moment fiel mir ein, dass meine Mutter sehr weinen würde. Sie tat mir sehr leid und ich dachte, dass es schade ist, wegen so einer Kleinigkeit zu weinen. Dann verlor ich mein Bewusstsein. Eigentlich hatte ich damals keine Angst. Das war, glaube ich, möglich, weil Kinder noch keine Bindungen haben. Als ich wieder zu mir gekommen war, lag ich im Bett, der Arzt saß neben mir und ich hustete blutiges Heu. Mein Brustkorb, der bis heute krumm ist, schmerzte. Er wurde verletzt, als man mich aus dem Loch herauszog. In meiner Kindheit verlor ich oft mein Bewusstsein, aber ich habe mich weder gefürchtet noch dagegen gewehrt. Wenn ich so zurückblicke, wäre es für mich keine große Sache gewesen, für ein Ideal mein Leben zu geben.

Als ich Arzt wurde, mussten wir einen Eid auf unser Vaterland und besonders auf unseren für immer gewählten Präsidenten Ceaucescu ablegen. Jeder von uns tat es ohne mit der Wimper zu zucken. Wir waren zu jeder Zeit gerne bereit zu lügen, da es keine andere Möglichkeit zu überleben gab. Niemand wollte sich freiwillig töten lassen. Das Problem lag weniger darin, dass wir gezwungen waren, immer wieder zu lügen, als dass man einfach nichts mehr ernst genommen hat, weder das, was andere sagten, noch seine eigenen Worte. Worte und Unterschriften zählten nicht mehr und am Ende hat man selbst auch nicht mehr gezählt. Das Leitmotiv lautete: Das sagen wir, das unterschreiben wir, aber wir denken ganz anders. Nicht nur die führenden Kommunisten, sondern auch wir haben von uns selbst nicht mehr viel gehalten, weil uns alles genommen wurde: nicht nur unser physisches Eigentum, sondern auch unsere Ehre, sogar unsere Moral. Das Leben bestand nur aus Dahinvegetieren, aus oberflächlicher, leerer Plapperei, aus dem Flüstern eines politischen Witzes, und bei all dem wurde natürlich regelmäßig und ausgiebig Alkohol getrunken. In diesem dunklen Alkoholrausch, am Horizont der Unmöglichkeit, tauchte als Fata Morgana der süße Traum von der Freiheit, von menschlicher Würde auf. Zum Glück konnte ich mich an diesen Traum klammern. Das war mein inneres Leben, ich labte mich an diesem Traum und fand in ihm Trost, wenn ich mich nicht gerade mit Alkohol tröstete. Der Alkohol diente der Flucht vor der Wahrheit, aber dieser Traum war der Keim einer potentiellen Wiedergeburt.

Es gab immer wieder einige starke Charaktere, die ihre Meinung sagten und für die gute Sache zu kämpfen versuchten, aber diese Leute sind später verschwunden. Entweder kehrten sie nach vielen Jahren als Nervenkranke zurück oder die Verwandten erhielten nicht einmal eine Nachricht von ihrem Tod. Deshalb hatte jeder Angst. Nur derjenige konnte sich sicher fühlen, der klug genug war, sich vor jedem zu fürchten.

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