Beruf und Meditation

Als ich Zahnarzt wurde, hatte ich den Wunsch, nicht für Geld arbeiten zu müssen. Ich fand meinen Beruf sehr schön und dachte, dass die Qualität der Arbeit durch die Jagd nach dem Geld leidet. Was eigentlich auch stimmt. Man nimmt sich nicht die nötige Zeit für eine schlechtbezahlte Arbeit, um die optimale Qualität zu erreichen. In Österreich gibt es eine durch die Krankenkassen honorierte Leistung und eine Privatleistung, wobei die erstere teilweise so stark unterbezahlt ist, dass man sie schnell hinter sich bringen will. Da die Praxis auch ein Wirtschaftsunternehmen ist, denkt man an das Geld, und dann regiert einen das Geld. So stellt man schließlich fest, dass der obengenannte Wunsch nur eine Utopie sein kann, ein Jugendtraum. Ich dachte öfters darüber nach und sagte mir, dass er für immer ein unerfüllter Wunsch bleiben wird, weil ich alles mit Kredit aufbauen musste und weil ich immer zu viele Wünsche zu erfüllen hatte. Ich hörte immer auf andere Leute, und so waren auch meine Börsengeschäfte meistens mehr als unproduktiv. Mit einem Wort, es fehlte mir das Geld für diesen Traum. Ich habe mir die Sache so vorgestellt, dass mein Wunsch nur dann in Erfüllung ginge, wenn ich Unmengen von Geld besäße. Wer hätte gedacht, dass es auch einen anderen Weg gibt?  

In Österreich lernte ich richtig zu arbeiten. Ich hätte es auch in Siebenbürgen tun können, aber da war es sinnlos und daher machte ich, was die Mehrheit tat, ich arbeitete „so herum“, weil man mir „so herum“ bezahlte. So lernte ich erst in Österreich, wie man die Leistung pro Stunde erhöhen kann und dass die Zahnheilkunde eine Mischung aus Business und Medizin ist. Man muss lernen, Kompromisse einzugehen, um die beiden Aspekte unter ein Dach zu bringen und an ihrer gemeinsamen Grenze dahin zu lavieren. Man muss lernen, einen Betrieb wirtschaftlich zu führen. Nachdem ich Ende 1987 mit der Meditation begonnen hatte, entschloss ich mich von Januar 1988 an, mich um meine Patienten so zu kümmern, wie ich mich um mich selbst kümmern würde. Ich hatte das Gefühl, ein solches Verhalten sei bezüglich der von mir angestrebten Reinheit und Ehrlichkeit angebracht, schließlich ist jetzt Reinheit mein Ziel. Und umgehend begann ich, das auch in die Tat umzusetzen. Ehrlich gestanden, es fiel mir sehr schwer. Schweren Herzens verhielt ich mich von nun an entsprechend meinem neuen Kodex, und ich erinnere mich, dass ich am Anfang die verlorenen Summen ausrechnete. Das war nicht wenig. Wer wagt zu behaupten, dass Meditation kostenlos ist oder man für innere Reinheit nicht zahlen muss? Innere Reinheit und äußerer Reichtum gehen selten Hand in Hand. Jedenfalls bot ich jedem Patienten nur solche eine Lösung an, die ich auch für mich genommen hätte. Einfach, aber haltbar, nicht zu kompliziert und teuer, aber stabil.

Das alles hatte zwei Jahre lang eine Verschlechterung des Geschäftes zur Folge. Während dieser zwei Jahre wechselten meine Patienten, und darüber hinaus rückte die besser honorierte Arbeit in den Hintergrund. Das passierte, weil ich meine Lust an der Arbeit verlor. Alles in allem betrachtet, brachte mir meine neue Vorgehensweise in jeder Hinsicht nur negative Ergebnisse, die keineswegs vernachlässigbar waren. Auf diesem schlechten Niveau stagnierte ich sowohl beruflich wie auch finanziell zwei oder drei Jahre lang. Inzwischen veränderte ich mich so sehr, dass sich auch meine äußerlichen Umstände zu verändern begannen. Langsam und schrittweise erreichte ich dann wieder das alte Niveau, das heißt, ich konnte beruflich die Verluste wieder wettmachen.
Wir wissen, dass es überall Menschen gibt, die gerne debattieren, und ich sehe, dass sie sich wirklich gut fühlen, wenn sie streiten können, um dann als Sieger davon zu schreiten. Unsere Praxis befindet sich an einer guten, verkehrsreichen Stelle, deshalb haben wir viele Patienten. Natürlich schneien auch bei uns – wie überall sonst – die bereits erwähnten Menschentypen herein. Die streitenden Patienten bekamen auf der Kartei neben ihrem Namen ein rotes Fragezeichen. Ich hatte einen Patienten, den ich nie vergessen werde. Auf seinem Krankenschein gab es für rote Fragzeichen bereits keinen Platz mehr. Wenn er uns anrief und um einen Termin bat, war die Assistentin schon alarmiert. Sie sagte, „Oh weh, Herr Doktor, es ist aus mit uns, der Herr X hat sich angekündigt.” Dann kam Herr X, und es war wirklich aus mit uns. Bereits im Wartezimmer stritt er mit anderen Patienten, im Empfangszimmer dann mit den Mädchen, und schließlich kam ich an die Reihe. Nachdem wir gestritten hatten, wurde ich sehr nervös und rot und er ging zufrieden weg. Wir hatten nicht nur einen einzigen Herrn X, es gab mehrere, mit denen wir zu kämpfen hatten. Das gehört nun einmal zum Leben, das weiß man.
    Zwei oder drei Jahre, nachdem ich durch mein spirituelles Leben große Veränderungen erfahren hatte, bemerkte ich auf einmal, dass in der Praxis keine Herren X mehr erschienen. Sie blieben alle weg und neue kamen nicht nach. Das war für mich eine Überraschung und vor allem ein Glück, denn ich musste mit niemandem mehr streiten. Ich dachte, wenn man sich Gott zuwendet, schickt Er einem keine solchen Menschen mehr, und ich war Gott natürlich sehr dankbar. Es lohnt sich wirklich zu meditieren, dachte ich mir. Dann vergingen ungefähr noch zwei Jahre, bis bei mir der Groschen schließlich fiel. „Du bist ein Esel!“ – sagte ich zu mir, „Siehst du nicht, dass viele Herren X und ihre Kameraden auch jetzt noch in der Praxis sind?“ Damals fing ich an, die Leute zu fühlen, ohne mit ihnen in Konflikt zu geraten. Dann wusste ich schon, ah, hier ist ein Herr X, da ist eine Frau X. Die Patienten änderten sich nicht, die Menschen sind wie früher, es gibt gute und weniger gute.
    Die  Veränderung vollzog sich also in mir. Sie sind immer noch hier, aber sie finden beim Streiten keinen Partner mehr. Wenn sie etwas von mir wollen, erhalten sie es. „Ich bitte Sie um das und das, Herr Doktor.“ „Gern geschehen“, antworte ich. „Nein, ich möchte lieber doch das, was Sie mir anbieten.“ „Bitte sehr“, antworte ich. Ich muss nicht unbedingt Recht haben. Natürlich sage ich meine Meinung und gebe Auskunft, aber ich lasse zu, dass die Menschen ihre eigene Erfahrungen machen, wenn sie auf eine andere Entscheidung bestehen. Ich muss nicht unbedingt mein Recht um jeden Preis verteidigen bzw. durchsetzen. Wenn man aufhört, sich an das eigene Recht krampfhaft zu klammern, wird man Frieden haben.

Was ich noch zu diesem Thema zu erzählen habe, bezieht sich auf den zuvor erwähnten Herrn X. Ich wurde Herrn X los, weil mir innerlich während einer Meditation mitgeteilt wurde, dass ich ihm sein Geld zurückgeben soll. Man kann sich vorstellen, wie groß Herr X in meinem Leben inzwischen geworden war, wenn er in mir sogar schon während der Meditation herumspukte. In Ordnung, dachte ich, das kann nur gut sein. Ich steckte das Geld, das er mir vor Jahren für seine Zähne bezahlt hatte, in ein Kuvert. Bei seinem nächsten Besuch nahm ich, als er weggehen wollte, sein Gebiss unter dem Vorwand, dass ich mir noch etwas anschauen müsse, in die Hand. Dann legte ich das Kuvert auf den Tisch und sagte: „Schauen Sie, hier ist all Ihr Geld, das Sie mir bezahlt haben, suchen Sie sich einen besseren Zahnarzt, für meine bisherige Arbeit will ich von Ihnen keinen Groschen.“ Er war überrascht, es wurde still, er schaute erst auf das Kuvert und im nächsten Moment auf sein Gebiss in meiner Hand. Dann ergriff er sein Gebiss und eilte davon. Ich sah ihn nie wieder.

Als die Praxis nur dahinvegetierte, erschien mir mein Beruf sehr langweilig, er war mir lästig geworden. Ich hatte das Gefühl, dass er mich an meinem Weg, an meiner spirituellen Entwicklung behinderte. Wenn ich meditierte oder irgendeine spirituelle Tätigkeit ausübte, fühlte ich mich wie im Himmel. Alles in mir und alles um mich herum war nur Frieden. Ich lebte in einer höheren Bewusstseinsebene, ich stand einfach über den Dingen. Aber die dumme Praxis richtete alles zugrunde. Wenn ich meinen zahnärztlichen Geschäften nachging, fühlte ich mich wie in der Hölle. In dieser Zeit träumte ich jeden Tag davon, endlich die Praxis zum letzten Mal zu betreten. Die Arbeit, die Kollegen und alles, was damit zusammenhing, war mir lästig geworden. Alles war ein Problem, die Patienten, das Geld und besonderes die schlechtbezahlte Arbeit. Die hat mich manchmal so ungeduldig gemacht, dass ich völlig vergaß, jemals meditiert zu haben. Das hat sich alles innerlich abgespielt, äußerlich zeigte ich vielleicht nur ein hundertstel davon. Ich dachte, es wäre für mich besser, weniger zu arbeiten, oder nur eine sehr kleine Praxis zu führen, oder noch gescheiter, irgendeinem anderen Geschäft nachzugehen. Inzwischen war ich schließlich schon lange genug Zahnarzt. So entschloss ich mich, in diesem Sinne etwas zu unternehmen. Einer der alten Schüler meinte, bei so großen Entscheidungen sei es am besten, auch die Meinung des Meisters einzuholen. In Ordnung, sagte ich mir, und schrieb ihm einen Brief, in dem ich ihm mitteilte, dass ich mit einer kleineren Praxis weniger Geld, dafür aber mehr Zeit und Frieden für die Spiritualität haben würde usw. Der Brief blieb ohne Antwort. Als ich das nächste Mal in New York war, lud mich Guru zu einem Gespräch ein. Er ließ mich auf einem Stuhl neben sich Platz nehmen und meditierte lange auf mich, ohne dabei ein Wort zu sagen. Dann knickte sein Körper ein, als wenn er schliefe, oder treffender gesagt, als ob er nicht da wäre. Schließlich kehrte er zurück und sagte lächelnd, dass er nicht glücklich wäre, wenn ich nicht Zahnarzt bliebe. Der Grund dafür ist, dass auch Gott nicht glücklich wäre, weil Er mich als Zahnarzt haben will. Dann lächelte er und sagte leise: „Du schreibst in deinem Brief, dass du in einer kleineren Praxis weniger Geld hättest. Vielleicht macht dir das nicht viel aus, aber du hast zwei Söhne, die gewöhnt sind, dass du über viel Geld verfügst, und für sie wäre das eine Enttäuschung. Außerdem musst du für sie auch eine gute Schule bezahlen. Du brauchst viel Geld, Gunagriha.“

Ich akzeptierte Gurus Entscheidung, besonders, dass ich viel Geld brauche. Wir können nicht in die Zukunft schauen und wissen daher auch nicht, welche Folgen schicksalsschwere Entscheidungen nach sich ziehen können. Obwohl ich meinen Beruf für langweilig hielt, gaben mir Gurus Worte Sicherheit. Trotzdem ärgerte ich mich noch lange über meine Arbeit. Ich murmelte „zum Teufel mit dem Beruf, es scheint, dass ich auch als Gottverwirklichter Zähne bohren muss”. Jedenfalls schließe ich so etwas heute nicht mehr aus. Der spirituelle Weg Sri Chinmoys dient nicht zur Flucht vor den Problemen der Welt, sondern soll uns gerade im Gegenteil lehren, das Leben zu akzeptieren, wie es ist. Dann folgt als nächster Schritt die Umgestaltung. Die Umgestaltung des Lebens erfolgt in einer Weise, dass die Probleme für uns keine Last mehr sind. Die Umgestaltung wird vollzogen, wenn man selbst umgestaltet wird. Unsere äußeren Umstände sind immer das Ergebnis unserer zuvor erfolgten inneren Umgestaltung. Ob wir mit Problemen konfrontiert werden, ist immer eine Frage der Einstellung. Das spirituelle Leben im allgemeinen und Meditation im speziellen sollen uns daher weder von unserem Beruf abbringen, noch unser Familienleben zerstören. Es ist keine Lösung, plötzlich alles wegzuwerfen, was man aufgebaut hat oder worauf man stolz war, um Gott zu finden. Damit wirft man Gott weg, weil schließlich alles Gott ist. Man muss in erster Linie die innere Einstellung ändern.

Jedes Jahr zum Jahreswechsel fährt Guru auf eine Weihnachtsreise, den sogenannten Christmas Trip. Auf diesen Reisen können auch die Schüler den Meister begleiten. Am Anfang, das waren für mich die ersten neun Jahre meiner Schülerschaft, kümmerte ich mich nicht um die Reise. Ich sagte mir dummerweise, dass ich keinen Urlaub brauche und das Nichtstun mir nur schaden würde. Ich bin kein Marco Polo. Ich dachte nicht daran, dass man dort mit dem Meister in ganz lockerer Atmosphäre äußerst viel Zeit verbringen kann und dadurch sehr intensiven inneren Fortschritt macht. Inzwischen war ich bis jetzt insgesamt vier Mal auf dem Christmas Trip. Schon nach dem ersten Trip fühlte ich seine Auswirkungen das ganze Jahr hindurch. Nach jedem Trip erlebte ich tiefgreifende, bleibende Veränderungen in mir.
    Auf dem letzten Christmas Trip war ich sehr krank. Ich litt wie noch nie zuvor in meinem Leben. Als ich in wahnsinnigen Schmerzen lag, war ich überzeugt, nie mehr gesund zu werden, nie mehr arbeiten zu können. Nach dem dritten Tag verlor ich auch meinen Sinn für Humor und fing an, meine Frühpension zu planen. Am fünften Tag gab ich es auf, gegen die Schmerzen zu kämpfen und nahm alles an. Ich dachte, wenn ich schon diese Erfahrung durchmachen muss, sollte ich es mit Freude oder zumindest mit Zufriedenheit tun. Letztlich wollen wir zum Ziel gelangen, und ein für uns unbekannter Weg trennt uns vom Ziel. Auf dem Weg gibt es Gutes und Schlechtes, und alles müssen wir hinter uns lassen. Ich sagte mir, wenn schon denn schon, je schneller um so besser. Dann bin ich innerlich in den Schmerz hineingegangen und rief dann den nächsten, wie in meiner Praxis die Patienten. Ich bedankte mich für jeden und bot, noch mehr zu geben, um den ganzen Rest zu verbrauchen. So hörten die Schmerzen plötzlich auf. In einigen Minuten war ich schmerzfrei, aber noch nicht gesund. Ich war noch monatelang schwach.

Nach dieser Krankheit hatte ich große Angst vor dem ersten Arbeitstag, da ich befürchtete, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Aber dann erhielt ich genau so viel Kraft wie Arbeit da war, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Am Abend war ich sehr dankbar, dass ich arbeiten konnte. Plötzlich war alles in mir wie ausgetauscht. Ich sagte mir: „Gott, willst Du, dass ich Zahnarzt spiele? Dann gib mir bitte die Kraft dazu! Ich tue diese Arbeit nur für Dich. Ich arbeite nur, weil Du mir diesen Beruf gewählt hast. Wenn ich aus Deiner Gnade auch die Kraft und Fähigkeit dazu habe, bin ich glücklich, es zu tun.” Was dann passierte, war die Überraschung für mich. Ich erhielt so viel Freude bei der Arbeit, dass ich nicht mehr aufhören wollte zu arbeiten. Ganz egal welche Art von Arbeit ich habe, ich führe sie mit Freude und Geduld aus und schaue nur auf die Qualität, weil ich nicht mehr für mich selbst arbeite und schlechte Qualität kann man Gott doch nicht liefern. Ich denke ständig an Ihn, der mir den Beruf gab. Jeden Tag und bei jeder Arbeit bin ich für die Gelegenheit dankbar, etwas für Gott tun zu können. Gott will nicht, dass ich ein berühmter Meditationslehrer werde, Er will auch nicht, dass ich ein millionenschwerer Geschäftsmann werde. Wenn Er wollte, könnte er mich im Handumdrehen in etwas Anderes verwandeln. Das weiß ich hundertprozentig. Er will aber, dass ich einfach nur meinen Beruf meinen Fähigkeiten entsprechend perfekt ausübe. Für Ihn, nur für Ihn.
    Die Fähigkeit, Seinen Wille annehmen zu können, wurzelt in der oben beschriebenen Krankheit. Durch die Schmerzen lernte ich Übergabe, bedingungslose Annahme. Wie und warum habe ich keine Ahnung. Es ist auch nicht mein Verdienst, aber diese Fähigkeit gibt mir täglich noch nie dagewesene Freude. Die Arbeit ist Entspannung. Mein Wunsch, nicht für Geld zu arbeiten, wurde erfüllt. Ich will meine Praxis nicht mehr aufgeben, weil sie meine spirituelle Werkstatt ist. Ich sehe, dass ich hier das verwirklichen kann, was Guru meint, wenn er sagt, dass wir unseren Schrein und Gott in unserem Alltag finden müssen. Meine Arbeit ist meine beste Meditation. Das fühlen natürlich auch die meisten Patienten, denn Gottes Wille kann nur durch die Zusammenarbeit zwischen Menschen ausgeführt werden.

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