Die Einweihung

Nachdem ich das Buch „Meditation” von Sri Chinmoy in drei Tagen gelesen hatte, überkam mich das Gefühl, dass dieses Buch für mich geschrieben wurde, ja es war, als ob ich es selbst geschrieben hätte. Dieses Buch ergänzte alles an mir, was mir gefehlt hatte, und erfüllte mich mit tiefer Befriedigung. Keine Fragen blieben unbeantwortet. Zuvor hatte ich noch nie eine derartige Sättigung in meinem Wesen gespürt. Ich erinnere mich, dass mich das Buch so sehr mitriss, dass für mich die Außenwelt während des Lesens völlig aufhörte zu existieren, weil es mir auf meine Lebensprobleme eine Lösung anbot. Dieses Buch vermittelte mir die Botschaft, ruhig so zu sein wie ich selber bin, weil die Nachahmung der Welt mich nicht glücklich machen kann. Es sagte mir, dass die bedingungslose Güte die beste langfristige Investition sei.

Es stimmt völlig, wenn ich feststelle, dass ich keine Ahnung hatte, was ein Meister ist. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal von der Existenz eines Meisters gehört. Aber es war mir hundertprozentig bewusst, dass dieses Buch mein Leben vollkommen verändern würde. Ich wollte unbedingt wissen, ob es die innere Welt gibt, und wenn ja, was das ist. Mir war aber auch klar, dass ich die Antworten auf die Frage nach der Seele und nach der inneren Welt nur dann erhalte, wenn ich mich hinsetze und selbst Erfahrungen in der Meditation sammle. Wohl wissend, wie  schwer es ist, irgend ein Unterfangen beharrlich und ausdauernd durchzuziehen, legte ich das Gelöbnis ab, ein Jahr lang, egal was passieren würde, nach den Lehren Sri Chinmoys zu leben, selbst wenn meine Existenz dadurch zugrunde gehen würde. Mit dieser großen Entscheidung stellte ich den Wecker auf sechs Uhr früh und stand dann am 27. Dezember 1987 das erste Mal auf, um den Tag mit einer Meditation zu beginnen.

Nachdem ich mich geduscht hatte, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und überlegte, was ich nun machen sollte. Zuerst riss ich das sogenannte Transzendentale Foto des Meisters aus dem Buch und legte es auf meinen Tisch. Dann suchte ich mir auf meinem Stuhl eine bequeme Stellung und versuchte mir – so wie ich es im Buch gelesen hatte – in meinem Herzen einen Blumengarten vorzustellen, in welchem ich als kleines Kind mit Blumen spielte. Ich schaute auf meine Uhr, es war sechs Uhr und 22 oder 23 Minuten. Dann schloss ich meine Augen, um mir den Garten meiner Großmutter besser vorstellen zu können. In meiner Kindheit waren sehr viele Blumen im Obstgarten in Nyújtód. So stellte ich mir vor, dass ich von einer Blume zur nächsten gehe und ich sie alle bewundere.

Kaum war ich bei der dritten Blume angelangt, als ich plötzlich spürte, wie zwei zarte, weiche, warme Hände meinen Nacken von hinten ergriffen. Mein Kopf wurde von den Händen, die ein Körbchen bildeten, erfasst. Es war, wie wenn jemand, der hinter dir steht, deinen Kopf mit seinen zwei Händen zart, aber fest halten würde. Ich möchte jedenfalls betonen, dass es ein absolut körperliches Gefühl war. Ich konnte deutlich auch die Wärme der Hände spüren. Die Hände waren eher klein, trocken und warm. Das war zweifelsfrei eine materielle Tatsache.

Vor Schreck war ich erstarrt – völlig unfähig zu jeglicher Bewegung. Diesen Zustand könnte ich auch als Lähmung bezeichnen. Stellen Sie sich vor, Sie wissen, dass außer Ihnen niemand in Ihrem Zimmer ist. Alles ist still, auch die Stadt ist still, es ist ja ein Feiertag, und plötzlich greift Ihnen jemand an den Hals. Wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, hätte ich gebrüllt, aber ich war wie gelähmt. Ich war buchstäblich starr vor Angst. Mein rasendes Herzklopfen empfand ich als sehr unangenehm, das Herz galoppierte nur so vor Schreck. Aber lange konnte ich diesen Dingen nicht meine Aufmerksamkeit schenken, weil die fremden Hände plötzlich meinen Kopf mit einem kräftigen Ruck nach oben zogen. In diesem Moment bemerkte ich, dass mein Kopf wuchs. Man muss sich vorstellen, plötzlich war mein Kopf zweimal so groß wie normal. Und es handelte sich keinesfalls um eine Einbildung, es war ein völlig körperliches Gefühl. Das wusste ich, das habe ich gespürt. Ich nahm es zur Kenntnis und im Grunde war es nicht schlimm, eigentlich sogar sehr angenehm. Das Problem lag nur darin, dass ich immer noch mit meiner Angst beschäftigt war. Das menschliche Herz, dachte ich, konnte dieses Tempo nicht lange durchhalten. Ich hatte einfach Angst, dass ich sterben würde. Aber es lief auf etwas Anderes hinaus, meine Angst spielte keine Rolle und der ausgelöste Prozess war unaufhaltbar. Kaum hatte ich mich ein wenig gefangen, rissen die Hände meinen Kopf wieder hoch. Er wurde wieder größer und war nun ungefähr einen Meter breit. Das ist ein sehr interessantes Gefühl, wenn der Kopf einen Meter breit ist. Alles ist so frei dort oben.

Ich wartete nur und wagte mich nicht zu bewegen, aber lange sollte ich nicht warten. Nach dem dritten Riss füllte mein Kopf das ganze Zimmer aus. Aber diesmal stellte ich ein interessantes zusätzliches Phänomen fest: Gemeinsam mit meinem Kopf hatte nun auch mein Körper angefangen zu wachsen. Die Ausdehnung hatte also ursprünglich in meinem Kopf begonnen und dann meinen ganzen Körper erfasst. Meine Hände, meine Brust und mein ganzer Körper vergrößerten sich. Diese Erfahrung wurde immer aufregender. Nur mein Herz hörte nicht auf, heftig zu klopfen, ja dahinzurasen, es schien mir sogar, als ob sich mein Puls bei jedem Stoss verdoppelt hätte. Das war sehr störend, da ich mein Herzklopfen sehr laut vernehmen konnte und es bereits in meinem ausgetrockneten Hals spürte. So erlebte ich parallel ein für mich bisher unbekanntes Maß an Angst und zugleich eine einmalige, übersinnliche, aufregende, wunderbare Erfahrung.
    Inzwischen spürte ich den Zug der Hände nicht mehr, es hatte sich vielmehr daraus eine immer wiederkehrende, pulsierende, den ganzen physischen Körper einschließende Selbstüberschreitung entwickelt. Ich erfuhr bei jedem neuen Ausdehnungsschlag ein noch größeres Wachstum. Beim ersten Ruck ist mein Kopf eine Spanne größer geworden, beim zweiten einen Meter, beim dritten erreichte er die Größe des Zimmers und so ging es weiter. Beim vierten oder fünften Pulsschlag erhob ich mich über unser Haus. Nun war auch schon mein Körper an diesem Prozess beteiligt. Mit dem Wachstum änderten sich die Proportionen zwischen meinem Körper und der Welt. Ich befand mich nicht nur mit meinem Kopf, sondern auch mit meinem Körper hoch oben und schaute auf das Haus herunter, das sich eigentlich in meinem vergrößerten Körper befand. Damals wohnte ich mit meiner Familie in einem neuen Haus mit zehn oder zwölf Wohnungen. Von oben sah ich das dunkle Dach und die Schornsteine. Das war sehr interessant, ich konnte alles einwandfrei erkennen. Das habe ich schon genossen. Wäre nur mein Herz ruhiger gewesen! Es wollte aber mit dem wilden Tanz nicht aufhören.
    Viel Zeit blieb mir nicht das Haus zu betrachten, denn schon traf mich der nächste Pulsschlag, Stoß oder die nächste Ausdehnung, welcher Begriff am besten zutrifft, kann ich selbst nicht sagen. Jetzt konnte ich mir schon ganz Wien, die beleuchteten Strassen, die Kirchen, die ganze vom Licht der Straßenlampen erhellte Stadt anschauen. Mit jedem Pulsschlag wurde die Ausdehnung noch größer und ich sah alles von oben, weil sich mein Körper unglaublich schnell vergrößerte. Als ich bereits die ganze Stadt überblickte, hatte ich das Gefühl, daß meine Finger größer als die große Gebäude sind. Wegen der enormen Größe meines Körpers war die ganze Stadt in mir. Mein Kopf ragte darüber hinaus, und wenn ich auf die Stadt hinunterblickte, sah ich sie in mir selbst.
    Beim nächsten Stoss erfuhr ich ein derartiges Wachstum in meinem Kopf und in meinem ganzen Körper, dass ich bereits die Erde sehen konnte. Auch die Erde befand sich in meinem Körper. Mein Kopf ragte weit darüber hinaus, so konnte ich den Horizont betrachten. Nicht nur das Ausmaß der Ausdehnung, sondern auch deren Geschwindigkeit war atemberaubend. Nach jeder Wellenbewegung musste ich tief einatmen und ich spürte, dass es unmöglich sein würde, mich noch weiter auszudehnen. Aber die nächste Welle belehrte mich eines Besseren, und so stellte ich fest, dass ich in das Unendliche gewachsen war – aber dann kam wieder ein neuer Schub. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass das Unendliche kein Ende hat. Es gibt keinen Zustand, den man als das Unendliche bezeichnen könnte, weil man das Unendliche nicht erblicken kann. Man kann das mit einem Gefühl, einem Gedanken, einem Satz nicht beschreiben.

Als ich die Erde verließ und in das Weltall hineinwuchs, war die Erde ungefähr noch so groß, wie es manchmal die untergehende, nicht mehr blendende rote Sonne ist. Es war ein wunderbares Gefühl, mit einem grenzenlosen, enorm großen Körper frei zu existieren, zu schwimmen oder, noch besser gesagt, zu pulsieren. Das schönste war dabei die Freiheit, der Zustand, nicht mehr zur Erde gebunden zu sein. Wenn ich meinen in meinem Schoß ruhenden Daumen bewegte, spürte ich, dass sich da das Gewicht des Himalajas bewegte. Es war unglaublich, dass ich fähig war, solche Massen zu bewegen, zu beherrschen. Die Perioden zwischen den Wellen wurden immer länger. Die unendliche Weite bewirkte in mir eine Ruhe, aber das Ausdehnungsmaß vergrößerte sich dafür nach wie vor in unfassbarer Weise. Ich hatte mehr Zeit, herumzuschauen, aber gleichzeitig wuchs ich vom Unendlichen ins Unendliche. Das sind nur Worte, aber stellen Sie sich einmal vor, dass sich Ihr physischer Körper tatsächlich vom Unendlichen in das Unendliche ausdehnt. Für den menschlichen Verstand ist das jenseits aller Vorstellungskraft, ist das „non plus ultra“. Dieses Erlebnis war so überwältigend, dass ich nach jeder einzelnen Ausdehnung kaum atmen konnte. Über viele, viele, viele Planeten wuchs ich hinaus. Sie sind alle in mir geblieben und verschwanden nur wegen meiner Aus-dehnung, weil sie für meine nächste Größe einfach fast unsichtbar klein wurden. Einen enorm großen Planeten konnte ich in der Ruhephase sehr gut und nahe beobachten, weil er gerade durch meine Brust durchfuhr. Ich habe seine Oberfläche ausgezeichnet gesehen, sie war nicht bunt, sondern nur schwarz und weiß. Ich hätte die Felsen und die Steine berühren können. Das war wunderbar, wie kleinere und größere Planeten wie Meteoriten durch meine verschiedenen Körperteile einfach nur so durchgefahren sind. Dann erreichte die Ausdehnung des Unendlichen ein so großes Ausmaß, dass ich zu mir sagte, „nun Fülöp Sanyi, findest du nicht mehr auf die Erde zurück”. Nachträglich denke ich, dass ich mit dem Universum eins wurde. Damals dachte ich aber gar nichts, ich erlebte nur alles. Die Unendlichkeit des Universums besteht nicht nur aus ihrer unermesslichen Größe, sondern auch daraus, dass sich seine unmessbare Weite durch ein rhythmisch atmendes Pulsieren vergrößert. Das Unendliche lässt sich nicht als statischer Zustand, sondern als dynamische, immer über sich selbst hinauswachsende, unendliche, grenzenlose Freiheit erleben, die rhythmisch in die nachfolgende grenzenlose Freiheit hineinpulsiert. Dieser Pulsschlag ist die Grundlage von allem. Die Kraft, die das Universum rhythmisch pulsieren lässt, ist die Kraft, die auch in den Lebewesen die rhythmische Atmung, den rhythmischen Herzschlag bewirkt, die die Bewegung der Planeten und den Wechsel der Jahreszeiten hervorruft.
    Nachdem ich dies alles erlebt hatte, wachte mein Verstand aus seiner Lähmung auf und folgender Gedanke tauchte auf: All dies ist wunderbar, aber du hast zwei Söhne, du hinterlässt zwei Waisen. Wenn noch eine Ausdehnung kommt, kannst du nicht mehr zurück. Es wird dann unmöglich sein zurück zu finden. Immer verdirbt der Glaube an das Unmögliche das Spiel. Wir sind wirklich komische Wesen. Obwohl unsere Quelle im Unendlichen liegt, beharren unsere Wurzeln krampfhaft auf dem Endlichen, wie wir zum Beispiel anhand dieses starken Pflichtbewusstseins erkennen können. Ich fing an, die Erde zu suchen. Um meinen Nabel herum, was bei meiner Größe, unermesslich weit weg war, fand ich sie. Genau so wie die anderen Himmelskörper in jene Weite, war der Planet Erde auch nicht größer als der Kopf einer Stecknadel so winzig, dass ich sie nichteinmal erkennen konnte. Ich wusste nur intuitiv, dass dieses Pünktchen unter den vielen kleinen Punkten, die alle in mir waren, die Erde ist.
    Dann verfiel ich in Panik. „Ich will weg von hier, ich muss meine physische Augen öffnen, ich muss auf die Erde, in das Endliche zurück“, diese Gedanken schossen durch meinen Kopf. So sträubte ich mich gegen diese wunderbare, sich ausdehnende, grenzenlose Kraft. Sie war nicht gewaltsam, sondern ließ mich los, und so stürzte ich dann hinab. Als ich meine Augen öffnete, erblickte ich meinen Schreibtisch, er war unglaublich winzig. Ich habe ihn so winzig gesehen, weil ich meine Augen als so groß empfand. Während des Sturzes wurde der Tisch immer größer und größer. Es war wie in einem Film oder Computer-Spiel, in dem sich etwas mit ungeheurer Geschwindigkeit nähert.

Dann hörte ich in meinem Kopf einen Knall, und ich fand mich liegend auf dem Boden wieder. Ich weinte, ich weinte sehr, atemlos. Ich weinte, weil ich wieder hier war, wieder hier, wo ich nur ein Wurm bin. Dort war ich das Kind des Königs des Universums, ich konnte mit den Planeten spielen. Aber bereits während des Weinens, von Anbeginn meiner Rückkehr an, wusste ich schon, dass ich diesen Zustand mit meinem freien Willen nach Belieben immer wieder erleben kann, wenn ich den Weg zu Ende gehen würde. Als ich mich mit Mühe erhob, hatte ich das Gefühl, dass ich wohl eineinhalb oder zwei Stunden in dem beschriebenen Zustand verbracht hatte. Zu meiner Überraschung stellte ich aber fest, dass nur sieben, acht Minuten vergangen waren, seit ich mich zum Meditieren hingesetzt hatte. Ich glaube, dass sich die Zeit in der inneren Welt in einer anderen Dimension bewegt, oder gar nicht bewegt.
    Was war wirklich passiert? Was war das? Ich war so dumm oder naiv, dass ich keine Ahnung hatte, ob mein Erlebnis überhaupt mit Sri Chinmoy zusammenhing. Wenn ich schon ein Wunder erlebte, das in mir meine ganze Weltvorstellung und meinen Materialismus auf den Kopf stellte, wie sollte ich es anderen Menschen mitteilen, so dass sie es mir auch glauben würden, damit auch sie die Welt aus einer ganz anderen Perspektive betrachten konnten? Zuerst erzählte ich es meiner Frau. Sie hörte mir nüchtern zu und sie glaubte mir wirklich jedes Wort, aber trotzdem konnte ich ihr die Erfahrung nicht richtig vermitteln. Sie konnte es einfach nicht mitfühlen, sie konnte einfach meine begeisterungsvolle Entdeckung nicht miterleben. Aber wie hätte sie so begeistert sein können, wo sie damals doch noch selbst über keine innere Erfahrung verfügte. Meine Frau wusste über Meditation und innere Welten ebenso viel, wie mir noch zwei Stunden zuvor bekannt war. Das alles erzählte ich auch einem meiner Freunde. Er fragte mich gründlich aus und erkundigte sich, ob ich Marihuana geraucht oder einen besonderen Tee getrunken hatte, bzw. wann wir zum letzten Mal Speisen mit Pilzen gegessen hatten. Schließlich musste er feststellen, dass sich für die Entgleisung meiner Verstandesfunktionen keine objektive Erklärung finden ließ. Ich sollte mich jedenfalls – so sein guter Rat – in der nächsten Zeit sehr gründlich selbst beobachten und eventuell den Rat eines zuständigen Kollegen einholen. Ein persönlich erlebtes Wunder, so stellte ich fest, kann den Glauben anderer Menschen nicht kräftigen, nein, nicht einmal berühren. Wir versuchen vergebens, derartige Erfahrungen weiter zu vermitteln.

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