Der Maßstab der Spiritualität

Jemanden zu lieben, der uns liebt, ist keine Kunst. Jemanden zu lieben, der uns nicht liebt, ist göttlich.

Die zu lieben, die uns lieben, ist absolut normal, daran ist nichts Erhabenes. Das tun auch Tiere. Mein Hund Beauty zum Beispiel liebt auch die, die vor ihm Angst haben oder ihm keine Zuneigung schenken. Er würde am liebsten auch diese Menschen abschlecken und mit ihnen kuscheln. Es spielt genauso gerne mit Hunden, die ihn anknurren oder nach ihm schnappen. Dabei wälzt er sich auf dem Rücken oder springt freudig herum. Menschen lieben für gewöhnlich ihre Kinder, ihre Familie, Freunde oder die, die ihnen ähnlich sind und sich in ihrem Kreis befinden. Doch was ist mit denen außerhalb dieses Kreises? Das Ego des Menschen umhüllt die Liebe in mehreren Schichten, sperrt sie ein, portioniert sie, verteilt sie je nach Verdienst oder entzieht sie jemandem wieder. Menschliche Liebe kennt keine Bedingungslosigkeit. Sie hat ihre Grenzen und kann sich unter Umständen in Hass verwandeln. Göttliche Liebe umarmt auch die, die sie nicht lieben oder sogar hassen. Wenn Göttliche Liebe in den Menschen Einzug hält, wird der Mensch zum Gottmenschen. Der Gottmensch liebt einfach. Er muss nicht einmal vergeben: Seine Liebe bildet nämlich eine undurchdringliche Schutzwand um ihn herum, weshalb er nicht verletzt werden kann. Der Gottmensch liebt spontan, ungewollt. Er kann nicht mehr anders, seitdem Göttliche Liebe in ihm eingezogen ist. Seine Liebe ist mit Mitleid gepaart, weil er sieht, dass die, die nicht lieben, nur leiden. Er versucht also, den inneren Winter in anderen zum Schmelzen zu bringen. Der Gottmensch liebt auch die, die wie erschrockene Igel stachelig umherwandern. Er liebt die kaum sichtbare Knospe der Rose zwischen den Dornen, weil er in ihr bereits die vollständig erblühte duftende Blume sieht. Das ist auch das Geheimnis der Göttlichen Liebe. Sie liebt die Tiefe, nicht die Oberfläche. Nicht was sie sieht, sondern was sie spürt. Sie beachtet nicht die Dornen, sondern bewundert die Rose. Was soll uns über einen entwickelten Hund stellen, wenn nicht die Kultivierung der Göttlichen Liebe in Ihrer Wiege tief in uns? Was unterscheidet uns von der Masse der Menschen, wenn wir, nachdem uns jemand beleidigt oder verletzt hat, unsere Liebe zurückziehen? Ist nicht Liebe der Maßstab der Spiritualität?

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