Ich rede nur über meinen Guru

Die Beziehung Guru
Das, worüber ich hier schreibe, könnte dem einen oder anderen von euch auf seinem eigenen Weg etwas helfen, mit dem Wesen „Guru“ besser auszukommen. Jeder Weg ist individuell, so wie wir alle individuell sind, aber vielleicht birgt jeder Weg ein bisschen Inspiration in sich.
Unser ganzer spiritueller Weg spielt sich eigentlich in der Verbindung mit dem Meister ab. Je nachdem, wie wir mit dieser Verbindung umgehen können, fühlen wir uns gut oder schlecht. Ganz am Beginn meiner inneren Schule habe ich Guru als meinen Freund betrachtet und Ihn schön in der Schublade meines Verstandes verstaut, die ganz groß mit „Freund“ bezeichnet war. Das ging eine Zeit lang sehr gut, bis sein Benehmen den Rahmen der Schublade sprengte. Der Bewohner meiner Schublade entsprach nicht mehr meiner mentalen Vorstellungen eines Freundes. Das schmerzte mich eigentlich sehr, da ich mich mit dieser Beziehung sehr wohl gefühlt hatte und auch sehr stolz darauf war, einen solchen Freund zu haben.
 Ich entdeckte, dass Guru mehr als ein Freund ist und ich konnte Ihn nicht so klein halten, wie es mir gepasst hätte. So bekam er eine viel größere Schublade mit der Aufschrift „Meister“. Mit dieser Situation konnte ich mich langsam gut anfreunden und sehr lange Zeit auskommen, da ich in die Schublade auch meine Freundfaktoren hineingestopft hatte. Diese Zeit war auch nicht ohne, denn ich musste immer wieder die Schublade reparieren, zurückdrücken, wo es ging, oder vergrößern, wo es nicht anders ging. Diesmal platzte eigentlich die Schublade nicht plötzlich auf, aber langsam vergrößerte sie sich derart, dass ich ihr eine neue Aufschrift geben musste: „Gott“. Dann kam eine Zeit, wo ich die beiden Aufschriften je nach Gefühl und Situation wechselte, bis mir das zu viel wurde und ich beide Bezeichnungen nebeneinander stehen ließ.
Als dann auch diese Schublade zu klein wurde und aufsprengte, bedeutete das für mich ein wahres inneres Erdbeben. Es war einfach zu viel für mich. In meinem Verstand blieb nur ein Scherbenhaufen über und alles, was ich über meinen Guru glaubte zu wissen, war dahin. Es war ein richtiger Schock. Ich wundere mich auch heute noch, wie leicht und eigentlich wie relativ schnell ich mit dem Ganzen fertig geworden bin. Ich habe nämlich ausnahmslos alle Schubladen in meinem Verstand vernichtet. Es gibt keine einzige mehr. Jetzt hat nichts mehr einen eingegrenzten Platz und so hat alles genug Platz. Damals musste ich öfters an Sri Ramakrishnas Spruch denken: „Setze Gott keinen Grenzen.“ Ich konnte mir bis dahin nur begrenzt vorstellen, was damit gemeint ist, jetzt verstand ich es.
 Mein Leben ist jedenfalls dadurch sehr einfach geworden, da ich jetzt niemandem mehr Grenzen setze; weder Freund noch Feind. Es gibt zum Beispiel keine scharfe Trennlinie mehr zwischen dem Umstand, ob mich jemand beschenkt oder ob mich jemand bestielt. Es gibt eigentlich keine Beleidigung, kein Urteil usw. mehr, es ist nur mehr die Erfahrung geblieben; weil alles überall Platz hat. Es gibt keine Grenze, deren Verletzung mir weh tun könnte. Es ist sehr bequem und ruhig, ohne Schubladen und Regale zu leben, da es ohne vorgegebene Plätze auch keine Erwartungen gibt. Mir ist alles egal. Aber spirituell formuliert ist mir alles eins.
Obwohl das Schubladenspiel vorbei ist, glaube ich schon, dass es absolut wichtig ist, dieses Spiel richtig zu spielen, die Schubladen zu wechseln, zu vergrößern, neu zu beschriften usw. Sonst könnte es nämlich passieren, dass eine explosionsartige Schubladensprengung unsere Verbindung zum Meister auch mitreißt.
Meine Verbindung mit Guru hat sich schlagartig geändert. Sie hat sich von den Wurzeln – von der Persönlichkeit – abgerissen.
Guru ist niemand, deswegen ist Guru jeder. Guru ist nicht bzw. Guru gibt es nicht, deswegen ist Guru für jedermann. Das ist die Essenz meiner Erkenntnis.
Es gibt keinen Guru, vor dem du Angst haben musst. Ich sage dir mit Nachdruck: Von einem rein menschlichen Gesichtspunkt aus betrachtet existiert kein Mensch, der Guru ist. Es gibt keinen Guru, der eine bestimmte menschliche Persönlichkeit hätte, der dich irgendwie in deiner freien Entscheidung hindern würde oder dich zur Verantwortung ziehen würde, der dich, mit dem Ziel dich zu beherrschen, in die eine oder andere Richtung beeinflussen würde, dich kommandieren wollte oder dir seine Größe zu zeigen suchte. Es gibt keinen Guru, der auf dich böse wäre, beleidigt wäre. Einen bestimmten Menschen „Guru“ gibt es nicht, er ist für jedermann. Seinen Blick verstehst du, weil er für dich spricht, aber jenen Blick verstehen gleichzeitig noch hunderte andere, weil er für jeden spricht. Und das alles läuft ganz natürlich, ohne Anstrengung ab, eben deswegen, weil hinter Guru kein Mensch steckt. 
Es gibt aber einen Guru, der alles für deinen inneren Fortschritt tut. Wenn es deinem inneren Fortschritt hilft oder für dich notwendig ist, ist er bereit, für dich den Zufriedenen, aber auch den Beleidigten, den Sanften, aber auch den Strengen zu spielen, aber ohne dass wirkliche Schauspielerei involviert wäre. Alles läuft wieder auf ganz natürliche Weise ab. Und weil Er bereit ist, für dich auf jeder menschlichen Ebene zu spielen, damit du verstehst, legst du Ihn entsprechend deiner mentalen Auffassung in eine bestimmte Schublade. Dann weißt du auf sehr kluge Weise, dass Guru so ist, Guru hat diese oder jene Eigenschaft. Aber das stimmt wieder nicht, weil Guru endloses Bewusstsein ist, das immer dorthin fließt, wo es benötigt wird und das immer die Form annimmt, die notwendig ist, um das Spiel Gottes zu vollenden.
 Es gibt einen menschlichen Körper, in dem mein Guru wohnt. Mein Guru ist das Bewusstsein, das jedermann ist oder sein kann, ich natürlich auch. Mein Guru – das bin auch ich – ich, damit meine ich meinen höheren Teil. Und gerade weil Guru als Persönlichkeit nicht existiert, kann ich von Ihm nicht getrennt werden. Das ist mir erst bewusst geworden, nachdem mir klar wurde, dass Guru kein Mensch ist oder kein Mensch Guru ist, besser gesagt, seitdem ich erkannt habe, dass Guru in keine Schublade passt.
Meine wahre, ewige Existenz, die hinter meiner  Persönlichkeit verborgen im ständigen Jetzt lebt, ist der Ort, wo die feste Verbindung stattfindet. Das verhält sich aber nicht nur bei mir so, sondern bei dir, bei deinem „Ich“, bei seinem „Ich“, bei uns allen, die das Privileg haben, Ihn als ihren Guru nennen zu dürfen. Diese Verbindung fand schon lange statt, bevor ich mir ihrer Existenz bewusst geworden bin. Sie ist unabhängig davon, ob wir sie kennen oder nicht.
Wenn ich vor meinem Guru Angst habe oder von Ihm Abstand halten will, habe ich Angst vor mir selbst. Dann muss ich in mich selbst schauen und herausfinden, welcher Teil es von mir ist, mit dem ich nicht konfrontiert werden will. Welcher versteckte Teil in mir stellt sich gegen den Erweiterungsprozess, der durch die Meditation in Gang gesetzt wurde? Das muss ich herausfinden und diese versteckten Teile von mir muss ich bedingungslos offenlegen, damit ich fühlen kann: Ich bin Guru beziehungsweise der Guru ist ich.
Wenn man den Guru kritisiert oder über Ihn ein Urteil fällt, ist man sich sehr wohl der eigenen Persönlichkeit bewusst, aber nicht der eigenen tieferen Existenz. In jenem Bewusstseinszustand erkennt man nicht, dass Kritik und Urteil absolut fehl am Platz sind: denn es gibt keinen Menschen, der die Kritik bzw. das Urteil empfangen würde. In solchen Fällen zieht man sich in sein Ego zurück, trennt man sich von der wunderbaren Weite der Existenz. Und weil man einen zu engen Schuh angezogen hat, leidet man. Stattdessen sollte man einen Schubladenwechsel oder eine Schubladenvergrößerung in Erwägung ziehen, weil die gesetzten Grenzen anscheinend erreicht oder sogar überschritten worden sind.

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