Der dritte Wunsch

Ich dürfte ungefähr zehn oder elf gewesen sein, als meine Mutter und ich wieder einmal nach Nyujtod fuhren. Meine Mutter war dort geboren und in den Sommerferien brachte sie uns, meinen Bruder und mich, immer zur Großmutter. Ich liebte die Großmutter sehr, weil sie ein sehr guter Mensch war. Die Erwachsenen sagten sogar, sie war zu gut, wie ich immer wieder zu hören bekam. Innerlich fühlte ich mich ihr sehr nahe. Das zeigte sich daran, dass ich in ihrer Nähe immer sehr glücklich war, ich habe sie wirklich sehr geliebt. Aus diesem Grund machte mich sogar die Reise zu ihr brav und gut, um so mehr, als ich diesmal mit der Mutter alleine war. Ich weiß nicht mehr, wo mein Bruder damals war, aber so hatte ich niemanden, mit dem ich streiten konnte. Keiner redete mir in mein Spiel hinein, ich konnte den Zug ganz alleine starten und stoppen und ich pfiff auch dazu.

Wenn wir von meinem Geburtsort Ditro (Siebenbürgen) nach Nyujtod fuhren, mussten wir von der Hauptlinie der Bahn Richtung Kronstadt, auf eine Nebenbahn umsteigen. Hier fuhr ein altmodischer langsamer Zug, so einer, den man in Cowboy-Filmen sehen kann. Der Zug hatte eine offene Plattform und fuhr sehr langsam, und im Sommer konnte man auf der Plattform gut spielen. Die Stadt, in der wir umsteigen mussten, war schön, klein und hatte einen schweren, langen Namen, sie hieß Sepsiszentgyörgy. Nur einmal am Tag, und zwar in der Früh, kam der Zug auf dieser Nebenbahn in die Stadt und fuhr am Abend dann wieder zurück. So mussten wir den ganzen Nachmittag warten und kamen erst abends in einer nahegelegenen Stadt an, von der wir mit dem Autobus noch in unser Dorf gelangten. Die Fahrt dauerte einen ganzen Tag, obwohl die Distanz nicht mehr als gute zweihundert Kilometer betrug. Das schlimmste war die lange Wartezeit beim Umsteigen. Nachdem wir am Bahnhof unsere mitgebrachte Jause verzehrt hatten, nahm uns meine Mutter jedes Mal in die Stadt mit, wo wir ein Eis erhielten, und da es nichts Besseres zu tun gab, gingen wir in die Kirche beten.

Auch diesmal hatten meine Mutter und ich das gleiche Programm. Meine Mutter erzählte mir noch im Zug, dass wir ausnahmsweise in eine andere, kleinere Kirche gehen würden. Das war deshalb von Bedeutung, weil man sich von Gott drei Dinge wünschen kann, wenn man zum ersten Mal in eine Kirche geht, und wenn man dafür auch aufrichtig betet, würde Gott die Wünsche erfüllen, informierte mich meine Mutter. Sie empfahl mir, meine Wünsche sorgfältig auszuwählen, weil sie für mein ganzes Leben äußerst wichtig sein könnten. Ob sie es auch selbst geglaubt hat, weiß ich nicht. Es hätte auch sein können, dass sie nur wollte, dass ich mit dem Pfeifen aufhörte. Ich wusste als Kind immer schon, dass man Erwachsenen nicht trauen kann. Es gibt Dinge, die sie nicht ernst nehmen, obwohl sie ernst sind, in anderen Fällen aber machen sie aus Mücken Elefanten. Manchmal sind sie sehr schlau und täuschen die Kinder und bauen damit leider schlechte Programme in ihren kleinen Köpfen auf. Mit einem Wort, die Erwachsenen betrachten Kinder nicht als ebenbürtige Menschen und das macht sie eben zu Erwachsenen. Das ist ein echtes Manko der Erwachsenen. Ich wollte nie ein Erwachsener werden. Was ich leider bis heute nicht geschafft habe.

Jedenfalls nahm ich die Situation todernst und grübelte sehr lange darüber nach, was wirklich in meinem Leben wichtig war. Meine Mutter erklärte mir auch, dass ich niemandem meine Wünsche mitteilen dürfe, nicht einmal ihr selbst. Es könnte sein, dass dies auch zur Technik des Stillmachens gehörte. Ich habe ihr vertraut, da sie meine Mutter war, aber sie war doch auch nur eine Erwachsene. Weiter sagte sie, dass ich ihr nicht einmal später meine Wünsche mitteilen müsste, wenn ich nicht wollte. Ich kann mich erinnern, dass ich mit ihr alles noch im kleinen Zug besprochen hatte, aber sie wollte sich nicht mehr erinnern. Erst später, nach mehr als zwanzig Jahren, befragte ich sie über diesen Vorfall.

Wir saßen am Bahnhof und deponierten unser Gepäck in der Gepäckaufbewahrung, dann fuhren wir mit dem Autobus in die Stadt. Von der Stadtmitte gingen wir noch ein gutes Stück zu Fuß, bis wir die wirklich kleine Kirche erreichten.

Ich erinnere mich ganz genau, wie feierlich ich mich niederkniete, um meine Wünsche vor Gott zu legen. Meine erste Bitte war, dass Gott mir eine Lebensgefährtin geben möge, mit der ich nie streiten müsse. Der größte Wunsch eines jeden Kindes ist Friede, denn wenn der Friede weg ist, ist auch die Liebe weg. Ich konnte mich trotz ausreichender Übung nie an Streitereien gewöhnen.

Meine zweite Bitte war, ich möge viel Geld besitzen, um meine Eltern finanziell großzügig unterstützen zu können. Sie hatten immer finanzielle Probleme, was häufig Streitereien zur Folge hatte. Aus diesem Grund lebte ich als Kind im Bewusstsein, arm zu sein. Das hat mir später sehr geschadet, weil ich trotz des Besitzes von reichlich Geld an Kleinigkeiten gescheitert bin. Ich konnte nicht richtig reich werden, da ich an meine Armut glaubte.

Mein dritter Wunsch war – was auch immer mein Beruf sein möge – etwas ganz Großes, Wichtiges für die Menschheit zu tun, etwas, das jedem nützt. Heute weiß ich, dass dieser Wunsch unser aller Wunsch ist. Jeder von uns möchte etwas Wichtiges, Gutes für die Menschen tun, und jeder hat auch die Gelegenheit dazu. Wir müssen nur unsere Augen aufmachen, um die Chance zu erkennen und zugreifen, um sie umzusetzen.

Diese Geschichte lebte in mir sehr lange fort, aber dann vergaß ich sie. Als ich schon in Wien lebte, fiel sie mir wieder ein und ich erzählte sie meiner Frau. Die ersten beiden Bitten wurden auch erfüllt. Meine Frau und ich stritten nicht, und wenn etwas nicht gestimmt hat, dann verziehen wir einander schnell. Ehrlicherweise muss ich aber gestehen, dass es eher ihr Verdienst war. Sie musste mich ertragen. Ich war nämlich ein Herrschertyp und ließ mir sehr selten von anderen in meine Entscheidungen hineinreden, und noch seltener konnten andere meine Absichten ändern. Ja, ich erinnere mich sogar an Fälle, wo ich bemerkte, dass ich mich geirrt hatte und trotzdem meinen Irrweg zu Ende ging, nur um nicht eingestehen zu müssen, dass ich falsch lag.

Was meinen zweiten Wunsch betrifft, so reich bin ich nicht geworden, dass ich von meinem Kapital hätte leben können, aber ich hatte immer Geld. So kann ich meine alten Eltern unterstützen, aber das hilft nicht mehr viel. Sie haben sich so sehr an das Sparen gewöhnt, dass sie jetzt auch mein Geld sparen. Wir können jemandem helfen, aber wir können niemanden verändern.

Mit dem dritten Wunsch sah es allerdings nicht sehr rosig aus. Aus mir ist kein Wissenschaftler, kein Forscher geworden; ich habe mein Leben auch nicht für die Heilung großer Krankheiten geopfert – meine Chancen stehen also nicht sehr gut, etwas Positives für das Gemeinwohl zu leisten. Früher habe ich das Thema immer damit abgetan, dass wir im Leben nicht alles haben können und dass wir als Kinder einfach viel zu viel träumen. Aber ist nicht gerade das vielleicht doch das Richtige? Wäre es nicht richtig, unsere kindliche Offenheit und Reinheit zu behalten und an unseren kindlichen Träumen festzuhalten? Heute bin ich sicher, dass wir glücklicher leben würden, wenn wir statt an den materiellen Opportunismus an unseren kindlichen Idealismus als ewigen Lebensgefährten glaubten. Unsere Träume sind innere Wirklichkeiten, die wir mit Glauben und mit zäher Ausdauer an die Oberfläche bringen und in handfeste Wirklichkeiten umwandeln können.
Der dritte Wunsch lebt in jedem von uns und er kann geweckt werden, kann ins Leben gerufen werden, wenn wir von innen her beginnen.

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