Ich habe sie verloren

Ich habe die Zukunft verloren. Es gibt sie nicht mehr für mich. Ich bin in einem Zustand, wo ich sie mir nicht einmal vorstellen kann, ich fühle sie nicht, ich sehe sie nicht. So habe ich keine Angst vor der Zukunft, weil sie für mich etwas Unrealistisches darstellt. Dieser Zustand ist sehr ungewöhnlich, denn seit ich mich zurückerinnern kann, habe ich mit der Zukunft, oder besser gesagt, für die Zukunft gelebt. Für sie habe ich gearbeitet, gelernt, gespart, für sie habe ich Sport getrieben und sogar Diät gehalten. Sie war meine viel versprechende –  aber gleichzeitig stur fordernde – ständig mir folgende, treue Lebensgefährtin. Sie war der Sonnenaufgang meiner dunklen, traurigen Zeiten, sie war das gelobte Land meiner lustigen Zeiten. Es gab einfach kein Denken, keine Existenz ohne sie. Als treue Lebensgefährtin war sie immer streng zu mir, man konnte mit ihr nicht scherzen, sie hatte keinen Sinn für Humor. Man musste sie immer ernst nehmen, sonst jagte sie einem gleich Angst ein. Mithilfe von Gedanken erschrak sie mich immer, denn sie wollte, dass man sie fürchtet und dass man hart für sie arbeitet.  
Mein Dasein ohne sie ist ein komischer Zustand. Nein, nicht dass sie mir fehlen würde, absolut nicht, im Gegenteil ich fühle mich vollständig ohne sie. Nur ist in ihrer Abwesenheit die Freiheit, die Unabhängigkeit unglaublich groß. Meine mentale Welt hat ihre Fesseln abgeschüttelt, das Denken ist nun sehr einfach, sporadisch, fast überflüssig.
Während die Tage mit dieser großen Leere (deren Platz nichts eingenommen hat) vergehen, beginnt mir klar zu werden, dass die Zukunft nie existiert hat, genau so wie sie jetzt nicht existiert. Das Ganze war eine Illusion, ein Traum, ein Albtraum. Ein Albtraum, weil sie mich immer zu etwas gedrängt hat, mich immer gestresst hat und mir immer ein Ziel nach dem anderen gezeigt hat, beziehungsweise in Form dieser Ziele immer neue Wünsche auf den Horizont des Lebens gemalt hat. Sie war die Dirigentin der chaotischen Kakofonie des Lebens.
Unlängst las ich, dass die Zeit nicht vergeht, nur wir vergehen. Das stimmt wirklich, denn die Zeit war immer, sie ist immer und wenn wir vergehen, bleibt sie für immer. Die Zeit ist zeitlos. Die Zeit ist Ewigkeit. Die Zeit ist eigentlich die zeitlose Gegenwart, nur verlassen wir sie. Im Auftrag unserer eingebildeten Zukunft hetzen wir uns ab und für einen mit Erwartungen infizierten Zustand geben wir unsere Gegenwart auf. So können wir leider nicht richtig leben. Doch leben wir eigentlich ständig in der zeitlosen Gegenwart für die Ewigkeit, auch nachdem wir die Ebene gewechselt, unsere Körper aufgegeben haben. So etwas wie Zukunft gibt es gar nicht, sie lebt nur in unserer Vorstellung.

Das ist also mit mir passiert. Das, was wir gemeinhin als Zukunft bezeichnen, ist nicht mehr anwesend, hat aufgehört zu existieren.

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