Das spirituelle Leben

Als Kind, als Jugendlicher und teilweise auch noch als Student blickte ich mit großer Erregung in die Zukunft, ich erwartete so viel vom Leben. Mir stand ein großes Abenteuer bevor, die Erkenntnis einer neuen Welt, der Welt des Abendlandes. Dann verging die Zeit, und nachdem ich in etwas Neues hineingewachsen war oder etwas Neues erfahren hatte, wurden diese Erfahrungen sofort gewöhnlich und alltäglich, sogar langweilig. Ich erlebte alles zu schnell, durchschaute alles äußerst rasch und „verbrannte" gleichsam die neuen Erfahrungen. Ich könnte vielleicht sagen, dass ich alles schnell auslebte. So wurde mein Horizont leer und war nicht mehr interessant. Ist das Leben nicht mehr? Ist das der ganze Sinn des Lebens? Ist es möglich, dass man nur dafür zur Welt kommt? Ich konnte mich nicht damit abfinden, dass dies alles war, worauf ich so sehr gewartet hatte, worauf ich mich mit solcher Begeisterung gefreut hatte. Stimmt mit mir vielleicht etwas nicht? Habe ich zu hohe Erwartungen? So grübelte ich oft. Als Kind fühlte ich, dass das Leben viel mehr ist, tiefere Bedeutung hat, als ich jetzt erkennen konnte. Aber wohin ist es verschwunden, und was ist der Sinn des Lebens? Warum fand ich als Kind mehr Wert am Leben als jetzt als Erwachsener? Warum konnte ich damals ein viel tieferes Leben fühlen? Wie könnte ich jene weite Tiefe in mir wiederfinden? Wo liegt das Ziel, dem ich mich widmen oder dem ich entgegenlaufen könnte, für das ich mich   selbst und alles, was mir gehört, opfern würde? Hat das Leben nicht noch einen tieferen Sinn als die Erfüllung der Wünsche, die wir von unseren Instinkten diktiert und aufgezwungen bekommen? Diese Fragen tauchten in meinem Kopf immer wieder auf, und mit der Zeit wurden sie immer eindringlicher. Muss ich eigentlich immer und immer wieder die bis in meine Knochen einbrennenden Wünsche kopflos erfüllen? Ich fühlte mich erniedrigt, ja manchmal sogar erniedrigte ich mich selbst. Ich suchte letztendlich den Sinn des Lebens. Aber trotzdem war ich mir nicht bewusst, dass ich etwas suchte bzw. was ich eigentlich suchte. Ich wusste nur, dass ich so gerne etwas gefunden hätte, womit ich die Begeisterung und den Idealismus, den ich in meiner Kindheit besaß, wieder zum Leben hätte erwachen können. Ich wollte etwas finden, wofür es sich lohnte zu leben. Letztlich glaubte ich aber, dass es unmöglich ist, so etwas zu finden, weil das Leben anders ist, nämlich materialistisch, hart, grob und gleichzeitig immer wieder frustrierend.

Nachträglich erkenne ich, dass es für mich unvermeidlich war, mit dem spirituellen Leben in Berührung zu kommen. Das Buch „Meditation" von Sri Chinmoy war für mich faszinierend, weil es meine Fragen beantwortete und der Autor behauptete, ich könne ganz ruhig so sein, wie ich von Natur aus bin. So, wie ich geboren bin, so wie ich mich als Kind fühlte. Ich kann ganz einfach gut sein und brauche dem Trend der Menschen nicht zu folgen und die Welt nicht nachzuahmen. Ich werde nicht sterben, wenn ich gut werde. Vielmehr werde ich dann die Welt verbessern, weil es dann einen Schurken weniger auf der Erde geben wird. Das ist doch sehr schön, nicht wahr?

Das innere Leben

Wie schaut das „innere Leben" aus, wenn man es von der Ebene des Alltags aus betrachtet? Ich lebe mein Leben, spreche mit meinen Familienmitgliedern, reagiere auf ihr Verhalten, begrüße den Nachbarn, lächele seinem Kind zu, mache meine Arbeit, streite mich mit meiner Schwiegermutter, spiele mit meinen Kameraden Fußball und so weiter. Das ist mein äußeres Leben, das ist ganz normal und natürlich und auch für andere nachvollziehbar.  Während ich das alles mache, läuft gleichzeitig in mir mein inneres Leben ab. Das heißt, ich habe dabei meine inneren Gefühle, die für andere unsichtbar diese Aktivitäten begleiten, und die mein inneres Leben ausmachen. Innerlich erlebe ich auf diese Weise die Welt völlig individuell. Das ist mein inneres Leben und dieses sieht man nicht. Oft ist es durchaus vorteilhaft, wenn es unsichtbar bleibt, denn es kann vorkommen, dass ich mich meinem Chef gegenüber ausgesprochen korrekt und höflich benehme, ihn innerlich aber gleichzeitig zur Hölle wünsche. Innerlich mag ich also von einem Gefühl des Hasses überflutet werden. Das heißt, mein äußeres Leben harmonisiert nicht immer mit meinem inneren Leben. Darin liegt in der Mehrheit der Fälle der Grund für unser Unglücklichsein. Ich lebe nicht entsprechend meinen Gefühlen, ich verstelle mich also und wage nicht das zu zeigen, wie ich wirklich bin. Man kann auch sagen, ich lebe so, wie man es von mir erwartet und wie ich es von mir selbst infolge meiner Erziehung und meiner Hemmungen erwarte. Darin liegt nicht nur die Ursache unseres Unglücklichseins, sondern auch die Ursache vieler unserer Krankheiten. Von dieser Ebene her betrachtet haben alle bewusst oder unbewusst ein inneres Leben. Wie dieses innere Leben aussieht, das ist eine andere Frage. Ob es positiv oder negativ ist, kommt auf die Einzelperson an, kein Fall gleicht dem anderem. Man ist genau so weit vom Glück entfernt, wie sein inneres Leben den negativen Kräften wie Angst, Zweifel, Sorge, Eifersucht, Neid, Selbstbedauern und so weiter, ausgeliefert ist. Sobald sich jemand einmal bewusst wird, dass die Ursache seines Unglücklichseins im inneren Leben zu finden ist, weil er es dort spürt, und er versucht, es dort innen zu lösen, wird aus ihm bereits ein spiritueller Sucher.
    Als Sucher kommt man darauf, dass alle für uns im Leben wichtigen Dinge in unserem Inneren sind und nicht außerhalb. Die Freude, das Glücklichsein sind in uns drinnen. Entweder werden sie von äußeren Ereignissen ausgelöst oder nicht, aber sie sind ein innerer Bestandteil unseres Wesens. Man kann sie nicht erkaufen. Auch ein Multimillionär ist unfähig, zehn Gramm Freude im Supermarkt zu kaufen. Die Freude fühlen wir im Herzen. Um unsere Freude zu vermehren und intensivieren, müssen wir nach innen zur Quelle gehen und das Freudenzimmer des Herzens öffnen. Auch unsere wirklichen Feinde sind in unserem Inneren. Angst, Eifersucht, Neid usw. sind alle unsere inneren Feinde. Sie können von äußeren Umständen oder von unseren Vorstellungen ausgelöst werden, aber ihr Nest ist in unserem Inneren. Wenn wir sie wirklich erwischen wollen, um sie umzuwandeln, dann müssen wir zu ihrer Quelle nach innen gehen.    
   Deshalb versucht ein Sucher bewusst, sein inneres Leben reiner, besser, schöner und friedlicher zu gestalten. Wenn man zu diesem Zweck seine Lebensweise verändert, führt man ein bewusstes inneres Leben. Das ist die Grundstufe des spirituellen Lebens. Man führt ein spirituelles Leben, wenn man zu meditieren begonnen hat und angefangen hat, sich dem Inneren zuzu-wenden. Das bedeutet, dass die Gedanken tagsüber nicht ständig von äußeren Wünschen und dem Versuch der Erfüllung dieser Wünsche beherrscht werden, sondern dass auch die inneren Wünsche geweckt werden, die man dann auch zu erfüllen versucht. Daraus folgt, dass man das äußere Leben zu kontrollieren beginnt und in jeder Hinsicht versucht, ein besserer Mensch zu werden. Man folgt also nicht mehr blind den von Instinkten und vom Verstand diktierten Wünschen. Das spirituelle Leben ist die Oberstufe der Selbstdisziplin. Selbstdisziplin ist der Schlüssel zur Selbsterkenntnis. Man muss die Ursachen der Gefühle und Sehnsüchte, die in uns auftauchen, kennenlernen. Woher kommen sie, aus welchem Teil von uns? Sind sie für unsere innere Harmonie nützlich oder schädlich? Dementsprechend müssen sie gesiebt und kontrolliert werden, damit das innere Leben schöner, besser und friedlicher werden kann. Das ist natürlich das Ergebnis eines langsamen, kontinuierlichen Erkenntnisprozesses. Am Anfang hatte ich keine Ahnung, worauf das Spiel abzielt. Meine inneren Gefühle mischten sich mit meinen unzähligen Sehnsüchten in völlig chaotischer Weise. Ich wusste nicht, dass man lernen kann, sie zu unterscheiden. Nach einigen Jahren begann ich schrittweise, mein eigenes Wesen zu erkennen und so auch den Ursprung der einzelnen Gefühle zu entdecken. Sobald ich weiß, wo eine Sehnsucht, eine Erregung, ein Gefühl entspringt, bin ich auch fähig einzuschätzen, ob es etwas Nützliches oder Nutzloses ist, ob ich der Sache folgen soll oder sie abweisen muss. Auf diese Weise kann man schrittweise in Richtung vollkommene Selbstmeisterung fortschreiten.

Die spirituelle Lebensweise ist nicht leicht. Ausdauer, Regelmäßigkeit und Selbstdisziplin – das sind ihre Hauptmerkmale. Selbstkontrolle wird heutzutage nicht besonders hoch geschätzt. In unserer Zeit ist vielmehr die Lebensweise, in der Sehnsüchte und Instinkte frei ausgelebt werden, verbreitet. Auf diese Weise glaubt mancher, sein „Ich" entfalten zu können. Entsprechend der heute üblichen Auffassung versucht man die Freiheit der Persönlichkeit durch das unbegrenzte Ausleben der Sehnsüchte zu verwirklichen. Nach meinen persönlichen Erfahrungen behaupte ich, dass diese Vorstellung ein Irrtum ist. Denn so werden unsere Bindungen und Abhängigkeiten immer stärker, und dadurch wiederum wird unsere Freiheit gleichzeitig immer mehr eingeschränkt. Diese Art der „Verwirklichung“ des Ichs ist nur die Verstärkung des Egos, des Kerkers der Seele. In jedem Bereich des Lebens ist Selbstdisziplin die einzige Fähigkeit, die uns zu Erfolg verhelfen kann. Wenn du vom Leben mehr willst, als andere erreicht haben, musst du auch mehr geben als die anderen. Das kann ohne Selbstbeherrschung eigentlich nicht funktionieren.

Es gelingt natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, ein diszipliniertes Leben zu führen. Das zu glauben, wäre absurd. Ein solcher Versuch würde unser Leben, unseren Frieden und den Frieden unserer Umgebung ruinieren, weil die sofortige Änderung unserer individuellen Gewohnheiten uns sehr schmerzen würde, es wäre ein Akt der Gewalt. Will man sich im spirituellen Leben etwas aneignen oder sattelfest werden, muss man dafür ebenso trainieren, wie es auf allen anderen Gebieten des Lebens notwendig ist. Training bedeutet, dass man schrittweise aufbaut. Der richtige Trainer heißt Regelmäßigkeit und Ausdauer. Gleichzeitig muss sich die Liebe des Trainers in der Geduld zeigen. Man muss mit sich viel Geduld haben, wenn man an der Umwandlung seiner Natur arbeiten will. Ausdauer und Geduld heißt die richtige Mischung.

Als ich in das spirituelle Leben „stolperte", glaubte ich, alles, was ich bis jetzt versäumt hatte, schnellstens nachholen zu müssen. Ich wollte alle meine Unzulänglichkeiten möglichst schnell korrigieren. Wie ich schon früher erwähnt habe, hörte ich gleich und gewaltsam auf, meinen Verstand so mit all den zahlreichen Informationen zu füttern, wie ich es gewohnt war. Dadurch – so rechnete ich mir aus – würde meine Meditation fruchtbringender werden und so könnte ich den heiß ersehnten Zustand, das Einssein mit meiner Seele, am schnellsten erreichen. Daher hörte ich von einem Tag auf den anderen auf, Zeitungen bzw. Bücher zu lesen, fernzusehen, ja ich setzte mich nicht einmal mehr mit der Fachliteratur auseinander. So isolierte ich meinen Verstand völlig, der einen unheimlich starken Zufluss von Informationen gewöhnt war und dadurch früher auch regelmäßig überlastet wurde. Das war etwa so, wie wenn ein hundert Kilo schwerer Mensch mit einer Nulldiät abnehmen will. Ein Unterfangen, das tödlich ausgehen kann. Und auch wenn man daran nicht stirbt, wird man so nicht glücklich, das ist einmal sicher. In den ersten Monaten fühlte ich mich elend, es war schrecklich. Ich erinnere mich, es gab Tage, an denen ich halb wahnsinnig nach Hause kam und nur noch überlegte, ob ich gleich heute abend eine psychiatrische Abteilung aufsuchen müsse oder noch bis morgen früh warten könne. In meinem Inneren war ich völlig zerstört. Da herrschte totales Chaos. Das bisschen Harmonie, das ich mir bis dahin erworben hatte, war wie weggeblasen. Aber letztlich bin ich mit einem blauen Auge davongekommen, irgendwie überlebte ich die Sache. Aber wenn ich wirklich erkrankt wäre, hätte man weder die Meditation noch den Meister beschuldigen können. Niemals! Ich     selbst wäre schuld gewesen, weil durch alles, was man fanatisch angeht, etwas zerstört wird.

Spiritualität und Religion

Das spirituelle Leben ist keine Religion. In der Religion wird Gott als allmächtiger Herr angebetet. Der Mensch unterwirft sich Gott. Das spirituelle Leben ist eine Lebensweise, die noch weiter geht, sie sucht eine Art Partnerschaft mit Gott. Ich will nicht nur ein demütiger, Gott anbetender Diener sein, obwohl das natürlich auch dazugehört, sondern ich will auch selbst göttliche Eigenschaften und göttliche Fähigkeiten besitzen. Gott wird von mir nicht gebeten, mir zuliebe dies oder jenes zu tun, sondern ich trachte vielmehr danach, von Ihm zu Seinem Zweck benutzt zu werden, als bloßes Instrument zu tun, was Er von mir will und dabei von Ihm verändert zu werden. Dadurch möchte ich ein Kanal Gottes werden, damit Er sich durch mich der Welt offenbart und gibt. In meinem Gebet habe ich nur diese eine Bitte, nämlich Sein bloßes Instrument zu werden. Deshalb tritt man im spirituellen Leben nicht nur in eine anbetende, dienende Beziehung zu Gott, sondern darüber hinaus geht man eine Partnerschaft mit Ihm ein. Im spirituellen Leben wird die Schöpfung als der sich entwickelnde Gott angesehen, der auf niederer Ebene Erfahrungen macht und in Form einer individuellen Seele einen Entwicklungsprozess erfährt, der ihn schließlich zur göttlichen Quelle wieder zurückführt und an Ihr bewusst teilhaben lässt.

Ein anderer Unterschied zwischen Religion und spirituellem Leben besteht für mich in der quantitativen Diskrepanz zwischen dem Glauben, der vom Verstand errichtet wurde, und den inneren Erfahrungen. Als „Verstandesgläubiger" glaubte ich an die Existenz Gottes, weil ich davon von meinen Eltern, der Gesellschaft und den alten heiligen Schriften erfahren hatte. Wenn es alle behaupten, dann wird es schon stimmen. Das ist also in erster Linie eine Frage der Erziehung. Ich war römisch-katholisch, weil meine Eltern es auch waren. Abends – besonders wenn ich Probleme hatte – betete ich manchmal als Erwachsener, zu größeren Festen ging ich in die Kirche „Hilft´s nichts, schad´s nichts." Für mich wie auch für die Mehrheit der Menschen war der Alltag und nicht die Wahrnehmung Gottes wichtig. Und wenn ich Zeit hatte und eine festliche Stimmung genießen wollte, zog ich mich schön an und ging in die Kirche. Das war eine Art und Weise der Religionsausübung, bei der man nur bei der Taufe, der Hochzeit und bei Beisetzungen – wenn überhaupt – über Gott nachdenkt. Gott kam wirklich nur dann an die Reihe, wenn nichts und niemand mehr geblieben war. Wenn mein Glaube an die Menschen und mein Glück zu Ende waren. Wenn der Arzt nicht mehr helfen kann, wenn alles verloren ist, dann erst probieren wir mit Gott zu reden. Das Problem ist nur, dass wir Seine Sprache vorher nicht gelernt haben. Plötzlich in der Not spüren wir die starke Sehnsucht nach Gott, da wir tief in uns drinnen fühlen, dass Er, nur Er helfen kann, doch wir finden den Zugang zu Ihm nicht. Manchmal erzählt einer, dass er so verzweifelt war, dass er sogar betete. „Wie schrecklich", antwortet der andere. Wenn ich Menschen sah, die beteten, dachte ich, entweder stirbt ein Angehöriger oder es handelt sich um einen Verrückten, der nichts Besseres zu tun hat. Wenn ich heutzutage im Restaurant esse und vor dem Essen länger mit gefalteten Händen bete oder meditiere, sehe ich, dass die Menschen mich entweder auslachen oder bemitleiden. Das können die Leute eventuell noch von einem Geistlichen akzeptieren. Aber warum ist das so? Warum ist es lächerlich, wenn einer aufrichtig betet, ohne todkrank zu sein? Ich las neulich in einer Sammlung von Kindersprüchen, wie ein neunjähriges Kind den Himmel beschrieb. Es sagte, dass der Himmel ein Ort ist, wo du immer beten kannst, ohne ausgelacht zu werden. Ein derart praktiziertes religiöses Leben führt sicherlich nicht zu mystischen Erfahrungen und bewirkt auch keine Verbesserung unseres alltäglichen Lebens.

Meine spirituelle Lebensweise entwickelte ich nicht aufgrund äußerer Informationen, sie baute sich vielmehr aus meinen eigenen Erfahrungen auf. Diese Erfahrungen werden zu organischen Teilen meines Lebens und durchdringen daher auch jedes Ereignis meines Alltages. Meine seelischen bzw. göttlichen Erfahrungen können aus dem Alltag nicht herausgefiltert werden, im Gegenteil, sie bereichern als positiv beeinflussende Faktoren mein Leben. Heute glaube ich an die Existenz Gottes, weil ich Ihn spüre und nicht, weil ich dazu erzogen wurde. Das ist das Ergebnis meines eigenen inneren Gefühls, das mir niemand nehmen kann. Wenn sich mein Gefühl verstärkt, wächst mein Glaube. Das geht so weit, bis mein Glaube, durch wiederholte innere und äußere Erfahrungen, zu Wissen wird. Dann glaube ich nicht mehr an die Existenz Gottes, sondern ich weiß, dass Er existiert, ich spüre Seine Anwesenheit auf irgendeine Weise in mir selbst.
    Jetzt, nachträglich betrachtet, sehe ich, dass mein anerzogenes Religionsbewusstsein in mir als eine alte, verstaubte, strenge Tradition lebte. Meine Spiritualität hat mit der Vergangenheit nur so viel zu tun, als ich an ihr meine eigene Entwicklung erkennen kann. Meine Spiritualität ist neu, immer neu und sie bleibt immer neu, weil ich von einem Ich-Bewusstsein zum nächst höher entwickelten Ich-Bewusstsein wachse. Ich muss meine Spiritualität nicht als Tradition weitergeben, sondern als Beispiel leben.

Wer sich zu einer Religion bekennt, erklärt, dass er die Dogmen und Glaubensätze seiner Kirche für wahr und richtig hält. Mit der Änderung seiner Überzeugung kann er auch seine Religion wechseln. Deshalb will jemand andere bekehren. Als spiritueller Gottsucher bekenne ich mich zu dem, was bzw. wer ich entsprechend dem momentanen Niveau meines Bewusstseins bin. Ich übernehme nicht dogmatisch die Glaubensüberzeugungen von anderen, sondern ich lasse einfach die Tür der Vorurteile ein bisschen offen, und warte ab, ob ich in jene Glaubensmeinung hineinwachse oder nicht. Zum Beispiel ist da die Theorie von der Wiedergeburt. Das ist für die meisten von uns schwerer zu glauben als der ewige Tod. Wenn ich ein spirituelles Leben anfangen will, muss ich mich nicht gegen meine Überzeugung zu dieser Theorie bekennen. Es genügt, wenn ich mir sage, na ja, ich kann es mir nicht vorstellen, ich kann es nicht glauben, aber trotzdem könnte es sein. Schließlich hat noch niemand die Theorie der Wiedergeburt oder das Gegenteil bewiesen. Mit dieser Einstellung kann ich dann meditieren und ohne Eile auf eine innere Antwort warten. Dies bedeutet, dass ich nur offen bleiben muss, dass ich mich den inneren Eingebungen gegenüber nicht versperre. Deswegen bekehre ich niemanden, ich zeige nur, was ich lebe und wie ich lebe.

Selbsterkenntnis und Vervollkommnung

Das spirituelle Leben ist eine Abenteuer-Reise ins Innere. Es ist deshalb so interessant, weil man dabei ständig eine Reihe von Veränderungen erlebt, was wiederum die innere Reise nicht immer leicht macht, denn man wird immer wieder dazu gezwungen, das alte „Ich" aufzugeben. Ich erinnere mich noch, dass bei mir alles in bester Ordnung war, bevor ich Schüler wurde. Meiner Meinung nach war ich ein guter Mensch, an dem wirklich nichts ausgesetzt werden konnte, mit anderen aber stimmte immer irgendetwas nicht. Ich war überzeugt davon, dass sich Weltfrieden bereits verwirklicht und unerschütterlich gefestigt hätte, wenn alle Menschen so wären, wie ich es war. Die Probleme begannen, als ich ein paar Monate lang meditiert hatte. Während einer Meditation erkannte ich dann einmal, wie ich eigentlich wirklich war. Es war so, als wenn man in deinem sauberen Zimmer den Teppich, unter den du Jahre lang den Schmutz gekehrt hattest, hochheben würde. Bis dahin hatte ich nur andere von außen gesehen, jetzt sah ich mich zum ersten Mal selbst. Ich machte in mir Inventur und bekam davon nur Brechreiz. War es möglich, dass alle Fehler, die ich in der Welt sehe, auch in mir selbst existieren? Prinzipiell besaß ich alle Fehler, die ich an anderen verurteilte, wenn auch nicht in demselben Ausmaß. Ich hatte keine andere Wahl, als mir die Hemdsärmel aufzukrempeln und zu beginnen, das Zimmer zu reinigen. Die Arbeit war und ist schwer, weil sich über all die Jahre viel Schmutz abgelagert hat und sozusagen in mein Eigentum übergegangen ist.

Man kann beobachten, dass über die schlimme, verkommene Welt geschimpft wird, aber niemand denkt daran, dass die Welt aus Individuen besteht und der, der über die Welt schimpft, auch ein Teil dieser Welt ist. Der Schimpfende kann natürlich auch nicht rein sein. Wenn man die schlechten Eigenschaften der anderen ständig ortet und kritisiert, macht man sie sich selbst zu eigen. Natürlich hat man nur das Beste im Sinn. Man möchte die Welt perfekt machen. Aber man will immer die anderen perfekt machen, weil man die Fehler der anderen sieht. Man will die anderen vervollkommnen, nie sich selbst. Mit den eigenen Fehlern ist man nachsichtig, weil sich schließlich jeder irren kann, das kann passieren, da ist man schuldlos. Man kritisiert die anderen. Leider denkt man nie darüber nach, dass der Versuch der Welt-Vervollkommnung durch die Kritik unfruchtbar, ergebnislos, ja sogar destruktiv und selbstzerstörerisch ist. Man sagt seine Meinung und damit ist es fertig. So glaubt man die Verantwortung losgeworden zu sein. Interessanterweise kann man beobachten, dass man gerade diejenigen am meisten kritisiert, die einem am nächsten stehen. Diese Menschen möchte man am perfektesten sehen. Wenn man sie nun aber auf ihre schlechten Eigenschaften aufmerksam macht, werden sie sich derer noch mehr bewusst, und oftmals werden sie so noch mehr einzementiert. Damit ruiniert man den eigenen Frieden und den Frieden der anderen. Man korrigiert also nichts, sondern verschlechtert nur alles. So wird nichts ausradiert, sondern eingeprägt. Das hat dann zum Beispiel den Generationenkonflikt zur Folge. Was man selbst nicht verwirklichen konnte, will man mit Druck die Kinder erreichen lassen. Unsere Unvollkommenheiten wollen wir mit ihnen vervollkommnen. Man sollte statt der Schwächen die guten Eigenschaften hervorheben, so wie ich es im Kapitel „Mein Meister und ich" geschildert habe.

Wegen meiner Absicht, andere zu vervollkommnen, litt auch ich sehr viel. Nur ich war perfekt. Ich kritisierte ständig alle. Deswegen war ich mit den Leistungen der Menschen unzufrieden. Anstatt mich zu freuen, wenn jemand etwas erreicht hatte, konnte ich es nicht annehmen. Das raubte mir aber meine Stille im Kopf und den Frieden in meinem Wesen. Immer wieder versuchte ich damit aufzuhören, aber ohne Erfolg. Einmal, ich kann mich noch gut daran erinnern, setzte ich mich in unserem Meditations-Center zur Meditation hin und kritisierte gleich alle meine Kameraden, als sie hereinkamen. So entlarvte ich mit einem Blick, was für einen Unsinn der eine machte, ein anderer predigte immer, dass niemand zu spät kommen darf, aber jetzt verspätete er sich natürlich selbst. Und gerade dieser Narr wird für einen guten Schüler gehalten, dabei könnte ich das ganze Center viel besser organisieren als alle anderen, und in der gemeinsamen Meditation sollte keine Modeschau abgehalten werden usw. Wir kritisieren fast alle mit großer Leidenschaft. Hör zu und du wirst sehen, da ist ein Sprecher mit einem schmutzigen Mund in deinem Kopf, der die Welt ständig beurteilt. Das geschieht auch dort, wo nur Fremde sind, Menschen, die wir also nicht einmal kennen, die uns wirklich nichts angehen. In der U-Bahn wird kommentiert, wer wie aussieht, wer sich wie benimmt, wer was sagt, wie die Haare, das Make-up, die Kleidung sind und was weiß ich noch was. Kein Wunder, dass man nach Mobilisierung so vieler negativer Kräfte am Abend müde ist und Kopfschmerzen bekommt. Es ist kein Wunder, weil wir uns durch Kritik mit den negativen Eigenschaften innerlich sofort identifizieren.

Einmal wurde es mir zuviel, ich wollte damit Schluss machen. Mein Meister sagt, dass jeder Mensch, auch von deinem Standpunkt aus betrachtet, zumindest über eine gute Eigenschaft verfügt. So verteilte ich im Stillen an meine Kameraden die entsprechenden guten Eigenschaften, und als ich mich das nächste Mal im Meditationssaal hinsetzte, begann ich, sobald ich die Menschen erblickte, diese Eigenschaften zu wiederholen. Wenn ich jemanden anblickte, begann ich, noch bevor Kritik aufkeimen konnte, dessen gute Eigenschaft zu wiederholen. Das war ein gewaltiger Kampf, aber ich wusste, wenn ich jetzt siege, dann verändere ich mich und dann werde ich es mit Fremden auch leicht haben. Diese innere Arbeit dauerte ca. zwei Jahre lang und benötigte viel Ausdauer, aber sie wurde mit dem daraus resultierenden Frieden reichlich belohnt. Wie ich im Kapitel „Mein Meister und ich" schon erläuterte, hängt die Quantität unserer Kritik von unserer Vollkommenheit ab. Je vollkommener man ist, desto seltener kritisiert man. Das ist einerseits so, weil man umso weniger Fehler bei den anderen sieht, je reiner man selbst ist, andererseits vergisst man nicht, dass man selbst von dort kommt, wo andere jetzt gerade stehen, und wenn der göttliche Wille es so wünscht oder man eine große Dummheit macht, kann man jederzeit wieder dorthin zurückfallen.

Der Moment, als ich die Kritik aufgeben konnte, war ein Meilenstein in meinem spirituellen Leben. Damals geschah eine richtige Öffnung, oder besser gesagt eine Wende. Bis dahin bestand meine Schülerschaft mental betrachtet darin, dass ich meine allumfassende Weltkritik mit voller Kraft auf meine Schülerkameraden projizierte und nur in den Kritikpausen meinen Meister bemerkte. Aber seitdem konzentriert sich meine Schülerschaft, das heißt meine innere Schule mental gesehen, ausschließlich auf den Aufbau der inneren Verbindung mit dem Meister. Es ist Gott sei Dank nicht mehr meine Aufgabe, die Fehler der anderen zu diagnostizieren und Therapievorschläge auszuarbeiten. Ich kam in diese Schule aus dem einzigen Grund, meine wahre Natur durch die schon sichtbare wahre Natur meines Meisters zu finden, und jede Minute ist zu wertvoll, um für etwas Anderes vergeudet zu werden.

Spiritualität und der Meister

Das spirituelle Leben ist ein Spiel eines Trios: Ein Spiel zwischen Gott, dem Meister und dem „Ich". Mit mir und Gott habe ich keine Probleme. Mit mir ist alles in Ordnung, Gott ist unendlich, unsichtbar, weshalb ich Ihn annehmen kann. Er ist so, wie ich Ihn mir vorstelle, und entspricht somit meinen Erwartungen und Wünschen. Ich kann Ihn meinen Interessen gemäß modellieren, und infolge Seiner unendlichen Geduld widersetzt Er sich mir nicht. Das Ego gestaltet auf diese Weise seinen eigenen Gott, der einem vergibt, wenn man das braucht, und ein Urteil fällt, besonders anderen gegenüber, wo es nötig ist. Dieses „Ich" will Gott treffen, will zu Gott werden. Das gefällt ihm sehr. Bis hierhin gibt es keine Probleme. Die Schwierigkeit beginnt mit dem Meister. Armer Meister. Ich kämpfe mit ihm, ich lehne ihn ab, aber will ihn doch haben. Am Anfang bekämpfe ich ihn, weil ich ihn nicht annehmen kann, später bekämpfe ich ihn, weil er nicht das tut, was ich erwarte oder will. Der Meister nämlich, als ein ganz enger Freund Gottes, lässt es nicht zu, dass ich Gott nach meinen egoistischen Vorstellungen gestalte. Er sagt, Gott ist für dich genau so wie für deinen Feind. Der Meister erscheint auf der Erde als ein Anwalt Gottes und spricht somit für Gottes Interesse. Aber wenn er dann mit Gott kommuniziert, wird er natürlich sofort dein Anwalt und somit spricht er für deine Interessen. So ist ein Meister ein Doppelanwalt. Am Anfang weiß man nicht, was man mit dem Meister anfangen soll, was seine Rolle ist. Wenn ich hier bin und Gott da, warum kann ich dann nicht gleich ohne einen Vermittler zu Gott gehen? Das könnte man machen. Die Frage ist nur, wie oft man sich in Sackgassen verläuft und überhaupt, in welche Richtung und mit welcher Geschwindigkeit man vorwärtskommen will, weil man Gott nur in der von seinen Wünschen und Vorstellungen bestimmten Richtung sieht und in einer Form, die den eigenen Idealen entspricht. Aber ist das die Wahrheit? Der Meister ist ein Mensch, der den Weg, den man jetzt zu gehen beginnt, schon zurückgelegt hat. Ich bin kein Meister, weil ich den Weg noch nicht zurücklegt habe und nicht frei über die Schatzkammer meiner Seele verfüge, aber wenn ich von einem Anfänger gefragt werde, kann ich ihm die ersten Schritte beibringen. Ich kann ihm beibringen, wie man auf den Weg gelangen kann, auf dem ich mich jetzt befinde. Ich weiß vielleicht sogar Bescheid darüber, wie man noch schneller und leichter dorthin gelangen kann, wo ich jetzt bin, da ich den Sucher darauf aufmerksam machen kann, welche Fehler ich beging, und er sie so vermeiden kann. Der Meister dagegen kennt den Weg bis zum Ende, er besitzt bereits das Ziel und  kennt die Fallstricke des Weges, weiß über die zweckmäßigsten Abkürzungen Bescheid. Der Meister kann mir also einen kürzeren Weg, als er selbst gegangen ist, zeigen, weil er ganz genau weiß, wo das Ziel liegt und wie es aussieht.

Manchen hilft es, sich den Meister als Sekretär vorzustellen, der den Hintereingang zum Staatspräsidenten aufmacht und ein persönliches Treffen arrangiert. Andere versuchen den Meister als Freund anzusehen und anzunehmen, der sich mit der Zeit zu einem geliebten Familienmitglied wandelt. Egal mit welcher Einstellung man beginnt, man muss den Meister irgendwie annehmen, wenn man in sich die Geburt einer neuen Persönlichkeit in absehbarer Zeit erleben will. Wenn man den Meister bereits angenommen und sehr lieb gewonnen hat, ihn als einen Teil von sich  selbst ansieht, entdeckt man, dass man nicht einen Menschen liebt. In ihm gibt es keine Person in dem Sinne, wie wir dies in unserer Getrenntheit erwarten würden. Im Meister nähert man sich dem unpersönlichen Wesen. Dies geschieht anfangs durch die Annäherung an seine Person. Wenn man entdeckt, dass man nicht eine Person liebt, kommt man darauf, dass die Liebe zu ihm nicht gebunden ist, sie befreit dich vielmehr und dehnt sich auf die ganze Welt und auch auf uns selbst aus.

Früher hielt ich meinen Meister für ein Eingangstor, das mich mit Gott verbinden kann. Ich spürte, dass mit der Beziehung zu ihm eine Beziehung zu Gott hergestellt werden konnte. Auf welche Weise das geschieht, wusste ich damals selbst noch nicht. Die Sache erwies sich schließlich aber als richtig. Gott konnte ich nicht sehen, ich war nicht fähig, Ihn zu sehen, aber den Meister, ja, mit dem konnte ich mich in Verbindung setzen, und so versuchte ich, mich dem Tor zu nähern. Mein Ziel war, das Tor zu erreichen und es zu öffnen. Heute sehe ich, dass ich, wie ich das Tor erreiche, in einer Tür stehe, die sich zum Göttlichen öffnet. Wenn ich in meinen Meister trete, sehe ich, dass es dort keine Person, kein menschliches Wesen gibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass er kein Ego mehr besitzt, dass sein Bewusstsein nicht durch Eigeninteresse begrenzt ist. Deshalb öffnet sich mir das Universelle Wesen in dem Türrahmen. Und aus diesem Grund ist es leichter, sich Gott in Seinem persönlichen Aspekt zu nähern. Wenn man sich mit dem Meister identifiziert, dann identifiziert man sich – wegen des Fehlens eines Egos beim Meister – mit seinem wahren Wesen, weil ein echter Meister bereits universell verwirklicht ist. Die selbstverwirklichte Seele lässt sich nicht vom universellen Bewusstsein trennen, es gibt kein äußeres und inneres Wesen mehr, es gibt nur ein Wesen.

In unserem spirituellen Leben müssen wir so lange streben und uns bemühen, bis das Trio (Gott, der Meister und ich) nicht mehr nebeneinander, sondern ineinander stehen. Bis sie nicht mehr voneinander getrennt werden können, sondern eins geworden sind. Das ist ein langsamer Prozess, der stufenweise abläuft. Oft sehe ich Gott und meinen Meister als eins, manchmal sehe ich mich und den Meister als eins und selten, in einer sehr hohen Meditation, fühle ich mich mit Gott eins. Wenn man den Zustand erreicht und festigt, in dem Gott, der Meister und ich nicht mehr getrennt sind, dann braucht man keinen Meister mehr, weil unser „großes Ich", das universelle Selbst, die Rolle des Meisters übernimmt.

Lebensweisen: Kampf, Hingabe, Übergabe

Versuchen wir, das Leben als einen enorm großen Fluss zu betrachten, der unaufhaltsam seinem Ziel, dem Ozean, zufließt. Man wird in einen Fluss hineingeboren, der uns in unserem Leben über eine vorgeschriebene Strecke mitnimmt. Während man im Fluss dahintreibt, erblickt man am Ufer vielverheißende, interessante Dinge, die man gerne besitzen möchte oder mit denen man gerne spielen würde, und deshalb schwimmt man immer wieder ans Ufer. Da man eine bestimmte Strecke zurücklegen muss, wird man weitergetrieben, man wird – ob es einem passt oder nicht – immer wieder vom vielleicht verlockenden Ufer durch die Strömung in den Fluss zurückgerissen. Man strampelt, kämpft, schwimmt gegen den Strom, um wieder an das Ufer zu gelangen. Das klappt vielleicht, man verweilt dann dort eine Zeit lang, aber man kann nicht ewig bleiben. Deshalb ist unser Leben ein ständiger Kampf zwischen unserem eigenem Willen und „der Strömung", das heißt zwischen unserem eigenen Willen und unserem Schicksal, das dem Sammeln der Erfahrungen für die Seele dient. Man verbringt viel Zeit am Ufer und kommt daher nur langsam vorwärts. Unser zwar begrenzter aber freier Wille ermöglicht uns das.

Das spirituelle Leben ist eine Reise, bei der ich nicht mehr gegen den Strom schwimme, sondern das Dahinfließen akzeptiere und zulasse. Ich lasse mich zum Ziel treiben. Wo es nötig ist, werde ich am Ufer ausgesetzt, um die vorbestimmten Erfahrungen zu machen und dann meine Lehren daraus zu ziehen. Ich akzeptiere also sowohl den Strom als auch die vorbestimmten Erfahrungen. So verbringe ich weniger Zeit am Ufer, weshalb ich schneller vorwärts komme. Im spirituellen Leben dient uns die Meditation als eine Art Messgerät, mit dessen Hilfe ich den Willen und die Geschwindigkeit des Stromes spüren kann. In der Meditation kann ich perfekt spüren, wo ich landen muss, um bestimmte Erfahrungen zu erhalten, und gleichzeitig spüre ich, welche Erfahrungen mich in Versuchung bringen bzw. mich festhalten und im inneren Leben behindern, das heißt, welche Erfahrungen mich zwingen würden, gegen den Strom zu schwimmen, und für mich mit Enttäuschung enden würden. Im spirituellen Leben kämpfe ich nicht mit dem Schicksal, sondern ich benutze die Kraft des Schicksals, um Fortschritt zu machen. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Kraft des Stromes und lasse mich ohne Widerstand einfach führen.
    Ein vom Meister gelenktes spirituelles Leben ist eine Form der Reise im Strom des Lebens, bei der man im Boot des Meisters sitzt und er der Steuermann ist. Er leitet uns und sagt, dass wir jetzt nicht nur die vorgeschriebene Strecke zurücklegen, sondern so weit fahren, wie wir können. Wir versuchen das Ziel, den Ozean, zu erreichen. So wird die Zeit, die wir mit Erfahrungen verbringen, kürzer. Wir sind kaum am Ufer, die Fortbewegung dominiert. Der Meister bittet uns, nicht am Ufer zu verweilen, weil wir zu tief in die am Ufer sich darbietenden Erfahrungen tauchen könnten. Bleiben wir dagegen im Boot, kommen wir schneller vorwärts. Das Leben mit einem spirituellen Meister steht also in völligem Gegensatz zur üblichen Lebensweise. Nicht das Picknick am Ufer ist wichtig, sondern die maximale Geschwindigkeit und die Entwicklung. Im spirituellen Leben nutze ich unter der Anleitung eines Meisters nicht nur die Kraft der Strömung aus, sondern ich gleite im seinem Boot über den Strom hinweg und übertreffe dabei noch deutlich dessen Geschwindigkeit.

Man kann das als einen subtilen Kampf um die Vorherrschaft zwischen der Sehnsucht des Verstandes und dem Willen der Seele betrachten. Im üblichen Leben steht immer die Sehnsucht des Verstandes im Vordergrund, da man an der Oberfläche, also im Verstand, lebt. Deshalb hängt unsere Zufriedenheit und unser Glück von der Erfüllung unserer Sehnsüchte und Wünsche ab. Wenn die Sehnsucht in Erfüllung geht, ist man zeitweilig glücklich und euphorisch, und wenn sie nicht in Erfüllung geht, dann ist man frustriert und deprimiert. Letzteres kommt manchmal auch dann vor, wenn der Wunsch in Erfüllung geht. Auf diese Weise wird das Leben durch die Sehnsucht des Verstandes geleitet, und ich kann behaupten, dass es dann mit dem Willen der Seele in der Regel nicht übereinstimmt. Eben deshalb gehen die Wünsche nicht immer in Erfüllung, sie können nicht immer in Erfüllung gehen, weil die Seele, die über den Sehnsüchten steht, der wahre Führer unseres Lebens ist. Wenn man ein spirituelles Leben führt, betet und meditiert, kann man in die Tiefe des Herzens gelangen, wo man den Willen der Seele spürt. Die Entscheidungen müssen hier, in der tiefsten Tiefe unseres „Ichs", getroffen werden. Da gibt es keine Frustration, die durch Misserfolg verursacht wird, weil die Durchführung des Willens der Seele immer und sicher Freude bereitet, eine Freude, die weder von Erfolg noch von Misserfolg beeinflusst werden kann.
    Leider werden wir durch unsere Sehnsüchte und Wünsche blind. Das Leiden ist in unserem Leben, und zwar von dessen Anbeginn bis zum Ende, ein ständiger und treuer Wegbegleiter, da wir nur eines im Sinn haben: die Erfüllung unserer Wünsche. Wir sind unfähig, in unsere Existenz, in unser Wesen tiefer Einsicht zu nehmen, weil wir vom Wirbelwind der Verlockungen hin- und hergerissen werden. Wenn ich heute in der Tiefe meines Herzens in meine Vergangenheit zurückblicke, sehe ich nur eine fremde, ziellose und betäubte, doch schmerzhafte Unwissenheit. Stattdessen kann ich heute meine Existenz im Frieden wahrnehmen.
    Ich habe meine Sehnsüchte sicher nicht gewaltsam aufgegeben und deswegen könnte ich auch nicht dafür plädieren. Aber ich befürworte sehr wohl die Meditation. Durch das innere Leben wurde ich mir des heißen Wirbelwindes der Wünsche, der mir ständig bis in meine Knochen brannte, überhaupt bewusst. Mit der Zeit war es dann so, dass meine Sehnsüchte sowohl in der Zahl als auch in ihrer Intensität langsam, fast unbemerkt, durch Bewusstwerden schwächer wurden und großteils auch verschwanden. Es gibt keine einzige, der ich nachtrauen würde, deren Verlust mir im geringstem Leid täte. Im Gegenteil, ich fühle nur echte Freiheit und Glück. Wenn ich so zurückblicke, kann ich gar nicht erkennen, wie und wann der dichte Nebel der unaufhörlichen Sehnsüchte gebrochen wurde. Ich kann nur fühlen, was sich langsam durch das Sterben der Wünsche ändert: mein Lächeln. Es wird immer tiefer, aufrichtiger, reiner und freier. Es macht mir mehr Spaß, es zu haben.
Die Annahme der Situation

Das spirituelle Leben bedeutet die Annahme des Lebens. Man muss das Leben so annehmen, wie es ist. Das bedeutet, dass man die Welt samt ihren Fehlern annehmen muss. Was man nicht annimmt bzw. was man ablehnt, kann man nicht ändern. Und auch was man nicht als sein eigen ansieht, kann man nicht ändern. Deshalb muss man sich einmal in erster Linie selbst annehmen, ehrlich und völlig, das heißt auch mit all seinen Fehlern. Dazu ist es nötig, sich selbst ehrlich in die Augen zu schauen. Das Verschönerungsspiel des Egos muss also aufhören, welches einerseits ständig die eigenen guten Eigenschaften vergrößert und preist, während man sich gleichzeitig gerne mit den weniger guten Eigenschaften anderer vergleicht und andererseits die eigenen Schwächen verkleinert, sogar verschwinden läst, indem man die Welt wegen aller Probleme beschuldigt und kritisiert.

Das Problem bei der Umwandlung unserer Natur liegt darin, dass wir den Teil aussperren wollen, der nicht göttlich ist, also unsere schlechten Eigenschaften, die wir eigentlich loswerden müssten. Diese verdrängen wir immer, wir kämpfen gegen sie und können sie nicht akzeptieren. Aber gerade deshalb ist es auch nicht möglich, sie umzugestalten, das heißt, sie loszuwerden. Wenn man seinen schlechten Seiten nicht ins Antlitz schauen kann, sondern sie wegstößt, bedeutet das, dass man sich mit ihnen in negativem Sinn auseinandersetzt. Auf der Ebene des Bewusstseins kann man zu allem auf zwei Weisen eine Beziehung aufbauen. Man kann etwas entweder positiv bewerten und lieben oder negativ einschätzen, ablehnen und sogar hassen. Auf diese zwei Weisen kann man einen engen Kontakt herstellen. Durch Ablehnung und Hass binden wir uns an unsere schlechten Eigenschaften, und so erreichen wir mit unseren aufrichtigen Bemühungen genau das Gegenteil von dem, was wir wollten. Deshalb ist es am besten, schlechte Seiten in uns ehrlich zu registrieren und zur Kenntnis zu nehmen, dass wir mit ihnen leben müssen. Aber gleichzeitig sollten wir das mit einer neutralen Haltung tun. Man muss sich damit eigentlich nicht beschäftigen. Unser Bewusstsein muss immer nur auf das Positive, auf das von uns gesteckte Ziel gerichtet werden. Bei diesem Ziel muss man spüren, das es ganz zu einem gehört, das heißt, man soll sich vorstellen, dass man das Ziel erreicht hat, dass man das Ziel bereits besitzt. Ich stellte mir immer wieder vor, wie ich ohne diese oder jene negative Eigenschaft wäre. So habe ich ein neues „Ich-Bild" aufgebaut, das am Anfang nur in meiner Phantasie lebte, in das ich aber hineinwachsen konnte. Wenn das Niedere in mir hochkommt, was manchmal geschieht, da es ja zu mir gehört und ein Teil von mir ist, dann muss ich einfach das Thema wechseln und mich wieder auf das Göttliche, auf das Licht konzentrieren. Wenn man das machen kann, wird man von diesem einst so treuen „Kameraden" verlassen, weil er seine Arbeit ergebnislos, unhonoriert sieht. Und wer arbeitet schon umsonst? Nicht einmal der Teufel.

Man darf nicht verzweifeln bzw. sich Vorwürfe machen, wenn sich manchmal einiges von den Dingen niedrigeren Ranges offenbart. Diese Eigenschaften gehören zu einem, das sind Bestandteile des Menschen, und bevor man mit dem spirituellen Leben begonnen hat, hielt man sie noch für ganz normal, man war sogar stolz auf manche dieser Eigenschaften. Sie lassen sich nicht so einfach ohne Kündigung hinauswerfen, nur weil man entdeckt hat, dass es auch eine bessere Lebensform gibt. Wenn man diese Teile sofort aus sich herausrisse, würde sich an deren Stelle eine Leere herausbilden, die unser Wesen schwächen und beschädigen könnte. Man wäre nicht glücklich, weil man Gewalt gegen sich selbst angewandt hätte. Deshalb muss man diesen Eigenschaften in einer Weise kündigen, dass man ihnen eine Umgestaltung und eine Änderung ermöglicht. Von einem Tag auf den anderen kann man nicht zu einem Heiligen werden. Das geht nicht. Das braucht einen auch nicht zu irritieren. Es ist auch nicht gut, wenn man ein Schuldbewusstsein entwickelt, weil man dadurch gebremst und verlangsamt wird. Schuldbewusstsein verbindet einen mit den Fehlern und mit der Vergangenheit. Und das behindert unsere Entwicklung. Im spirituellen Leben ist die Entwicklung das Wichtigste, sie ist alles. Es ist das Wichtigste, dass ich heute besser bin als ich gestern noch war, und morgen werde ich noch besser sein, als ich es heute bin. Für die Entwicklung muss man wirklich kämpfen. Man muss immer besser werden, so werden die von unserer Natur vorgegebenen Grenzen durch die göttliche Gnade, ausgedehnt. Deshalb sollen wir einerseits kämpfen und immer bis zu unseren Grenzen vordringen, so dass  wir damit auf diese Weise Siegesfreude haben können, anderseits sollen wir nicht vergessen, unsere momentane Natur, unsere jetzige Situation auch anzunehmen, so dass wir damit auch glücklich sein können.

Übergabe und Anstrengung

Das spirituelle Leben ist ein Leben der Übergabe. Als ich damit begann, versuchte ich alles zu erreichen, indem ich zerbrach, zog und ablehnte. Später wuchs meine innere Empfänglichkeit, und ich begann langsam zu spüren, was mein innerer Göttlicher Führer will; was ich zu tun habe bzw. was nicht von spiritueller Bedeutung ist. Man beginnt das zu beobachten und richtet sich danach. Dann wurde mir bewusst, dass ich mit mehr Geduld und gleichzeitig mit viel weniger Aufwand Dinge mit dem gleichen Ergebnis hätte tun können und dabei auch viel glücklicher gewesen wäre, als mit meiner ursprünglichen Methode des Ziehens und Stossens. Meine übertriebene persönliche Anstrengung brachte nämlich kein besseres Ergebnis als mein innerer Führer zustande brächte, da es an Geduld fehlte. Ich hätte das gleiche Ergebnis erreicht, wenn ich ständig, regelmäßig, mit Intensität aber nicht zu großer Anspannung gestrebt hätte. So verschoss ich  sinnlos eine Menge Pulver. Man muss die Gefühle abwarten und sehr tief in sich hineingehen, um den inneren Befehl, die Bewegung zur Tat zu vernehmen.   

Ich ergebe mich also der Führung, die die Richtung und den Zeitpunkt der Änderungen bestimmt, und strenge mich auch in diesem Sinne an. Deshalb ist Geduld ebenso wichtig wie Anstrengung. So kommt es oft vor, dass man nichts zu tun hat. Man braucht nur geduldig abzuwarten. Meistens ist es am schwierigsten, nichts zu machen. Man muss gehorsam sein, um sich dem inneren Befehl übergeben zu können. Gemeint ist damit also ein innerer Gehorsam. Wir müssen das tun, was uns die Seele diktiert und nicht das, wozu uns das äußere Wesen oder irgendein anderer Teil unseres Wesens inspiriert. Als Kinder gehorchten wir den Eltern und waren glücklich, weil wir nicht in Nöte geraten konnten und mit den Eltern in Frieden und Harmonie lebten. Wir vertrauten ihnen und verließen uns auf sie, und eben deshalb waren wir als Kinder nicht für uns selbst verantwortlich. Das gleiche gilt auch hundertprozentig für unser seelisches Leben. Wir müssen uns wie Kinder fühlen, und wenn wir das Wissen der Seele in Betracht ziehen, sind wir wirklich nur kleine Kinder. Man muss Gott gehorchen und gleichzeitig die Verantwortung dem inneren Göttlichen Wesen übertragen. Dann braucht man sich weder vor den Folgen der Taten noch vor schlechtem Gewissen zu fürchten. Das ist die Übergabe. Der Grad unserer Übergabe ist maßgebend für unsere spirituelle Entwicklung. Je entwickelter man ist, desto größer ist die Übergabe und der Gehorsam, weil man um so mehr den Willen des inneren Wesens wahrnehmen kann. Je größer die Übergabe ist, desto näher liegt das Ziel.

Gib nicht auf!

Auch im spirituellen Leben gibt es leichtere und schwerere Perioden. Wenn man sich elend fühlt, muss man den Fehler meistens bei sich selbst suchen. Das ist so, weil man wie ein Kamel ist. Das Kamel frisst gierig Kaktus, und sein Maul fängt wegen der Dornen zu bluten an. Die Verletzung verursacht zwei oder drei Wochen lang große Schmerzen und das Kamel leidet. Wenn es dann wieder genesen ist, frisst es – sobald es ihm möglich ist – wieder Kaktus. Der Mensch ist einfach an die Dinge gewöhnt, die mit dem niederen Bewusstsein verbunden sind. Er plätschert genüsslich darin, denn dort verweilt er gerne. Wenn man auf der Leiter des Bewusstseins eine Stufe höher steigen darf, ist man glücklich, aber lange erträgt man diesen Zustand nicht. Aus diesem Grund springt man, wenn sich die Möglichkeit ergibt, gerne wieder in die dreckige Lacke. Natürlich leidet man dann wieder, weil man sich dort nicht mehr so gern aufhält, da man die höheren Stufen schon kennt. Man hat schon erfahren, dass es angenehmer ist, ohne Kaktus zu leben. Obwohl man schon reiner und kräftiger ist, frisst man sich beim ersten Kaktus trotzdem wieder satt. Es dauert viele Jahre, bis man sich den Kaktus abgewöhnt.

Das spirituelle Leben ist nicht nur eine Zeit der Feiern und Festessen. Es gibt schwere Perioden, in denen man das Gefühl hat, nicht einmal eine einzige Unvollkommenheit meistern zu können. Es gelingt einfach nicht, und man fällt zurück. Das wiederholt sich ständig und irgendeinmal kann es vorkommen, dass man aufgibt, man will dann nicht wieder aufstehen und es noch einmal versuchen. In diesen trockenen Perioden kommt also der eine oder der andere durchaus auch einmal in eine Situation, wo er sich überlegt, ob er nicht aufgeben sollte, weil er nicht sehen kann, wann die Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt sein werden. Ohne die Göttliche Gnade wird man natürlich nie erfolgreich sein. „In der persönlichen Anstrengung liegt die Göttliche Gnade", hat Guru mir einmal gesagt.

Wie ich schon erzählt habe, fiel mir nicht die Meditation, sondern das Aufstehen schwer. Ich fiel immer wieder zurück und musste mich viele Jahre lang immer neu entscheiden und von Neuem beginnen. Nach sieben Jahren fiel ich wieder dorthin zurück, wo ich angefangen hatte. Da wurde es mir zuviel. Ich schaltete alle meine Wecker aus und richtete mir glücklich mein Kissen unter meinem Kopf zurecht. Dann sagte ich, dass das Thema  „Aufstehen" für mich nicht mehr interessant ist, es hörte auf zu existieren. „Hör zu, Gott! Jetzt schlafe ich so lange, wie es für mich gut ist bzw. so lange, wie Du es willst, nicht mehr und nicht weniger." Ich erwachte morgens um fünf Uhr, war frisch und munter, sprang aus dem Bett, als ob ich von einer Kraft herausgeworfen worden wäre. Seitdem verursacht mir das Aufstehen nur selten ein Problem. Die Zeit der Gnade kam. Wenn ich das im zweiten oder dritten Jahr getan hätte, hätte es bestimmt nicht funktioniert.
    Das Problem ist, dass wir zu schnell aufgeben, weil unsere Erfahrung bzw. unsere Erinnerung uns sagt, dass wir schon x-mal gescheitert sind und es ja sowieso niemals schaffen werden. Wenn ein Baby mit vollentwickeltem Verstand geboren wäre, würde es nie laufen lernen. Das Baby fällt beim ersten Versuch auf die Nase und weint schrecklich. Wenn die Mutter es dann tröstet, vergisst es sofort das Geschehene und versucht sofort wieder aufzustehen und zu laufen, bis es wieder auf die Nase fällt. Das kann sich Hunderte von Malen wiederholen, bis das Kleine es schließlich schafft. Wenn das Baby denken könnte, würde es schon nach dem drittem Versuch aufgeben, besonders Kluge schon nach dem ersten Versuch, weil es doch logisch ist, dass die schmerzende Nase eine Folge der Gehversuche ist. Das würde dann nach höchstens zehn Versuchen die Schlussfolgerung mit sich bringen, dass für so kleine Menschen das Laufen unmöglich ist, und dass ihr mich bitte schön weiterhin tragen müsst, bis ich auch so groß bin wie ihr. Dann werde ich auch gehen können, dann schaffe ich es. Genau das passiert mit uns bei der Umwandlung unserer Natur. Wir sehen, dass diejenigen, die vor uns marschieren, es können. Wir meinen aber, dass es für sie leicht ist, weil sie anders sind als wir, da sie unsere Leiden nicht kennen. Für uns ist das aber nichts. Das ist falsch. Gib nicht auf! Jeder ist fähig, marschieren zu lernen. Gib nicht auf! Das ist das Motto.

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