Autohypnose und Konzentration

Ich habe Hypnose erlernt, um mit ihrer Hilfe meinen Patienten die Angst bzw. die Schmerzen zu nehmen. Dann, so dachte ich mir, bräuchte ich selbst auch nicht mehr darunter zu leiden, ihnen Schmerzen zuzufügen. Nachdem ich hypnotisieren konnte und bereits über einige Erfahrungen verfügte, nahm ich mir vor, in die Welt der Autohypnose einzudringen. Wie schön müsste es sein, wenn ich auch mich selbst in die Welt grenzenloser Phantasie entführen könnte. Ich begann damit im Frühling oder vielleicht Anfang Sommer 1987 und stand zu diesem Zwecke frühmorgens auf, um mich auf meine Hypnosecouch zu legen. Nach kurzer Entspannung mit Autogenem Training versuchte ich mich mit dem universellen Wesen in Verbindung zu setzen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass sich der große Gott weit weg von hier befindet und dass ich mich, wenn ich einmal sterbe, zu ihm begeben werde. Das wird, so war ich überzeugt, ein sehr guter Zustand sein, da werde ich nicht existieren müssen, weil ich mich in Ihm auflöse.

Ich spürte bereits in meiner Kindheit die Sehnsucht danach, nicht zu existieren, zu „nichts“ zu werden, vom „Sein“ in das „Nichtsein“ wechseln zu können. Wann immer ich schmollte oder auf jemanden böse war, zog ich mich zurück und träumte davon, „nichts“ zu werden, und zwar so radikal, dass nicht einmal der Zustand des „Nichtswerdens“ gespürt bzw. zur Kenntnis genommen wird. Diese Sehnsucht trug ich immer in mir. Auch heute würde ich es gerne erleben, aber so etwas gibt es nicht. Auch der Tod macht es nicht möglich, diesen Zustand kennen zu lernen. Es gibt diese Möglichkeit nicht, weil ein jeder das kosmische Spiel zu Ende spielen muss, besser gesagt im „Sein“ bleiben muss, entweder in dessen äußerer oder innerer Form.

An jenem oben erwähnten Morgen war ich entschlossen, beim „Chef“ anzuklopfen; ich wollte wissen, ob er mich hinein lässt. In meiner Vorstellung flog ich ganz hoch, weit über die Wolken. Vielleicht – so hoffte ich – würde ich Ihn finden. Da ist mir etwas Interessantes widerfahren, was ich weder verstanden habe noch erklären konnte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass dieses Erlebnis mein Leben ändern würde. Deshalb erzählte ich niemandem etwas davon.

Als ich so ausgestreckt auf der Couch lag, drang plötzlich von oben ein regelmäßiges, bündelförmiges, dickes Lichtbündel in meine Brust ein. Es war goldfarben, ein dunkleres Gold, keine Legierung mit anderen Metallen, sondern wie echtes Feingold. Dieses ständig herabströmende, Regen ähnliche Licht bestand aus vielen winzigen Teilen, die alle als kleine Blitzstrahlen in meine Brust einschlugen. Ja, das Licht drang genau genommen nicht als Kontinuum, sondern mehr in vibrierender Weise in mich ein. Es bestand nicht nur aus einem einzigen Bündel, sondern aus vielen Bündeln von goldenen Strahlen, die einander wellenförmig folgten. Welch´ wunderbares Gefühl war das! Und es hörte nicht auf, sondern verbreitete und vertiefte sich, sodass der goldene Regen bald nicht nur mehr auf meine Brust, sondern auf jeden Teil meines Körpers fiel. Es schien mir, wie wenn der goldene Regen jede Zelle getränkt hätte. Ich lag völlig regungslos da und übergab mich der Erfahrung, um so aufgeladen und erfüllt zu werden. Der Zustand dauerte so lange wie ein Regen, der den Boden nicht nur anfeuchtet, sondern richtig durchtränkt. Nachdem dies der Fall war, ging die Erfahrung zu Ende. Dies verlief ähnlich wie bei Regen, die Lichttropfen wurden immer dünner, dann fielen nur mehr einige Lichtteilchen, schließlich war es vorbei. Als ich von der Couch aufstand, war ich frisch und munter. Ich fühlte mich so kräftig wie noch nie zuvor und hatte das Gefühl, dass für mich nichts auf der Welt ein Problem darstellen könnte und ich jede Situation beherrschen würde. Die Autohypnose, so dachte ich, ist wirklich etwas Tolles, etwas, was ich jeden Tag machen sollte.

Dieses Erlebnis habe ich nicht vergessen, so etwas kann man nicht vergessen, aber ich habe mich darum nicht mehr gekümmert, weil ich später vergebens versuchte, die Erfahrung des goldenen Regens wieder zu erhalten. Sie ist nicht mehr gekommen. Was ich da wirklich erlebt hatte, wusste ich nicht, es war mir nur klar, dass es nichts mit Autohypnose zu tun hatte. Woher hätte ich wissen sollen, dass es so etwas wie das göttliche Licht gibt? Zwei, drei Jahre später habe ich in einem Buch meines Meisters gelesen, dass göttliches Licht von goldener Farbe ist. Der Meister antwortete auf die Frage, was mit dem von ihm heruntergebrachten Licht, das von den Menschen nicht assimiliert werden kann, geschieht, es gehe nicht verloren, sondern bleibe so lange in der Atmosphäre, bis es jemanden findet, der offen und bereit dazu ist, es aufzunehmen. Außerdem sagt er, dass das göttliche Licht in dem Menschen verbleibt, in den es eindringt. Obwohl man dieses Licht physisch nicht sehen kann, dringt es in innere Teile unseres Wesens und bleibt so lange dort, bis das ganze Wesen umgewandelt wird. So erkannte ich später, dass ich göttlich „infiziert” worden war, und erst jetzt im nachhinein verstehe ich, warum eine Reihe von Veränderungen in mein Leben traten. Das war ein Vorgang, der mich zu meinem Meister, zum spirituellen Leben führte.

Im August 1987 zelteten wir in den Bergen nahe meinem Geburtsort Ditro. Dort hatte ich schon irgendwie ein anderes Ich-Gefühl. Ich war viel aktiver als früher und ich erlebte die Welt intensiver. Es schien mir, als wenn ich plötzlich über die Fähigkeit verfügte, alles klarer und insbesondere reiner und tiefer sehen zu können. Allerdings trank ich damals noch Alkohol. Ich erinnere mich noch an das letzte harte Getränk, das ich konsumierte, einen speziellen französischen Weinbrand. Wir fuhren nach Wien zurück und beim Trinken eines Bieres spürte ich, dass ich jetzt über die Kraft verfügte, mit dem Trinken für immer aufzuhören. Ich konnte endlich die Tatsache akzeptieren, nie mehr Alkohol zu trinken.  

Mit Alkohol hatte ich immer Probleme. Ich habe getrunken, weil jeder trank, der als ernstzunehmender Mensch gelten wollte. Das gehörte zum Leben, eine Alternative stand nicht zur Debatte. Bei uns sagt man, wer nicht trinkt, hat entweder Dreck am Stecken oder ist krank. Ich wollte weder Dreck am Stecken haben noch krank sein. Aber ich litt sehr viel, bis ich mich an das Trinken gewöhnt hatte. Morgens, auf nüchternen Magen, brachte ich nie einen Schluck Alkohol hinunter. Mit der Zeit gelang es mir jedoch, mich auf ein gutes Niveau hoch zu turnen. Später blickten bei Trinkpartys selbst die größten Säufer mit Ehrfurcht auf mich. In meinem Leben war ich, egal was ich gerade machte, immer bestrebt, nicht nur einfach meinen Mann zu stehen, sondern der Beste zu sein. Das galt leider nicht nur für die guten Dinge. Daher konnte ich die übliche Portion Alkohol eines normalen Menschen im Handumdrehen wegstecken. Morgens, auf nüchternen Magen, habe ich nur beim Schweineschlachten mit meinem Paten oder im Urlaub in den Bergen ge-trunken, aber das büßte ich dann den ganzen Tag. Nachdem ich nach Wien gekommen war, hörte ich öfter für ein, zwei oder drei Monate radikal mit dem Trinken auf, aber ich konnte mich mit der Abstinenz nicht abfinden. Irgendwie hatte ich das Gefühl, in meinem Leben etwas Wichtiges zu verlieren, anders zu werden, nicht mehr der zu sein, den ich kannte und gewohnt war. Jetzt hatte ich die Kraft. Endlich! Ich wusste, dass es klappen würde. Aber das ging natürlich auch nicht leicht. Im kommenden Sommer – oft auch während der Arbeit – erschien vor meinem seelischen Auge öfters ein Glas kalten Bieres, auf dem Glas sah ich Wassertropfen, die aufgrund der Kälte kondensierten, und meine Sehnsucht nach dem Bier war enorm. Stellen Sie sich vor, wie im Mund eines Patienten ein Glas Bier erscheint. Aus der ganzen Geschichte mit dem Trinken zog ich die Erkenntnis, dass ich auch bezüglich des Trinkens nicht aufrichtig zu mir gewesen war. Wenn jemand mir früher gesagt hätte, ich sei ein Alkoholiker, abhängig von Alkohol, hätte ich mich schwer beleidigt gefühlt. Als ich aber mit dem Trinken aufhörte, stellte sich heraus, dass auch der nicht regelmäßige Konsum von Alkohol abhängig macht, auch das ist also eine Form des Alkoholismus.

Ich habe Hypnose auch mit anderen Menschen durchgeführt, was mich mental sehr ermüdete. Nach solchen Sitzungen litt ich immer an Kopfschmerzen und spürte, dass ich nicht über genug innere Kraft verfügte. Aber ich musste es machen, weil ich sehr begabt war, nicht wahr? Und wenn ich dann noch genug innere Kraft erhielte, könnte ich sehr berühmt, sogar weltberühmt werden. Ich habe vor meinem inneren Auge schon gesehen, wie man vor meinem Haus Schlange stehen würde, um zu dem berühmten Dr. Fülöp zu gelangen. Das Haus besaß ich auf jeden Fall schon. Es stand in der Nähe von Wien und wartete mit seinen 15 Zimmern und dem zehntausend Quadratmeter großen Garten schon auf die Renovierung. Mir fehlte also nur die innere Kraft, um etwas Historisches erreichen zu können. Vielleicht könnte ich so etwas bahnbrechend Wichtiges für die Menschheit tun, dachte ich mir. Vielleicht ginge dann der dritte Wunsch in Erfüllung?

Wie und wo kann ich die innere Kraft finden? Das war die Frage. In meiner Kindheit hatte ich erfahren, dass es die Technik der Konzentration gibt. Dabei schaut man auf einen Punkt an der Wand und versucht an nichts zu denken, alles hört auf zu existieren. Es gibt nur den Punkt und den Beobachter. Wer diese Übung konsequent durchführt und meistert, der wird über große innere Kraft verfügen.

In der Innenstadt fand ich eine esoterische Buchhandlung, in welcher ich ein Buch mit dem Titel „Konzentration und Selbstverwirklichung” erstand. Ich begann konsequent nach den Anleitungen in diesem Buch zu üben. Früh morgens stand ich auf und setzte mich zu Konzentrationsübungen hin. Mein Blick war auf den Sekundenzeiger eines Weckers gerichtet. Ich hatte zu beobachten, wie er sich im Kreise bewegt. Weder an den Wecker noch an den Zeiger durfte ich bei dieser Übung denken, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Von Zeit zu Zeit sollte ich kontrollieren, wie viel Zeit ich im „Nichts“ verbringen konnte. Das schien für mich eine unlösbare Aufgabe zu sein. Ich übte und übte, aber länger als zehn Sekunden konnte ich nicht durchhalten. Darüber hinaus bekam ich oft Kopfschmerzen. Drei Monate später führte ich einen Kontrolltest durch, der im gleichen Buch angeboten wurde und es stellte sich heraus, dass ich nicht einmal das Niveau eines durchschnittlichen Anfängers erreicht hatte. Noch schlimmer. Wenn ich am Anfang auf einmal vielleicht mit fünf durchblitzenden Gedanken zu kämpfen hatte, hatte ich jetzt mit fünfzig Gedanken zu tun. Nicht zu vergessen die viele Schmerzen im Kopf und in den Augen. Deshalb gab ich dann auf. Das war keine geeignete Methode für mich, ich musste auf eine andere Weise in den Besitz innerer Kraft gelangen.

Lernen fiel mir immer leicht, wenn ich mich nur hinsetzen und an die Arbeit machen wollte. Ich hatte die Fähigkeit, eine unglaubliche Menge von Informationen in meinen Kopf einzutrichtern. Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass Konzentration und die Meditation etwas anderes sind als das normale Lernen. Bei der Meditation geht es nicht um Lernen, sondern um Vergessen. Man muss erlernen zu „vergessen”. Ich konzentrierte mich im Kopf, das heißt, ich probierte die Konzentration genauso wie etwa die Dosierung und Wirkung der Medikamente in meinen Kopf hineinzupumpen. Im Kopf kann man sich nicht wirklich konzentrieren, man muss über den Verstand hinausgehen, das heißt, mein Ichgefühl muss den Bereich des Kopfes verlassen, nur dann kann man den Zustand erlangen, in welchem lediglich ein Gedanke oder ein Begriff im Bewusstsein existiert. Es ist unmöglich, den Verstand aus eigener Kraft zu beherrschen. Man be-nötigt dazu eine andere Kraft, und die muss man von woanders holen.
    Wer die Kunst der Konzentration beherrscht, erhält wirklich große innere Kraft. Mit der Konzentration kann man alles erreichen, sowohl äußere als auch innere Ziele. Diese Kraft kann man entsprechend der eigenen Einsicht gebrauchen. Das heißt, Konzentration kann man für gute, aber auch für schlechte Ziele einsetzen.
    So habe ich nach meinen drei Monaten der Konzentrationserfahrungen wieder die Buchhandlung aufgesucht. Wir hatten Winterferien und so verfügte ich über viel Zeit. Den ganzen Vormittag steckte ich zwischen den Büchern und suchte in den Inhaltsverzeichnissen nach der inneren Kraft. Nichts. Vielleicht gibt es so etwas nicht, dachte ich mir, oder man kann es nicht entwickeln. Es gab wirklich kein Buch oder kein Kapitel in irgendeinem Buch über innere Kraft. Die Mehrheit der Bücher beschäftigte sich mit Gott. Aber Gott habe ich nicht gesucht. Ich war kein Priester, weshalb ich mir auch nicht vorstellen konnte, was ich mit dem Thema hätte anfangen sollen. Meiner Ansicht nach brauchten nur diejenigen Gott zu studieren, bei denen es beruflich bedingt ist. So wie ich die Zähne kennen muss, die ich repariere und verkaufe. Ich wollte die Buchhandlung schon verlassen, als ich beim Ausgang neben der Tür ein blaues Buch mit dem Titel „Meditation” erblickte. Da blau meine Lieblingsfarbe war, nahm ich das Buch in die Hand. Was ist Meditation? Ich hatte keine Ahnung, ich wusste nicht einmal, dass es ein innerer Vorgang war, der sich in still sitzenden Menschen abspielte. Ein Vorgang, der mir von außen betrachtet langweilig, von innen her gesehen unverständlich erschien. Nachdem ich das Buch geöffnet hatte, las ich irgendwo: „Meditation ist die Sprache Gottes.“ „Na grüß Gott, das ist wieder nichts für mich,“ dachte ich mir. Ich machte das Buch zu und wollte es gerade in das Regal zurücklegen, als ich das Foto des Autors, Sri Chinmoy, bemerkte. Seine Augen schauten weit in die Ferne, in eine andere Welt vielleicht und waren ganz anders als diejenigen, die man gewöhnlich sah. Eines spürte und wusste ich sofort: dieser Mensch hat meine Probleme nicht. Er sucht nicht nach der inneren Kraft, er hat sie. Ich dachte, es ist mir egal, was Meditation ist, aber ich will einfach auch so sein wie dieser Mensch ist. Deshalb kaufte ich das Buch und nahm mir vor, es wenigstens zu lesen.

Hozzászólások lezárva